Jazzfestival in Sankt Moritz : Zu Gast bei Dracula

Das "Festival da Jazz St. Moritz“ gilt als heimeligstes Jazzfestival der Welt - und dauert noch bis zum 5. August. Es verspricht nicht nur Weltstars in Wohnzimmeratmosphäre, sondern auch Eintritt in den legendären Dracula Club.

Marco Schmidt
Michel Legrand im Dracula Club: Stars ins Wohnzimmeratmosphäre.
Michel Legrand im Dracula Club: Stars in Wohnzimmeratmosphäre.Foto: fotoswiss.com/Giancarlo Cattaneo

Alles so schön nah hier: Man hockt auf einem mit rotem Stoff bezogenen Stuhl in einer Hütte im Schweizer Kanton Graubünden, und keine fünf Meter entfernt sitzt eine lebende Legende am Konzertflügel – Michel Legrand, der einst mit Edith Piaf, Django Reinhardt, Dizzy Gillespie und Miles Davis musizierte.

Nun kann jeder Zuschauer hautnah verfolgen, wie der dreifache Oscar-Preisträger („Yentl“) mit seinen 85 Jahren noch immer munter über die Tasten wuselt, dabei seine buschigen Augenbrauen tanzen lässt und vor jedem seiner perlenden Läufe seine Finger mit der Zunge anfeuchtet.

Solche intimen Konzerterlebnisse bietet das „Festival da Jazz St. Moritz“, das als höchstgelegenes und heimeligstes Jazzfestival der Welt gilt. Seit nunmehr zehn Jahren lockt es Sommertouristen mit einem hochkarätigen Programm in die Engadiner Bergwelt: Im vergangenen Jahr spielten dort unter anderem Chick Corea, Jamie Cullum, Herbie Hancock und Paolo Conte.

Diesmal dauert das Festival vom 5. Juli bis 5. August. Der Clou: Zentrale Spielstätte ist ein kleiner Club, in dem man Weltstars in Wohnzimmeratmosphäre erleben kann. Und nicht etwa ein x-beliebiger Schuppen, sondern der legendäre Dracula Club.

Die exklusivsten Partys von St. Moritz

„Dracula’s Ghost Rider Club“, so der vollständige Name, wurde 1974 von Gunter Sachs gegründet und wird mittlerweile von seinem ältesten Sohn geführt, dem Künstler Rolf Sachs. Bis heute trifft sich hier im Winter die Hautevolee, um die exklusivsten Partys von St. Moritz zu feiern.

Grundsätzlich ist der Club bloß den handverlesenen Mitgliedern zugänglich, doch während des Jazzfestivals darf jeder Normalsterbliche hinein, vorausgesetzt, er hat eine der 150 Eintrittskarten ergattert. Erstaunlicherweise ist das gar nicht so schwer – und gar nicht so teuer: Zwischen 75 und 150 Euro kosten die Tickets. Fair, wenn man bedenkt, dass man anderswo auch schon über 100 Euro für eine Konzertkarte bezahlen muss, um dann mit Tausenden von Zuschauern in einer gesichtslosen Halle weit weg von der Bühne zu sitzen.

Bergstiefel neben Designer-Pumps

In der intimen Atmosphäre des Dracula Clubs hingegen ist das Exklusive quasi inklusive – so nah kommt man den Stars sonst nur, wenn man in deren Band spielt. Der Club bietet ein uriges Ambiente, eine Mischung aus Skihütte und Saloon: In einer Ecke am Eingang steht eine Uhr in Form eines Sarges; die Zuschauer, vom Installateur bis zum Investment-Banker, hocken hufeisenförmig um die winzige Bühne herum, manche im Schneidersitz wie Kinder im Ferienlager; staubige Bergstiefel wippen neben Designer-Pumps im Rhythmus der Musik; eine Treppe führt auf eine kleine Empore, auf der man ebenfalls nur wenige Meter von der Bühne entfernt ist.

