Warum ein Jurist ans Theater geht

Seite 3 von 4
Ken Loach : „Ich starrte zwischen ihren Beinen hindurch“

Und wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass die Welt nicht in Ordnung ist?

In Oxford. Ich bin ein Kind des unteren Mittelstands. Mein Vater war eins von elf Geschwistern, die fast alle im Kohlebergwerk arbeiteten, aber er hatte sich in einer Werkzeugfabrik bis in die Geschäftsführung hochgearbeitet. Meine Mutter war die Tochter eines Schneiders, er hatte ein eigenes Geschäft. Wir wohnten in einer Doppelhaushälfte, ich ging auf die höhere Schule, alles sehr respektabel. An der Uni gab es dann Studenten aus Elternhäusern mit ererbtem Reichtum, die hatten dieses Besitzdenken. Oxford, die Uni, alles gehörte ihnen. Da erwachte mein Gerechtigkeitssinn.

Sie haben Jura studiert, gingen jedoch ans Theater. Wie kam das?

Ich habe sogar als Rechtsanwalt angefangen. Zum großen Kummer meines Vaters brach ich das ab. Schon am Studententheater hatte ich inszeniert und trat als Schauspieler auf. Und als Schüler war ich die 30 Meilen von Nuneaton nach Stratford-upon-Avon geradelt, um Shakespeare zu sehen. Laurence Olivier, John Gielgud, Vivian Leigh, die habe ich alle erlebt.

Und einmal fielen Sie in Ohnmacht.

Ich war vielleicht 15 und sah dort „Titus Andronicus“. Vivian Leigh kam mit blutüberströmtem Gesicht auf die Bühne, Lavinia wird ja die Zunge herausgeschnitten. Ich hatte keine Zeit gehabt, etwas zu essen, also kippte ich auf meinem Stehplatz um. Mein erster richtiger Theaterjob war die Zweitbesetzung in einer Revue im Londoner Westend, die Hauptrolle spielte der Komiker Kenneth Williams. Zum Glück musste ich nie auf die Bühne, es wäre eine Katastrophe gewesen, vor allem wegen der Tanznummern! In der Ballettstunde war es mein Job, eine Tänzerin um die Taille zu packen und 360 Grad zu drehen. Ich schaffte immer nur die Hälfte, ihr Kopf baumelte am Boden, ich starrte zwischen ihren ausgestreckten Beinen hindurch, der Tanzlehrer schimpfte und das arme Mädchen flehte mich an, sie wieder auf die Füße zu stellen.

Sie sind Regisseur geworden, weil Sie ein miserabler Schauspieler waren?

Sie sagen es. Ich wurde dann Regieassistent am Northampton Repertory Theatre und inszenierte die Kriminalstücke, die der Intendant nicht gerne machte. Es war ein Provinztheater, aber es machte Spaß und war eine gute Übung. 1963 kam zum Glück die BBC, ich hatte geheiratet, war Vater geworden, da war es gut, ein geregeltes Einkommen zu haben. Es ging alles sehr schnell. Wie man mit einer Kamera umgeht, zeigte man uns an einem einzigen Vormittag. Nahaufnahme, Totale, das war’s. Wenig später führte ich Regie bei Livesendungen, und bald drehte ich Fernsehfilme.

Sie sind berühmt dafür, dass Sie Ihren Schauspielern kein Drehbuch geben, Sie wollen es gern spontan. Haben Sie das bei der BBC erfunden?

Es fing damals an. Beim ersten gemeinsamen Lesen der Drehbücher waren die Schauspieler oft am besten. Je länger wir drehten, je mehr ich als Regisseur von ihnen wollte, desto schlechter wurden sie. Da dachte ich, warum soll ich sie nicht ab und zu überraschen? Dann überraschen sie auch mich und den Zuschauer. Das funktioniert bis heute.

Wie in „Looking for Eric“, als der Hauptdarsteller nicht wusste, dass der Fußballer Eric Cantona von Manchester United hinter dem Vorhang hervortritt?

Er wusste auch nicht, dass die Polizei in seine Wohnung einbricht, als er mit seiner Exfrau in der Küche ist. In fast all meinen Filmen gibt es solche Überraschungsszenen: Robert Carlyle in „Carla’s Song“ hatte keine Ahnung, dass er in der Badewanne das nicaraguanische Mädchen entdecken würde, das sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. In „Land and Freedom“ wusste die Protagonistin nicht, dass sie am Ende erschossen wird. Crissy Rock in „Ladybird Ladybird“ wusste nicht, dass ihr das Jugendamt alle Kinder wegnimmt, eins nach dem anderen. Beim letzten Kind war sie ehrlich verzweifelt. Sie dachte, es gibt ein Happy End.