„Lernen muss für Kinder nicht scheiße sein“

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Interview mit Titus Dittmann : „Als abschreckendes Beispiel war ich gefragt“
Dittmann organisiert in seinen Skatehallen Seminare und Workshops für Kinder und Jugendliche.
Dittmann organisiert in seinen Skatehallen Seminare und Workshops für Kinder und Jugendliche.Foto: imago/Rüdiger Wölk

Darüber haben Sie gerade ein Buch geschrieben. Sie kritisieren, dass Kinder heute keine Freiheiten mehr hätten und fordern „erwachsenenfreie Räume“. Was meinen Sie damit?

Dass ein Kind zu bestimmten Zeiten gar nicht mehr spürt, dass da eine Aufsichtsperson ist. Es soll nicht das Gefühl haben, kontrolliert zu werden. Das gilt schon für kleine Kinder, die gerade krabbeln können. Zu viel Förderung verhindert, dass Kinder sich selber Ziele setzen und die alleine erreichen. Das fängt mit Klötzchen-Aufeinanderstapeln an. Auch ohne Hilfe hat das Kind sie irgendwann zusammen. Es hat etwas Wunderbares geschaffen und ist stolz darauf. Alleine.

Wieso sollen Eltern dabei nicht helfen?

Lernen muss für Kinder nicht scheiße sein. Wird es aber, wenn es nur fremdbestimmt stattfindet und man ihnen gar nix mehr zutraut. Auch körperlich. Plötzlich fällt jedes dritte Kind durch die Fahrradprüfung, weil sie den ganzen Tag in der Schule sitzen und keine Möglichkeit mehr haben, sich auszuprobieren, Mutproben zu machen, Kräfte zu messen. Ich sehe keine Balance mehr zwischen selbst- und fremdbestimmtem Lernen. Fürchterlich!

Also ist gegen eine ordentliche Schulhofsklopperei nichts zu sagen?

Ich weiß, dass ihr mich hier festnageln wollt. Jetzt könnte ich sagen, mit 25 Newtonmetern zuschlagen ist okay, ab 30 ist das nicht in Ordnung. Das werde ich nicht machen. Wir sind Menschen, verdammt, warum tun wir immer so, als hätten wir unsere Emotionen im Griff?

Sie sagen auch, der Ethikunterricht ersetze nicht den Diebstahl eines Schokoriegels. Wenn ein Jugendlicher in Ihrem Skateladen einen Pullover klaut, finden Sie das also gut?

Das Klauen eines Schokoriegels ist verwerflich! Ich finde auch die Akzeptanz fürs Schuleschwänzen, um für das Klima demonstrieren, nicht korrekt. Dadurch gehen Grenzen verloren. Wir haben eine Schulpflicht, das ist gesetzlich festgeschrieben.

Jetzt widersprechen Sie sich, Sie wollen doch, dass die Kinder aus eigenem Antrieb auf die Straße gehen.

Wenn Eltern und Politiker bei der Schülerdemo mitlaufen, wird für die Kinder der Weg zur Selbstbestimmung schwieriger. Schließlich demonstrieren sie doch gegen deren Politik. Und was machen die blöden Erwachsenen? Sie tun so, als hätten sie mit dem Klimaproblem nichts zu tun und hebeln so den ganzen Protest aus. Wo bleibt da die Konsequenz? Ich finde es zum Kotzen, wenn Politiker sagen: Kids, scheißt auf die Gesetze! Es kommt nur darauf an, dass ihr für das demonstriert, was wir auch gut finden. Das ist doch willkürlich, oder?

Sie haben 1968 Abitur gemacht. Wie hat der Zeitgeist von damals Sie beeinflusst?

Durch die Parolen. „Trau keinem über 30“, „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Die ernst zu nehmen, hat das Leben ganz schön stressig gemacht.

Stattdessen leben Sie seit Ihrer Jugend mit Ihrer Frau Brigitta zusammen, die wie Sie aus Kirchen an der Sieg stammt. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Das war ein kleines Kaff, damals 5000 Einwohner. Der Fluss in der Mitte war die Demarkationslinie. Auf dem einen Hügel wohnten die Katholiken, also meine spätere Frau, auf dem anderen die Protestanten, dazu zählte ich. Man hatte nichts miteinander zu tun, höchstens haben wir Jungs mal gegeneinander Tannenzapfenschlachten ausgetragen. Westerwälder Gotcha.

