"Ich schaue Katzencontent auf YouTube"

Seite 2 von 2
Jarett Kobek über das Internet : Alles Schlechte zum Geburtstag
Der Schriftsteller Jarett Kobek wurde mit dem Roman „Ich hasse dieses Internet“ 2016 in den USA und Deutschland über Nacht bekannt.
Der Schriftsteller Jarett Kobek wurde mit dem Roman „Ich hasse dieses Internet“ 2016 in den USA und Deutschland über Nacht...Foto: imago/Sven Simon

YOUTUBE

In meinem Freundeskreis bin ich, was das Leben im Netz betrifft, der totale Außenseiter. Wenn man allerdings wie ich halb türkisch, halb irisch aufwächst, lässt einen das kalt. Sich ein wenig deplatziert zu fühlen, ist ganz normal. Einen YouTube-Account habe ich somit auch nicht mehr. Videos schauen geht auch ohne Anmeldung. An der Plattform mag ich, dass sie zu einem Archiv für die gesamte Geschichte visuell aufgenommener Kultur geworden ist.

Verstörend ist allerdings, dass dieses wertvolle Gut von einem einzigen Unternehmen kontrolliert wird – Google ist nicht gerade die kuscheligste Firma der Welt, und sie ist in der Lage, jeden Aspekt deines Videomaterials zu kontrollieren.

Außerdem sind viele Kommentare unter den Videos leider abscheulich. Unmöglich, da einen besonders schlimmen auszuwählen. Aber ich muss zugeben, ich schaue gern Katzencontent auf YouTube. Ich bin auch nur ein Mensch! Es könnte sogar sein, dass ich irgendwann einmal ein Video über meine beiden Katzen gedreht und auf YouTube hochgeladen habe …

NETFLIX

Einmal durfte ich den Netflix-Account einer großzügigen Freundin mitnutzen. Das Tolle: Basierend auf dem, was man guckt, empfiehlt dir der Streamingdienst Filme und Serien, die dazu passen.

Meine Freundin hat vor allem Entspannendes wie die Serie „Gossip Girls“ geschaut. Nachdem ich ihr Netflix-Konto mitgenutzt hatte, wurden ihr dann ausschließlich Filme mit Serienkillern in der Hauptrolle vorgeschlagen. Ich bekam einen wütenden Anruf von ihr: Meine Interessen hatte ihre Liste an Empfehlungen ausgelöscht. Ich hätte mir auch einfach ein eigenes Profil anlegen können, doch davon wusste ich nichts.

FACEBOOK

Ich wollte meinen Facebook-Account eigentlich immer eliminieren. Dann habe ich 2013 ein Praktikum in Dänemark gemacht und Menschen kennengelernt, die ausschließlich über den Facebook-Messenger kommunizieren. Um mit ihnen in Kontakt zu bleiben, habe ich entschieden, mein Profil zu behalten.

Erstmalig angemeldet hatte ich mich im Jahr 2010, irgendwie aus Trauer. Bernard, ein Dermapathologe, für den ich in New York gearbeitet hatte, war gestorben. Bernard ist ein Freak gewesen, eine wundervolle Person, einer meiner Mentoren. Er hatte seinen eigenen Fachbuchverlag – er war der Steve Jobs auf seinem Gebiet. Außerdem hat er hässliche Fotos von Hautkrebs schöner gemacht. Dafür brauchte er jemanden, der weiß, wie das Bildbearbeitungsprogramm Photoshop geht. So hatten wir uns kennengelernt.

Nachdem Bernard also gestorben war, begann für mich eine Phase tiefer Trauer. Aus irgendeinem Grund meldete ich mich in dieser Trauerphase bei Facebook an. Ich weiß bis heute nicht, wieso, denn Facebook hatte nichts mit Bernard zu tun. Dort war niemand, der ihn kannte.

Heute nutze ich Facebook täglich, als eine Art Notizblock für Bilder. Keine Aufnahmen von mir oder aus meinem Leben, sondern irgendwelche Fotos, die ich aufbewahren möchte. Obwohl in meiner Freundesliste hunderte sogenannte Freunde sind, sehe ich nur noch Beiträge von vielleicht 20 Menschen in meiner Timeline. Ich habe nämlich eine Regel: Wann immer jemand etwas postet, das mich nervt, deabonniere ich ihn, sodass ich seine Posts nicht mehr sehe.

Wenn man vergleicht, wie Facebook mal anfing und zu was es sich heute entwickelt hat! Wäre damals schon klar gewesen, was es mal werden würde, hätte sich niemand angemeldet. Alle hätten schon damals gewusst: Deine Freunde werden permanent brutale Videos teilen.

DIE NÜTZLICHSTE APP

Ganz klar: Uber. Die Taxi-App hat Los Angeles verändert wie nichts zuvor. Von 2006 bis 2010 habe ich in L. A. gelebt – vier Jahre ohne Auto. Damals gab es noch kein Uber, was hieß, dass jeder noch so kleinste Schritt der Fortbewegung in dieser höllenähnlichen Metropole unfassbar schwierig war.

Ich bin damals viel gelaufen, habe öffentliche Verkehrsmittel genutzt. Das formt den Charakter; ein bisschen so, als würde deine Seele mit einem Amboss bearbeitet werden. Zu der Zeit drehte sich mein ganzes Leben darum, herauszufinden, wie ich von einem Ort zum anderen komme und die vier bis fünf Stunden fülle, die ich dafür benötige. Schwierig. Ich zog nach San Francisco und blieb dort weitere vier Jahre.

2014 kam ich wieder zurück. Jetzt gab es Uber. Meine Erfahrung mit der Stadt war komplett anders: Fortbewegung war plötzlich nicht nur möglich, sondern sehr einfach! Ich lade die App, sende meinen Standort und kurze Zeit später kommt mein Fahrer und bringt mich zum Ziel. Bargeld muss ich nicht dabeihaben, der Betrag wird abgebucht. Die Bewegungsfreiheit, die man damit zu wirklich lächerlich niedrigen Preisen geboten bekommt, ist revolutionär.

Natürlich ist das eine sehr subjektive Revolution, die auf dem Rücken eines mies bezahlten Arbeiters stattfindet – aber ich komme mit dem schlechten Gewissen ziemlich gut zurecht. Denn im Gegensatz zu anderen Apps hat Uber einen realen und ganz praktischen Mehrwert in dieser Welt.

Artikel auf einer Seite lesen