James Baldwin : Ein Prophet der klaren Worte

Seinen Texten wohnt eine seltene Wucht und Klarheit inne. Vielleicht erfährt James Baldwin deswegen ein Revival.

Einnehmend. Der Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin 1979 in seinem Haus in Südfrankreich.
Einnehmend. Der Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin 1979 in seinem Haus in Südfrankreich.Foto: AFP

Cool sieht er aus, mit seinem schmalen Schlips, dem smarten Anzug und markanten Gesicht, die eine Hand lässig in der Hosentasche. Der Saal ist überfüllt, die Studenten hocken auf dem Boden. Das Thema des Debattierduells in Cambridge an diesem Februartag 1965: Ging der amerikanische Traum auf Kosten der Schwarzen?

Dann legt James Baldwin los, ohne Manuskript und mit einer Intensität, die aus der Erfahrung schöpft, eindringlich, ohne laut zu werden, die Pausen so effektiv wie die Worte setzend. Der 40-Jährige berichtet vom Verlust seiner Unschuld. Von dem Schock, als schwarzer Junge zu entdecken, „dass die Flagge, der du, zusammen mit allen anderen, die Treue geschworen hast, dir keine Treue geschworen hat“. Dem Schock, wenn man mit Gary Cooper fiebert, wie er die Indianer tötet – „nur um zu begreifen, dass du der Indianer bist. Dass das Land, in das du geboren wurdest, keinen Platz für dich hat“.

Der Schriftsteller erzählt von den Diskriminierungen durch Polizisten, Taxifahrer, Vermieter. Er klagt an: dass seine Landsleute ihm die Rechte als Amerikaner nicht geben wollen. Und stellt klar: „Ich bin einer der Leute, die dieses Land aufgebaut haben. Ich habe die Baumwolle gepflückt. Ich habe die Eisenbahngleise gelegt.“

Am Ende stehen die Studenten auf, klatschen und klatschen. Der Moderator ist ganz aufgeregt, Standing Ovations hat es in dem englischen Debattier-Club noch nie gegeben. Baldwins Gegenredner, der ultrakonservative William F. Buckley, hat keine Chance. Der Schriftsteller gewinnt mit 544 zu 164 Stimmen.

Baldwins Botschaften sind nach wie vor aktuell

James Baldwin Superstar. Damals – und heute. 32 Jahre nach seinem Tod ist der Autor und Aktivist (1924–1987) so präsent wie seit den 60er Jahren nicht mehr. Die „Black Lives Matter“-Bewegung kürte ihn zu ihrer Galionsfigur, prominente Schriftsteller wie Ta-Nehisi Coates berufen sich auf ihn. Der fulminante Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“, in dem auch Szenen aus der Cambridge-Rede zu sehen sind (auf Youtube hat der komplette Mitschnitt fast anderthalb Millionen Zuschauer erreicht), wurde 2017 für einen Oscar nominiert. Im selben Jahr brachte der Taschen Verlag eine Neuausgabe des Bildbandes „Nothing Personal“ heraus, eine Gemeinschaftsarbeit von Baldwin mit seinem Schulfreund, dem Porträtfotografen Richard Avedon. Der dtv-Verlag bringt sein Werk in neuer Übersetzung heraus, die ersten Titel landeten 2018 gleich auf der Bestsellerliste. Und am 7. März kommt die für drei Oscars nominierte Romanverfilmung „If Beale Street Could Talk“ von „Moonlight“-Regisseur Barry Jenkins ins Kino. Baldwin wäre wohl entzückt gewesen. Der Filmfan hatte sich so gewünscht, seine Arbeit auf der großen Leinwand zu sehen.

Es ist ein Triumph mit bitterer Note. Denn nach einem halben Jahrhundert sind Baldwins Beobachtungen und Botschaften nach wie vor aktuell. Diskriminierung, Gewalt, Polizeibrutalität und Rassismus gehören bis heute zum Alltag schwarzer Amerikaner. Noch immer haben die Weißen nicht gehört, was Baldwin ihnen wieder und wieder sagte: dass es kein „negro problem“ gibt, höchstens ein weißes Problem. Solange das Land sich nicht mit seiner Geschichte, einer Geschichte der Gewalt auseinandersetze, solange die Amerikaner nicht die Verantwortung übernähmen für ihre Taten, solange könnten weder Weiße noch Schwarze frei sein. Die, davon war er fest überzeugt, einer Rasse angehörten. Der menschlichen.