Die Obsessionen der Judith Holofernes

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Judith Holofernes ist zurück : „Ich bin auf eine fast perverse Art loyal“
Judith Holofernes.
Judith Holofernes.Foto: dpa

Stellen Sie im Studio das Handy aus?

Auf jeden Fall. Ich bin sogar versucht, mir ein Schriftsteller-Schutzprogramm runterzuladen. Das sperrt das Internet, während man schreibt. Das Netz ist der größte Feind der Kunst.

Ganz schön diszipliniert.

Disziplin brauche ich nicht, weil ich mich schnell begeistern und in eine Idee vertiefen kann. Während der ganzen Jahre konnte mir beim Schreiben der Songs niemand etwas anhaben. Ich schaffe mir eine Blase, in der das keine Rolle spielt. Das ist auf dieselbe Weise obsessiv, wie ich als Kind gelesen habe.

Ihre Mutter arbeitet als Übersetzerin, Sie sind mit Büchern aufgewachsen.

Ich war ein literarischer Vielfraß. Habe mir Stapel aus der Bücherei ausgeliehen und gelesen, gelesen. Bushaltestellen verpasst, Spaghettigabeln zur Stirn geführt. Zuerst alle Bücher von Michael Ende, als früher Teenager hatte ich dann eine Stephen-King-Phase, um mir Ängste auszutreiben.

Hat es geklappt?

Nee, nachts um eine Ecke oder auf Klo gehen, das fiel mir alles schwer. Ich musste abends entscheiden, ob ich an der Wand schlief oder an der Bettkante, je nachdem wo die schlimmeren Monster herkamen. Da half Stephen King nicht wirklich.

Woher kam diese Angst?

Fantasiebegabte Kinder haben größere Ängste. Je farbenfroher sie sich die Welt ausmalen können, desto gruseliger sind die Riesen, die unterm Bett oder in der Wand wohnen. Ich kann nach wie vor sehr überzeugendes Kopfkino abrufen. Nur hatte ich als Kind keine Gegenstrategien.

Wenn die Ängste Sie so lange begleiten, haben Sie da den richtigen Beruf als freie Künstlerin gewählt?

In vielen Bereichen, in denen andere ängstlich sind, bin ich ziemlich mutig. Existenzängste kenne ich nicht. Ich habe nie angenommen, dass ich einen sicheren Lebensweg einschlagen würde, obwohl wir nie viel Geld hatten. Natürlich hatte ich Schiss, als ich mit 24 auf die Bühne von „Rock am Ring“ sollte, um als Ersatz für die Rockband Limp Bizkit zu spielen. So viel Angst, dass ich auf dem Weg im Bus bittere Tränen vergossen habe.

Kann man vor tausenden Menschen versagen? Die sind sich doch selbst genug.

Die Menschen kamen ja nicht unseretwegen. Vor dem Limp-Bizkit-Gig haben deren Fans unser Online-Gästebuch vollgeschrieben. Sie wollten Tomaten und Flaschen nach uns werfen. Das will keiner abbekommen. Ich finde es komisch genug, wenn in Österreich Fans ein paar Schlammbeutel schmeißen – als Zeichen der Zuneigung.

Durch diese Auftritte und die Albenverkäufe brauchen Sie sich keine finanziellen Sorgen machen.

Glücklicherweise nicht. Haben Sie aber meine Jacke gesehen? Die ist geflickt. Lange bin ich mit einem abgeranzten Rucksack rumgelaufen, ist mir voll peinlich. Viele Sachen, für die ich viel Geld ausgeben könnte, vergesse ich einfach. Das ist keine Absicht, sondern Desinteresse. Mein Impuls ist, Geld in Freiheit zu übersetzen.