Ist der Diktator oder Kumpel?

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Ken Loach : „Ich starrte zwischen ihren Beinen hindurch“

Ganz schön hart. Hat sich nie jemand beschwert, dass Sie Gott spielen?

Nein, Darsteller wollen gern gut spielen. Sie mögen diese Aufregung und wissen, so sind sie am besten. Ich bin trotzdem vorsichtig, mache keinen Fetisch aus der Methode. Außerdem gehen die Schauspieler kein Risiko ein. Wenn es nicht funktioniert, drehen wir die Szene einfach noch mal. Eric Cantona zum Beispiel hatte von Anfang an praktisch das ganze Script. Es wäre nicht sinnvoll gewesen, ihn zu überraschen.

Wie sind Sie am Set? Der Diktator, der Kumpel?

Mein Job ist, zu wissen, was die Schauspieler und die Crew brauchen, damit niemand frustriert ist. Es gibt keinen Grund, als Chef rumzubrüllen, das sind einfach nur schlechte Manieren, die meistens auch noch ansteckend sind. Eine Putzfrau hat vielleicht das Recht zu brüllen, aber doch nicht jemand, der das Privileg hat, Filme machen zu dürfen.

Wie gehen Sie mit der besonderen moralischen Verantwortung für Laiendarsteller um? David Bradley, der den jugendlichen „Kes“ in Ihrem Film von 1969 spielte, soll von Sozialhilfe leben.

Nein, nein, wir sehen uns ab und zu, wenn er in London ist. Er hatte eine Schauspielerkarriere nach „Kes“, spielte am National Theatre. Er ist jetzt fast 60. Die größte Verantwortung habe ich dem Film gegenüber, aber das schließt die Verantwortung für die Mitarbeiter mit ein. Es ist wichtig, dass man Laiendarsteller ordentlich bezahlt. Wer die Menschen beim Filmemachen nicht wirklich kennenlernt, macht seine Arbeit nicht gut. Schon deshalb versuche ich, in Kontakt mit ihnen zu bleiben und sie zu unterstützen, soweit es geht.

Würden Sie sich nach wie vor einen sozialistischen Filmemacher nennen?

Der Begriff wird schrecklich missbraucht, nicht nur damals in der Sowjetunion. Umgekehrt fürchten die Amerikaner bei jedem bisschen Wohlfahrtsstaat gleich sozialistische Verhältnisse. Es ist ein präzises politisches Programm: demokratische Kontrolle, Gemeinschaftseigentum, Planwirtschaft. Vieles davon befürworte ich.

Sie boykottieren den Staat Israel. Aus Protest gegen die Palästinenserpolitik zeigen Sie keinen Film auf einer Veranstaltung, die mit israelischen Geldern unterstützt wird. Warum ausgerechnet Israel: Welche Regierung begeht schon keine Ungerechtigkeiten?

Ist ein Boykott eine nützliche Taktik? Ich denke ja. Israel präsentiert sich als westliche Demokratie, kulturell und im Fußball gehört es zu Europa. Gleichzeitig bricht der Staat internationale Vereinbarungen, hält sich nicht an die Genfer Konvention, nimmt sich Land, auf das es kein Recht hat, wirft Kinder ins Gefängnis und belügt die Welt, wenn es um seine Nuklearwaffen geht.

Greift das nicht viel zu kurz im heillosen Nahostkonflikt? Man kann doch den Holocaust als Vorgeschichte nicht ignorieren. Bis heute sagen manche Palästinenser auf der Straße zu mir als Deutscher: Hitler war ein guter Mann, er hat das Richtige mit den Juden gemacht.

Wer bedroht ist, reagiert irrational. Die Palästinenser, die ich kenne, würden das nie über Hitler sagen. Wie wollen Sie Israel davon abbringen, Land zu besetzen, was ihm nicht gehört? Nicht mal den Vereinten Nationen und Obama ist das bisher gelungen, da komme ich der Bitte der Palästinenser nach einem akademischen und kulturellen Boykott gerne nach. Es ist das Einzige, das wir tun können. In einer arabischen Diktatur wäre ein Boykott weniger wirkungsvoll – auch wenn ich aus politischen Gründen nicht zum Teheraner Filmfestival gefahren bin, weil Regimegegner uns darum baten.

Marx sagte, Kunst sei kein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet. Ist das auch Ihr Motto?

War das nicht Brecht? Jeder Künstler sollte versuchen, die Welt zu verstehen, die er reflektiert. Bei diesem Versuch merkt man, dass sie nicht in Ordnung ist. Und dann ist man auch verpflichtet, darüber nachzudenken, wie man sie ändern könnte.

Auch im Fußball ist die Welt vor lauter Kommerz nicht mehr in Ordnung. Ihre Lieblingsmannschaft?

Der FC Bath City in der Stadt, in der ich hauptsächlich wohne. Ein kleiner Klub, ich halte ihm die Treue und versuche, freitags zu den Spielen zu gehen. Es stimmt, Fußball ist ein Riesengeschäft geworden, der FC Chelsea gehört einem russischen Oligarchen, Manchester United einem amerikanischen Geschäftsmann.

Und wer gewinnt die Weltmeisterschaft?

England wohl kaum. Aber schön wäre es schon. Wissen Sie, im Sport ist Patriotismus okay.