Klingt wie „Romeo und Julia“. Wann kamen Sie sich zum ersten Mal näher?

Sie war 17 und ich 20. Dann entstand die erste konfessionsfreie öffentliche Zone, genannt: Diskothek. Brigitta saß in einem Cocktailsessel. Ein laufender Meter, weißblonde Locken. Das schönste Mädchen des Dorfes. Ich dachte: Wow, die musst du kennenlernen. Ich hatte keinen Plan, bin rüber, habe ein Bein über die Lehne geschwungen und saß plötzlich hinter ihr. Da habe ich mich erschreckt, wurde panisch und wusste nicht, was ist sagen sollte. Mir fiel nichts Besseres ein, also fragte ich: „Na, hast du schon mal gebumst?“

Und damit hatten Sie wirklich Erfolg?

Sie drehte sich zu mir um und antwortete: „Das geht dich einen Scheißdreck an.“ Ich bin dann wieder aufgestanden. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, aber da wir uns so früh kannten, haben wir uns gegenseitig sozialisiert und erzogen.

Wie meinen Sie das?

Wir sind seit 50 Jahren zusammen und seit 44 verheiratet. Wir hatten alle Krisen, die eine Ehe haben kann. Aber egal, wie wir uns zwischendurch genervt haben, wie wir uns angeschrien haben, wie scheiße wir uns fanden, da war immer diese Ratio: Man kann doch nicht eine Beziehung hinschmeißen, weil irgendwas nicht läuft. Dann muss man an sich arbeiten.

Sie sind gerade zum zweiten Mal Opa geworden. Gelten für Ihre Enkel jetzt andere Maßstäbe als für Ihren Sohn Julius, der heute die Firma führt?

Ich dachte, ich sei der geilste Pädagoge der Welt. Ich wollte kein Papa sein, habe meinen Sohn wie einen Freund behandelt. Gleiche Augenhöhe. Ja, scheiße! Im Endeffekt war ich egoistisch. Ich wollte Spaß mit ihm haben, Snowboarden gehen. Ich habe dafür gesorgt, dass er die Pubertät nicht mitgekriegt hat. Er hatte diesen Loslösungsprozess von den Eltern nie. Das spüre ich, wo ich Opa bin und mein Sohn die Geschäfte übernommen hat. Jetzt konzentriert er sich umso mehr auf seine eigene Familie.

Als Elternteil haben Sie eine gewisse Vorbildfunktion. Haben Sie beim Skaten einen Helm getragen?

In den 70ern schon. Selbst, als wir nur durch die Stadt gerollt sind, trugen wir Knieschoner, Helm. Wir hatten gepolsterte Hosen! Wir wollten jedem zeigen, was wir für geile Typen sind und was für gefährliche Sachen wir machen. Deswegen haben wir uns eingepackt wie in eine Ritterrüstung. Dann wurde in den USA das Skaten im öffentlichen Raum verboten. Stattdessen wurden Parks gebaut und in denen durftest du nur mit Helm und Schonern fahren. Ab da waren die Coolsten jene, die auf der Straße ohne Helm und ohne Schoner gefahren sind. Aber dennoch ist es natürlich richtig zu sagen: „Kinder, schont eure Birne!“

In Ihrem Buch schildern Sie, wie ihr Sohn gemeinsam mit einem Freund beschloss, „lebende Fackel“ zu spielen. Die beiden hatten ihre Jacken mit Benzin besprenkelt und fragten nach Ihrem Rat, und Sie haben mitgemacht.

Im gewissen Alter finden so Sachen statt. Jeder hat irgendwelchen Scheiß gemacht, den er zu Hause nicht erzählen konnte. Ich fordere Eltern keineswegs auf, ihre Kinder bewusst in Gefahr zu bringen. Ich bin nur dafür, den Kindern Freiräume zu geben und locker zu bleiben. Dann brechen sie sich vielleicht mal den Arm oder haben eine Schürfwunde. Aber sie haben vielleicht eine Lektion fürs Leben gelernt.

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