"Spinoza habe ich nicht verstanden, aber ich las standhaft weiter."

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Interview mit Sahra Wagenknecht : „Ich würde Goethe gerne eine Frage stellen“

Das erste Buch für Erwachsene, wann haben Sie das gelesen?
Viel zu früh, so mit zehn, holte ich mir Freud und Spinoza aus dem Bücherregal meiner Mutter. Ich habe nichts verstanden, las aber trotzdem standhaft weiter.

Eine komische Eigenschaft, weiterzulesen, obwohl man nichts versteht.
Zumindest ist das eine Eigenschaft von mir. Später war sie mir bei der Hegel’schen Logik von Nutzen. Am Anfang weiß man nicht, wovon der Mann redet, aber irgendwann erschließt sich, dass das keine Rabulistik ist, sondern sehr tiefe Gedanken.

Wegen Hegel sind Sie zum ersten Mal nach West-Berlin gefahren, den fehlenden Band gab es nur in der Stabi. Ein halbes Jahr lang blieben Sie in Karlshorst, obwohl die Mauer schon gefallen war.
Ich hatte weder Verwandte im Westen noch Westgeld. Es ist doch müßig, durch eine Stadt zu streifen, in der man sich noch nicht mal einen Kaffee kaufen kann.

Was war mit Ihrem Begrüßungsgeld?
Wollte ich nicht abholen, fand ich demütigend.

Stellen Sie sich vor, die 19-jährige Sahra Wagenknecht würde sich hier im Bundestagsbüro bei Ihnen als Praktikantin bewerben …
… ich weiß nicht, ob ich sie nehmen würde. Ich war damals nicht gerade kommunikativ. Ich hätte auf Anhieb beantworten können, was Goethe im „Eckermann“ zu diesem oder jenem Thema gesagt hat, aber vom politischen Personal der Bundesrepublik kannte ich gerade mal den Bundeskanzler.

Sie kämpften sich also durch die Hegel’sche Logik – ist Durchhaltevermögen auch bei Belletristik eine entscheidende Gabe?
Nein, gute Literatur muss von der ersten Seite an fesseln, wie Thomas Manns „Dr. Faustus“.

Welcher ist heute Ihr Lieblingsplatz zum Lesen?
Ein richtig schöner Lesesessel, in dem ich auch zwölf Stunden sitzen kann, ohne dass mir der Rücken wehtut.

Über welchem Buch sind Sie zuletzt eingeschlafen?
Eigentlich nie. Wenn ich abends lese, muss ich mir schon die Uhr hinstellen und mir sagen: Jetzt hör’ auf. Sonst lese ich bis vier Uhr oder länger.

Leihen Sie sich immer noch Bücher aus?
Kaum noch. Ich hatte mit Bibliotheken immer Ärger, weil ich Spuren hinterließ – meine Notizen hatte ich so gut es geht ausradiert, aber irgendwas bleibt immer.

Ein starkes Argument für das Privateigentum!
Bei Büchern bin ich dafür. Sie müssen aber dann auch preiswert angeboten werden.

Können Sie uns ein Antiquariat empfehlen?
Oh-oh …

Sie kaufen also alles bei Amazon?
Früher ja, aus Bequemlichkeit. Amazon ist ein scheußlicher Konzern, aber dort findet man in wenigen Minuten jedes Buch, weil die Antiquariate ihr Angebot einstellen … Inzwischen habe ich einen Link zu einem freien Zusammenschluss von Antiquariaten gefunden, der Ähnliches bietet.

Sie müssen in Ihrem Alltag viele komplizierte Drucksachen und Anträge lesen. In dem Papier „Bodenschutz europaweit stärken“ heißt es zum Beispiel unter Punkt 6: „… einheitliche Regelung von Grenzwerten für Schadstoffgehalte in Böden, die auch synergistische und antagonistische Effekte berücksichtigen sowie Festlegung von allgemein gültigen Untersuchungsstandards hinsichtlich Methodik, Umfang, Raster und Frequenz …“
Oh je, oh je…

Das haben Sie auch unterschrieben.
Dann habe ich es auf jeden Fall überflogen. Aber richtig einarbeiten kann man sich nur im eigenen Fachgebiet. Alles andere ist Illusion. Ich bin sowieso eher für kurze, einprägsame Anträge. Natürlich sind auch die kaum poetisch nobelpreisverdächtig. Man sollte aber selbst bei fachfremden zumindest im Groben verstehen, worum es geht.

