Journalistenpreis „Langer Atem“ 2019 : „Beharrlichkeit und Mut stehen ganz weit vorn“

Die Anforderungen sind seit Relotius höher. Robert Skuppin und Volker Wieprecht über Sorgfalt, Enthüllungen und Viertklässlerwitze.

Sie bleiben sich treu. In den 90er Jahren lernten sich Robert Skuppin (l.) und Volker Wieprecht beim Jugendsender Fritz kennen.
Sie bleiben sich treu. In den 90er Jahren lernten sich Robert Skuppin (l.) und Volker Wieprecht beim Jugendsender Fritz kennen.Foto: radioeins/Kristin Krüger

Robert Skuppin und Volker Wieprecht moderieren an diesem Donnerstag zum sechsten Mal gemeinsam die Verleihung des wichtigsten Journalistenpreises der Region. Der lange Atem ist mit insgesamt 6000 Euro dotiert. Die Zeremonie findet in der Akademie der Künste am Pariser Platz statt.

Herr Skuppin, Herr Wieprecht, Sie haben 20 Jahre als Robi und Volli moderiert. Man kennt Sie als eingespieltes Duo, zunächst bei Fritz, später bei radioeins. Inzwischen moderieren Sie nur noch ausgewählte Veranstaltungen zusammen.
WIEPRECHT: Ja, und unseren Freundeskreis. Das lieben die.

Moderieren unter Freunden bedeutet, dass Sie Fragen stellen oder erzählen?
WIEPRECHT: Wir sorgen dafür, dass die anderen nicht so viel erzählen.
SKUPPIN: Volker stellt Fragen, ich beantworte sie, so ist es eigentlich meistens.

Durch die Preisverleihung des „Langen Atems“ führen Sie jetzt schon im sechsten Jahr. Was motiviert Sie dazu?
SKUPPIN: Der Titel ist ja fast schon verpflichtend, auch für die Moderatoren. Aus der Nummer kommt man nicht raus.
WIEPRECHT: Und mit unserem begrenzten Zeitbudget ist das die kompakteste Art und Weise, tiefe Recherchen in kurzen Interviews auf der Bühne mitzubekommen. Das, woran andere jahrelang gearbeitet haben, können wir in wenigen Minuten inhalieren.

Wer hat Sie in den vergangenen Jahren auf der Bühne am meisten beeindruckt?
WIEPRECHT: Ein Gesicht habe ich noch sehr deutlich vor Augen. Das war kein Preisträger, sondern ein 15-jähriger Junge, dessen Eltern sich ein Nachhaltigkeitsjahr auferlegt hatten. Er musste nachhaltig essen, möglichst vegetarisch, seine Duschzeit wurde auf zwei Minuten verkürzt. Als die Eltern auf die Bühne geladen wurden, musste er mit. Wie soll ich sagen? Er musste sich Mühe geben, begeistert zu gucken. Das war … lustig.

Welche Themen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
WIEPRECHT: Migration und Rechtsradikalismus sind Dauerbrenner.
SKUPPIN: Oder der Flughafen. Der wird ja auch von vielen langzeitbeobachtet.
WIEPRECHT: Manchmal ist es aber genau das Gegenteil, die kleine Geschichte. Irène Bluche hat etwa über mehrere Jahre eine Teenager-Mutter begleitet, das war eine sehr anrührende Geschichte, die emotional stark verfing. Oder Kaija Kutter und Kai Schlieter, die über Gewalt im Brandenburger Kinderheim „Haasenburg“ berichtet haben: Geschichten, die einem zu Herzen gehen. Bei denen man denkt: Ihr habt nicht nur einen langen Atem, sondern auch ein gutes Selbstmanagement, intellektuell und emotional, um euch damit immer wieder beschäftigen zu können. Das nötigt mir schon viel Respekt ab.
SKUPPIN: Es gibt auch Geschichten, die, ich sag mal vorsichtig, von außen betrachtet zunächst einmal nicht so spannend sind. Wenn es zum Beispiel um unrechtmäßig eingenommene Gebühren für Wasseranschlüsse in Brandenburg geht. Dann sieht man aber, dass es Volkmar Krause gelungen ist, diese sehr trockene Materie extrem spannend zu schildern. Das ist einfach toll.

Die Nominierten

Vom Dieselskandal bis Flüchtlingskrise: Dieses Jahr sind 13 Journalistinnen und Journalisten mit insgesamt neun Recherchen nominiert:

Sebastian Erb, Martin Kaul, Alexander Nabert, Christina Schmidt, Daniel Schulz: Rechtsextremismus in Bundeswehr und Sicherheitsbehörden: Nordkreuz-Gruppe und Hannibal-Netzwerk (taz)

Malene Gürgen: Rechtsextreme Anschläge in Neukölln (taz)

Peter Huth: Rechtsradikalismus in der Uckermark (rbb)

Hans Koberstein: Der Diesel-Abgasskandal (Frontal21, ZDF)

Lars-Marten Nagel: Anlagebetrug der PICAM-Gruppe (WELT/Handelsblatt)

Marta Orosz: Koordination der internationalen Recherche „Umsatzsteuerkarusselle“ (Correctiv)

Gabi Probst: Marode Schießstände der Berliner Polizei (rbb)

Dinah Riese: Schwangerschaftsabbruch und der Paragraf 219a (taz)

Tim Röhn: Recherchen an Hotspots der Flüchtlingskrise (WELT/WamS)

Mut, Sorgfalt und Beharrlichkeit – das sind die drei Eigenschaften, die Journalisten auszeichnen, die für den „Langen Atem“ nominiert sind. Welche der drei Eigenschaften bewundern Sie am meisten?
WIEPRECHT: Beharrlichkeit.
SKUPPIN: Für mich steht Mut ganz weit vorne. Es ist doch Wahnsinn, dass wir in einer Welt leben, in der Journalisten möglicherweise mit ihrem Leben für eine Geschichte oder eine Enthüllung bezahlen. In Deutschland ist das zwar anders. Aber auch hier, in unserer Demokratie, gehört inzwischen mehr Mut dazu, eine Geschichte zu erzählen, weil man gleich wieder den nächsten Shitstorm erwartet. Das finde ich traurig, man will doch wissen, was andere denken. Man muss doch andere Meinungen aushalten können.

