Judenfeindschaft : Neid auf Leistung

Historische Wurzeln der Feindseligkeit gegen Juden – und warum Antisemiten am Ende sich selbst schaden.

Michael Wolffsohn ist Historiker und lehrte lange an der Bundeswehr-Universität in München. Er entstammt einer jüdischen Kaufmannsfamilie.
Michael Wolffsohn ist Historiker und lehrte lange an der Bundeswehr-Universität in München. Er entstammt einer jüdischen...Foto: imago/Uwe Steinert

Am Anfang der Judenfeindschaft war die Religion. Später, und bis heute, dominiert der Neid auf Leistungsträger. Begonnen hatte es im Alten Ägypten mit dem Kampf zwischen Polytheisten und Monotheisten. Aus diesen entwickelte sich das Judentum. Machtpolitisch unterlag die Mini-Minderheit der Juden kontinuierlich. Kontrafaktisch heißt es dennoch, „die“ Juden wären geradezu allmächtig. Jüdische Ohnmacht galt schon für die drei altjüdischen Staaten: das Königreich Israel (zerstört 721 v.Chr.), das Königreich Judäa 1 (zerstört 587 v.Chr.) und Judäa 2 (zerstört 70 n.Chr.).

Die Juden blieben im heidnischen und seit dem 4. Jahrhundert christlichen Römischen Reich sowie im „Christlichen Abendland“ so „mächtig“, dass man sie seit dem Zeitalter der Kreuzzüge auch und nicht nur in Deutschland zyklisch und „christlich“ abschlachtete. Nach den schlimmsten, sechsmillionenfachen NS-Judenmorden, wurde 1948 der vierte Jüdische Staat gegründet: Israel. Sozusagen als Lebensversicherung aller Juden. Dass niemand das Neue Israel auslöschen möchte, behaupten auch deutsche Träumer und Heuchler.

Fundamentalkritik an Israel ist eine Form des Antisemitismus

Wer nicht nur Israels Regierung kritisiert – eine demokratische Selbstverständlichkeit –, sondern nach all den Judenverfolgungen und -vernichtungen das Existenzrecht des Jüdischen Staates bestreitet oder bekämpft, entzieht, ob subjektiv gewollt oder nicht, objektiv allen, ergo auch den deutschen Juden ihre existentielle Sicherheit. Fundamentalkritik an Israel ist folglich eine Variante des Antisemitismus. Abgeleitet ist sie aus dem islamisch-israelischen Konflikt, der – weil Israel jüdisch religiös legitimiert und zugleich letzter Rettungsanker der Juden ist – somit letztlich wiederum alle Juden betrifft. Der islamisch-israelisch-jüdische Konflikt führt in die Islamische Geschichte zurück und zum Fakt, dass Juden (wie Christen), auch vor Zionismus und Israel, Bürger zweiter Klasse waren.

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Ben Salomo - "Identität"
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Das Judenschicksal in deutschen Territorien war, verglichen mit dem übrigen christlichen Europa, bis 1933 und mit Sicherheit im 19. und frühen 20. Jahrhundert nie paradiesisch und nicht wirklich symbiotisch, doch meistens besser als woanders. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass man seit dem 13. Jahrhundert an deutschen Kirchen die berüchtigte „Judensau“ häufiger sieht. Die Judensau von Wittenberg pries auch Reformator Luther, der zuerst die Juden umwarb, dann hasste und sogar zum Judenmord anstachelte. Mit Worten. Zuvor, danach und mit Taten hatten das Katholiken auf der Iberischen Halbinsel mit der Inquisition vollbracht, und vor der Katastrophe (Schoah) wütete der mörderische Antisemitismus eher im Russischen Zarenreich (einschließlich Polens) als in Deutschland.

Antisemiten schaden letztlich sich selbst

Nach 1945 habe es für Juden eine „Schonzeit“ in West-Deutschland gegeben, heißt es. Das ist historische Zuckerwatte. Amtliche Nettigkeit zu den wenigen (30 000) Juden in der Alt-Bundesrepublik war ein Gebot außen- und blockpolitischer Vernunft, das innenpolitisch wirkte: Der Antisemiten-Anteil sank von knapp 50 Prozent (1949) auf cirka 15 Prozent (1990). Anders die DDR. Sie war ein antisemitischer Staat mit (1989) 400 Juden.

Traditionell hat der Antisemitismus nicht nur in Deutschland drei Quellen: Christentum, Rechts- und Linksextremismus. Der kirchliche ist gottlob (fast) tot, während die alt- und neurechten, alt- und (seit 1968) neulinken Quellen sprudeln. Neu ist seit 1961 (türkische Gastarbeiter) und noch mehr seit 2015 (große Zahl von Migranten) die islamisch-nahöstliche Quelle. Wer nur eine benennt, ist blind. Antisemiten schaden letztlich sich selbst, denn sie verlieren hochqualifizierte, engagierte und loyale Bürger. Außerdem führt Antisemitismus abgewanderte Juden zur jüdischen Gemeinschaft zurück. Er stärkt, gerade wegen des immensen jüdischen Blutzolls, Überlebenswillen und Überlebenskraft der Juden.