Wenn Sie hier vor dem Bundestag in eine Zeitmaschine steigen könnten: Wohin würde es gehen?
In die Goethezeit, nach Weimar. Ein Gespräch mit Goethe würde mich faszinieren. Ich würde ihn gern fragen: Wie hat er sich sein ganzes Leben lang den Glauben an die Menschheit und eine menschliche Zukunft bewahrt? Goethe hat den Kapitalismus in all seiner Barbarei hinaufziehen sehen und hat prophetisch gesagt: Das wird’s nicht gewesen sein. Über diese Perspektive würde ich mich gern mit ihm unterhalten.

Frau Wagenknecht, manche Ihrer Genossen halten Sie für kühl.
Ich möchte bei Auftritten durch Argumente überzeugen. Meist ist man öffentlich auch in der Situation der Angegriffenen. Da verhält man sich anders als auf einer Grillparty unter Freunden. Ein Politikentwurf à la Claudia Roth, diese ständige zur Schau getragene Betroffenheit, das ist nicht meins. Ich halte das für künstlich und albern.

Als Sie das Gesicht der Kommunistischen Plattform wurden, waren Sie erst 25 und meist umringt von älteren Herren in grauen Anzügen. Was hat Ihre Mutter eigentlich dazu gesagt?
Sie fand, ich sollte mich lieber auf mein Studium konzentrieren. Die PDS war damals ein geächtetes Schmuddelkind. Inzwischen sieht sie das anders.

Sie haben Überzeugungsarbeit geleistet?
Unsinn. Ich würde nie meine Mutter indoktrinieren.

Waren Sie mittlerweile im Iran, der Heimat Ihres Vaters?
Nein. Solange die politischen Verhältnisse dort so sind, wie sie sind, wäre mir das zu schmerzhaft. Ich müsste mich verschleiern. Als Frau darf man im Iran mit einem Mann, mit dem man nicht verheiratet ist, nicht nebeneinander im Bus sitzen. Wenn es irgendwann, was ich mir sehr wünsche, eine progressive Regierung gibt, würde ich gern hinfahren.

Sie haben mal Farsi gelernt.
Als Jugendliche, aus Neugier. Ich habe bei einer Studentin Unterricht genommen. Da ich es nie praktiziert habe, ist es weitgehend verschüttet.

Würden Sie zum Schluss noch einige Sätze für uns vervollständigen? An Angela Merkel mag ich …
… wie sie sich in einer männerdominierten Partei nach oben gekämpft hat. Die Art, wie sie ihre Konkurrenten beiseitegeschafft hat, finde ich schon etwas grauenerregend.

Den Sozialismus in seinem Lauf …
… ich werde Ihnen jetzt nicht den Ochs und Esel bringen. Ich hoffe, dass der Sozialismus irgendwann wieder Lauf kriegt – ausdrücklich nicht der Sozialismus der Vergangenheit, sondern einer, der attraktiv ist und den Menschen eine bessere Perspektive bietet als der heutige Kapitalismus. Entscheidend ist, dass niemand mehr die Möglichkeit hat, sich an der Arbeit anderer zu bereichern. Dass die Unternehmen denen gehören, die in ihnen arbeiten.

Heiraten würde ich noch mal, wenn …
… ich Lust dazu habe.

Wenn ich Monopoly spiele …
… dann so, dass ich möglichst bald auf der Schlossallee sitze, damit ich gewinne.

Sahra Wagenknecht, 43, ist stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei und führte lange deren Kommunistische Plattform. Sie wuchs in Jena auf, studierte Philosophie, Neuere Deutsche Literatur und Volkswirtschaftslehre. Heute lebt sie mit ihrem Partner Oskar Lafontaine im Saarland und in Berlin.

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