„Nur die EU kann diese Unternehmen regulieren“

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Journalistin Carole Cadwalladr : „Ich konnte es zunächst selbst nicht glauben“
Whistleblower Christopher Wylie hat für die Datenfirma Cambridge Analytica gearbeitet.
Whistleblower Christopher Wylie hat für die Datenfirma Cambridge Analytica gearbeitet.Foto: imago/Zuma Press

Haben Sie jemals daran gedacht, auf der falschen Fährte zu sein?

Es gab natürlich Stimmen, ich sei ein wenig naiv, und Cambridge Analytica mache nichts Illegales, sondern organisiere einfach Kampagnen wie andere Firmen auch. Tatsächlich liegen die Wurzeln des Unternehmens beim Militär. Während des „Krieges gegen den Terror“ nannte man diese Strategie „Winning the Hearts and Minds“. Jetzt griffen sie in die Politik bei uns ein, mit Überzeugungstechniken, die die Sicht der Menschen auf die Wirklichkeit beeinflussen.

Microtargeting hat Barack Obama schon bei seiner Kampagne 2008 systematisch genutzt. Seinerzeit wurde das als modern und smart gepriesen. Ist es nur böse, wenn es die falschen Leute nutzen?

Obama tat das aber nicht ohne die Zustimmung der Leute. Man trug sich in einen Verteiler ein, und dann bekam man alle aktuellen Mitteilungen. Wir reden hier darüber, dass sich eine Person anmeldet und die Wahlkämpfer daraufhin die Daten hunderter ihrer Freunde abschöpfen. Das hat Cambridge Analytica getan. Diese Leute operierten mit erstaunlichen Werkzeugen im Herzen der Demokratie. Und Akteure wie Russland investieren enorme Ressourcen, um herauszufinden, wie sie freie Wahlen unterwandern können.

Klingt wieder nach Verschwörung. Haben Sie für diese These einen Beweis?

Ich vertraue Robert Mueller, dem amerikanischen Sonderermittler …

… der mögliche Verbindungen von Trumps Wahlkampfteam zu russischen Stellen untersucht.

Und ich denke, wenn mehr Menschen verstanden hätten, was passiert ist, würden sie ganz anders über das Brexit-Referendum denken. Jeden Tag höre ich Politiker im Radio, die mahnen, man müsse den Willen des Volkes respektieren, weil es sonst das Vertrauen in die Demokratie verliere. Alles gelogen. Doch das ist immer noch nicht im Mainstream angekommen.

Cambridge Analytica wurde aufgelöst, Facebook musste Transparenz versprechen, die EU-Kommission und viele Regierungen arbeiten an Instrumenten, um Wählermanipulation zu bekämpfen. Geht diese Entwicklung nicht in die richtige Richtung?

Die EU ist die einzige Institution der Welt, die diese Unternehmen regulieren kann, und sie hat damit begonnen. Das ist positiv. Ich bin nur noch nicht überzeugt, ob das wirklich etwas bringt. Die Wahlgesetze müssen so reformiert werden, dass diese Art der Unterwanderung ausgeschlossen wird.

Von Ihnen stammt der Satz: „Die US-Datenriesen sind aggressive Multis, die mit unseren Daten scheißviel Geld machen.“ Zugleich posten Sie auf Twitter eine Nachricht nach der anderen und haben dort 239 000 Follower. Wie passt das zusammen?

Ich habe die Sozialen Medien immer gehasst. Mit dieser Story habe ich jedoch plötzlich verstanden, wie wirkungsvoll es ist, wenn etwas viral geht. Ich wollte unbedingt diese Geschichten unter die Leute bringen. Und dann habe ich dort ein Netzwerk von Bürgern gefunden, die selbst recherchieren, die mir viele nützliche Infos geben.

Wie viel Zeit verbringen Sie täglich auf Twitter?

Wenn möglich, will ich einfach alles wissen, was läuft und darauf reagieren. Zugegeben, ich bin da verwundbar. Ich gebe mein halbes Gehirn für Twitter her, das ist besorgniserregend. Romane lesen geht gerade nicht.

Sie haben selbst mal einen geschrieben: „Wie man die Liebe erklärt“. Im Zentrum steht eine Kindheit in den 70er Jahren – wie die Ihre.

Die Stimmung bei uns in Wales war damals ähnlich deprimierend wie die in den alten Industrieregionen heute in England. Die Schließung der Stahlindustrie war für uns wie der heutige Niedergang der Autoindustrie. Mein Vater hatte zwar einen Job, doch seine Brüder verloren alle ihre Arbeit. Für mich als Kind war es aber eine Zeit der Freiheit, in der wir wild durch die Wälder und Felder zogen.

Über die literarische Arbeit sagten Sie mal, das Beste daran sei, die Fakten zu ändern, wenn sie nicht in die Geschichte passen. Sehnen Sie sich jetzt manchmal danach?

Nein, jetzt, wo der Journalismus ohnehin so unter Beschuss steht, ist es umso wichtiger, die Fakten zu dokumentieren, auf die es ankommt. Das hat mir die Lust auf Fiktion ausgetrieben. Das nächste Projekt wird ein Sachbuch. Mein Thema, mit dem ich mich die vergangenen Jahre beschäftigt habe, kann man nicht in einem Roman beschreiben. Viel zu absurd, niemand würde das ernst nehmen.

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