Wenn Sie die Zeit hätten: Welches Thema würden Sie gern einmal über mehrere Jahre beackern?
WIEPRECHT: Entlang der vermeintlichen Demarkationslinie zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und politischer Korrektheit gibt es bestimmte Fragen, die ich interessant finde. Zum Beispiel: Worin besteht der Unterschied zwischen Mann und Frau? Darüber gibt es so viele Ansichten und Thesen. Von der Tabula rasa – „wir sind eigentlich alle gleich“ – bis hin zu hormonellen Erklärungen. Ich glaube aber, dass ich den längsten Atem aller Zeiten bräuchte, um diese Frage zu einer endgültigen Klärung zu bringen. Allein im Laufe der letzten vierzig Jahre hat sich das so oft gedreht.
SKUPPIN: Es gibt sicherlich Hunderte von Themen. Kürzlich erzählten mir die Menschen, die mir die Spülmaschine hochgekarrt haben, was sie verdienen. Da dachte ich, „verdammte Hacke, das müssen wir mal dringend angehen!“. Kann es sein, dass wir in einem Land leben, wo Leute von sechs Uhr morgens bis 22 Uhr abends arbeiten, das fünf Tage die Woche und dafür angeblich 1300 Euro verdienen? Das ist ja Ausbeutung pur.

Aktuell denken viele, wenn sie „Journalistenpreis“ hören, eher an Claas Relotius und die zahlreichen Jurys, die auf seine erfundenen Geschichten hereingefallen sind. Inwiefern überschattet dieser Betrugsfall die Verleihung des „Langen Atems“?
WIEPRECHT: Heute sieht sich jeder doppelt und dreifach aufgefordert, zunächst einmal vor sich selbst Rechenschaft abzulegen: War ich in irgendeiner Weise nachlässig? Die Anforderungen werden immer höher, der öffentliche Druck auch.
SKUPPIN: Was Relotius gemacht hat, ist gemein und auch brutal. Ich kenne jemanden, der einmal hinter Relotius den zweiten Platz gemacht hat. Er leidet darunter, weil Relotius mit einer gefälschten Geschichte an ihm vorbeigezogen ist. Und jetzt, im Nachhinein, interessiert seine Geschichte eben auch nicht mehr.

Sie kennen viele preiswürdige Journalisten. Haben Sie selbst ein Vorbild?
SKUPPIN: Also, für mich ist es wirklich Volker. Ich muss ehrlich sagen …
WIEPRECHT: Sekunde mal! Ich glaube, hier ist gerade Pinocchio mit einer sehr langen Holznase durch den Raum marschiert. Aber okay, Robert, in dem Fall bist du klar auf dem zweiten Platz!
SKUPPIN: Nehme ich trotzdem an.
WIEPRECHT: Du weißt ja, wenn meine Flunkerei auffliegt, dann wirst du dich ärgern, dass dein zweiter Platz eigentlich der erste ist und niemand es mehr merkt.

So kennt man Sie: witzig und schlagfertig. Inzwischen führen Sie auch durch feierliche Abendveranstaltungen. Sind Robi und Volli erwachsen geworden?
WIEPRECHT: Nun, als wir bei Fritz gearbeitet haben, wurden wir nie zu seriösen Journalistenpreisen eingeladen. Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns auch auf so hohem Niveau treffsicher bewegen konnten. Vor 25 Jahren wären wir vor Ehrfurcht in die Knie gegangen. Jetzt können wir uns in verschiedenen Kontexten angemessen verhalten. Obwohl wir über Viertklässlerwitze immer noch lachen könnten. Oder, Robert?
SKUPPIN: Die Lausbuben, die wir bei Fritz waren, sind wir sicher nicht mehr. Das nimmt uns auch keiner mehr ab. Wir sind ältere Männer, es hilft nichts. Haben wenige Haare, auch wenn Volker behauptet, er hätte noch mehr als ich. Ob „erwachsen“ jetzt bedeutet, dass wir nicht mehr so anarchisch und anders sind, das weiß ich nicht. Ich kann über Volker immer noch lachen. Häufig bin ich nicht darauf vorbereitet, was er als Nächstes macht. Daran hat sich nichts geändert. Man muss ihn auch immer ein bisschen bremsen, damit er den anderen die Show nicht stiehlt. Der ist ja ein Zirkuspferd, der Mann.
WIEPRECHT: Entschuldigung?!

Wie lange wollen Sie die Preisverleihung noch moderieren, bis Ihnen Ihrerseits ein „Langer Atem“ verliehen wird?
WIEPRECHT: Genau so lange.
SKUPPIN: Sehr gute Idee.

Das Gespräch führte Sarah Murrenhoff.