Ermöglicht werden diese Konzerte durch die Zusammenarbeit zwischen Rolf Sachs und Christian Jott Jenny, dem künstlerischen Leiter des Festivals. Jenny, einst in Berlin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler zum klassischen Tenor ausgebildet und heute ein umtriebiger Produzent und Performer, hatte im Nachbarort Pontresina im Hotel Kronenhof ein paar Jahre lang Konzerte mit lokalen Jazzkünstlern veranstaltet.

Als das Hotel 2006 verkauft werden sollte, drohte das Aus. Da gab ihm jemand einen Tipp: „Der Dracula Club wäre ideal. Aber den kriegst du eh nicht.“ Das habe ihn neugierig gemacht, erinnert sich Jenny: „Ich hatte noch nie etwas von Rolf Sachs gehört, fand jedoch im Internet seine Design-Seite mit skurrilen Entwürfen und dachte: Das muss ein humorvoller Mensch sein.“ Daraufhin schickte er ihm eine E-Mail mit der Betreffzeile „Asylantrag“ – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

„Wir ticken ähnlich und ergänzen uns gut“, konstatiert Jenny. „Rolf liefert die Hardware, ich die Software.“ Soll heißen: Jenny engagiert die Musiker, Sachs stellt ihnen seinen Club zur Verfügung.

Allerdings war es anfangs nicht immer leicht, Künstler für das Festival zu gewinnen. Die Vokalgruppe "The Manhattan Transfer" schickte beispielsweise einen 60-seitigen Vertrag, in dem unter anderem stand, wie groß die Garderobe sein müsste. „Ich schrieb ihnen zurück, unser ganzer Club sei leider kleiner als die gewünschte Garderobe“, lacht Jenny. „Schließlich kamen sie aber doch zu uns – sogar mehrmals!“

Norah Jones und Helge Schneider

Mittlerweile sind die Jazzgrößen gern zu Gast bei Dracula; wer einmal hier spielte, kehrt begeistert zurück. In diesem Jahr treten neben Newcomern wie der begnadeten Bassistin Nik West oder der Soul-Sensation Judith Hill auch Stars wie Norah Jones, Marcus Miller, Helge Schneider und Nigel Kennedy vor 150 Fans im Club auf. Kennedy gibt zudem noch ein Konzert im Hallenbad des altehrwürdigen Bären-Hotels – „Einlass für Zuschauer nur in Badekleidung“, heißt es im Programm.

Die Gastspiele des exzentrischen Geigers in St. Moritz würden stets eine gewisse Eigendynamik entwickeln, meint Jenny: „Nach seinen Konzerten geht die Party meistens an der Bar des benachbarten Kulm-Hotels weiter.

Nigel Kennedy geigt auf seinem Balkon

Wenn dort gegen drei Uhr morgens nichts mehr los ist, lädt Nigel alle in seine Suite ein. Am nächsten Morgen steht er dann halbnackt auf dem Balkon und geigt für die Spaziergänger.“

Jenny erinnert sich, wie ihm der Concierge im Hotel Kulm vor einigen Jahren, als der Kennedy-Clan schon abgereist war, noch verschämt „eine kleine offene Rechnung“ in die Hand drückte. Auf dem Zettel stand, handgeschrieben: „N. Kennedy, Room 508, 2 Packungen Kondome.“ Die Rechnung, so Jenny, habe er mit großem Vergnügen beglichen – und bis heute aufbewahrt.

Inzwischen wirkt der Dracula Club wie eine Blutauffrischung für St. Moritz. Rolf Sachs ist froh, dass er dazu beitragen konnte, das Dorf aus seinem sommerlichen Dornröschenschlaf zu wecken – nicht zuletzt dadurch, dass er Kontakte zu Sponsoren vermittelte.

