Warum sie ihre Künstler schützen will

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Katharina Wagner im Interview : „Ich hatte Angst, der Drache frisst den Papa“

Gilt das auch für Sie als Regisseurin? In Ihren Bayreuther „Meistersingern“ lassen Sie Ihr Alter Ego in die Tonne werfen und verbrennen.
Dies war nicht mein Alter Ego, aber lassen Sie es mich kurz erklären: In der Inszenierung ging es nicht zuletzt um Kunstschaffende, ihre Kunst und um das unterschiedliche Verständnis und Reagieren auf Kunst. In die Tonne geworfen wurden Künstler stellvertretend für ihre Kunst. Letztlich kam es mir jedoch vor allem darauf an, das Bewusstsein zu schärfen für die Bedrohung und Gefährdung der künstlerischen Freiheit und dafür, dass die Freiheit der Kunst in Deutschland eine große Errungenschaft ist, keine Selbstverständlichkeit.


Nirgendwo wird so kräftig gebuht wie in Bayreuth. Wie nehmen Sie den Regisseuren die Angst davor?
In der Deutschen Oper wurde früher in die Vorstellung hineingeschrien. Ein Regisseur hält das aus.


Gehört Bayreuth-Stammgast Angela Merkel zur Buh- oder zur Bravo-Gruppe?
Wir reden in der Pause. Es gibt anregende Diskussionen, sie argumentiert nie kategorisch. Sie denkt analytisch, interessiert sich für Inszenierungskonzeptionen genauso wie für Technisches.


Ihre früheste Erinnerung ans Festspielhaus?
Der „Holländer“ in der Inszenierung Harry Kupfers, da war ich drei oder vier. Und: der Drache im „Siegfried“! Ich hatte furchtbare Angst vor ihm. Ich bin mit meinem Vater über die Bühne gelaufen und fürchtete, der Drache könnte den Papa fressen. Er sagte, der macht nichts, und setzte mich rein. Der war innen mit Zeitungspapier ausgelegt, das hat mir die Angst vor Drachen schon früh genommen.


Als Kind auf dem Grünen Hügel, mit Wolfgang und Gudrun Wagner, unsereins stellt es sich seltsam vor.
Meine Kindheit war nicht seltsam. Andere Eltern unterhalten sich auch über ihre Arbeit. Wir haben sonntags „Tatort“ geguckt – das tue ich immer noch –, in der Schule gab’s manchmal Neidereien. Ich hab keineswegs nur klassische Musik gehört und meine Eltern manchmal damit wahrscheinlich gequält. Falco, Michael Jackson, die ganze Palette. Mein Vater hat gesagt, lass sie, das muss sein. Ein älterer Vater hat Vorteile. Wo andere Eltern übervorsichtig sind, legte er Gelassenheit an den Tag.


Er soll doch ein autoritärer Sturkopf gewesen sein!
Wenn er was wollte, konnte er stur sein, aber in der Erziehung war er extrem liberal.


Scheint Ihnen nicht geschadet zu haben. Mit 24 Opernregisseurin, mit 30 Festspielleiterin: Offenbar trauen Sie sich alles zu.
Nein, um Gotteswillen, ich traue mir nicht alles zu. Ja, ich habe Verantwortung, ein Arzt hat in meinen Augen viel mehr. In meinem Beruf braucht man ein gutes Nervenkostüm, ist für öffentliche Gelder verantwortlich und für Arbeitsplätze. Ich bin konservativ in Finanzplanungen, extrem vorsichtig, ich bin fürs Neinsagen bekannt.


Apropos: Das Erste, was einem beim Wagner-Clan einfällt, sind die Streitigkeiten, jeder gegen jeden …
Also, das ist wirklich übertrieben.


Ihre Cousine Nike Wagner gab ein Rechtsgutachten in Auftrag und sagt, Sie und Eva Wagner-Pasquier arbeiten illegal als Festspielleiterinnen.
Mir liegt ein solches Gutachten nicht vor, und ein Jurist hätte sich bestimmt differenzierter geäußert, als es mancherorts nachzulesen war. Nochmals: Ich bin weder mit meiner Schwester Eva zerstritten noch mit meiner Tante Verena Wagner-Lafferentz, auch nicht mit meiner Cousine Nike.


Sie reden nur nicht miteinander.
Doch. Wenn jemand aus der Familie ein Problem mit meiner Schwester und mir hat, können wir uns an einen Tisch setzen und das ausdiskutieren. Wenn ich in der Zeitung lese, wir seien nicht legitimiert, erwartet Nike doch sicher keine Antwort in den Medien. Das ist außerdem nicht mein Stil.


Im Stiftungsrat sind vier Familienmitglieder, reden Sie wenigstens da miteinander?
Im Stiftungsrat sind die Vertreter der vier Stämme …


… der Wagner-Stammbaum, jetzt wird es kompliziert: Sie meinen die vier Kinder des Richard-Sohns Siegfried und seiner Frau Winifred.

Im Stiftungsrat sitzt Iris Wagner für den Stamm Wieland Wagner, ihren Vater. Den Stamm Wolfgang Wagner vertritt der Rechtsanwalt Michael Brand. Die Friedelind-Linie vertritt ihr Erbe, der britische Theateragent Neil Thornborrow. Tante Verena ist als letzte noch lebende Siegfried-Tochter selber dabei. Auch meine Schwester und ich sitzen im Stiftungsrat, aber als Festspielleiterinnen. Wir reden da natürlich mit allen. Nehmen wir den gesamten Komplex der Nachlässe. 2010 übergab ich den Nachlass von Wolfgang Wagner an den Journalisten Peter Siebenmorgen und den Historiker Wolfram Pyta mit der Bitte, ihn vor allem auf Inhalte zu überprüfen, die für die NS-Zeit relevant sind, und eventuell neue Erkenntnisse zu veröffentlichen. Nach Aussagen der beiden war aber nichts Unbekanntes zu entdecken. Auch die „Bild am Sonntag“ und der „Nordbayerische Kurier“ erhielten auf Wunsch Einblick in das Material.