Fast zwei Drittel des Festivalbudgets wird von privaten Spendern gestemmt. „Ohne sie könnten wir die Eintrittspreise nie so günstig halten“, sagt Jenny. Mehr als die Hälfte der rund 60 Konzerte biete er sogar zum Nulltarif an. Und manch magischer Moment sei ohnehin unbezahlbar: „Ich denke da etwa an Randy Crawford, die sich spontan an den Flügel in der Lobby des Kulm-Hotels setzte und zur Verblüffung der anderen Gäste anfing zu spielen – dabei hatte sie noch die Hausschlappen des Hotels an.“

Echte Stars sind frei von Dünkel

Unisono schwärmen Sachs und Jenny von Al Jarreaus Auftritt im Jahr 2015. Das Konzert sollte ursprünglich auf einer Freilichtbühne vor dem Dracula Club stattfinden, musste jedoch wegen miserablen Wetters nach drinnen verlegt werden. „Wir hatten 300 Karten verkauft und hätten nun eigentlich die Hälfte der Zuschauer wieder heimschicken müssen“, erzählt Jenny.

„Aber Al Jarreau meinte, die Leute könnten doch auch um ihn herum auf der Bühne sitzen. Der Schlagzeuger wurde kurzerhand in den Kamin verpflanzt. Al hat gezeigt: Echte Stars sind frei von Dünkel. Und: Es geht ganz viel, wenn man nur will!“

Überhaupt scheint eine Menge zu gehen im Dracula Club. Dort darf man etwa auch auf der Treppe zur Empore sitzen, was anderswo in der streng reglementierten Schweiz aus feuerpolizeilichen Gründen undenkbar wäre. „Das funktioniert nur, weil der Club privat und der Feuerpolizist selbst Mitglied ist“, grinst Jenny. „So ein Privatclub ist eine Art juristisches Schlupfloch, eine Enklave, wie eine Mischung aus dem Grünen Hügel in Bayreuth und einem von unbeugsamen Galliern bevölkerten Dorf.“

Minimalismus im Moor

Dass es hier so unbürokratisch zugehe, sei indes typisch für St. Moritz, fährt Jenny fort. Anfangs habe man ihn belächelt, als er ankündigte, ausgerechnet in diesem Nobelkurort ein Jazzfestival etablieren zu wollen. Doch in Wahrheit passe der Jazz perfekt hierher: „Ich kenne keinen Ort, an dem täglich so viel improvisiert wird wie in St. Moritz. Weil das Dorf so klein ist, können alle – vom Bürgermeister bis zum Polizisten – spontan selbst entscheiden. Im Ernstfall helfen sich sogar Konkurrenten gegenseitig. Wenn wir ein Open-Air-Konzert auf einer Hotelterrasse veranstalten wollen, es aber wie aus Kübeln schüttet, dann sagt der Hotelier von gegenüber: ,Kein Problem, ich sperr’ euch meinen Veranstaltungssaal auf.‘“

Bei den Freilichtkonzerten im vergangenen Jahr hatten die Veranstalter Glück mit dem Wetter: Auf einer Lichtung im verwunschenen Taiswald bei Pontresina kredenzte der türkische Tasten-Tausendsassa Fazil Say einen berauschenden Cocktail aus Mozart, Satie und Eigenkompositionen.

Und das Berliner Swing Dance Orchestra präsentierte seinen handgemachten 30er-Jahre-Sound stilgerecht am Ufer des Stazersees, der idyllisch zwischen St. Moritz und Pontresina liegt und wo man sich beinahe vorkommt wie in einem Peter-Alexander-Film.

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In diesem Jahr kann man im Taiswald den feinfühligen, fingerflinken Finnen Iiro Rantala bei einer kostenlosen Klaviermatinee erleben. Und Klangzauberer Ludovico Einaudi, der 2017 vor 20000 Fans in der Berliner Waldbühne aufgetreten war, gibt am 29. Juli ein Gratiskonzert am Stazersee. Einaudis meditativer Minimalismus in der malerischen Moorlandschaft – das verheißt eine Sternstunde unter dem Sternenzelt. Und weil das Festival noch immer ein Geheimtipp ist, gibt es sogar auch für fast alle Konzerte im Dracula Club noch Restkarten. Also: Nichts wie hin ins Engadin!