Welcher Film ihm total misslang

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Ken Loach : „Ich starrte zwischen ihren Beinen hindurch“

Wann war es am schwierigsten?

Die 80er Jahre waren nicht gut, meine Fernsehdokumentationen wurden aus politischen Gründen nicht ausgestrahlt. Jim Allens Theaterstück „Perdition“ über Zionismus, das unter meiner Regie aufgeführt werden sollte, wurde 1987 kurz vor der Premiere abgesetzt. Und ich habe einen Film in Berlin gedreht, „Fatherland“, der ist mir total misslungen.

Der Liedermacher Gerulf Pannach spielt darin einen Liedermacher, der aus der DDR in den Westen geht und dort seinen Vater wiedertrifft. Geht es um enttäuschte linke Hoffnungen?

Schauen Sie sich den Film bloß nicht an! Ich hatte sieben Jahre keinen Spielfilm mehr gemacht, überfrachtete alles. Ich weiß nicht mal mehr, wo ich in Berlin gedreht habe, so gründlich habe ich das verdrängt. Reden wir über die glücklichen Tage!

Und die wären?

Die Sixties. Wir waren jung, es war sexy, links zu sein. Da war diese Gleichzeitigkeit, in der Musik, im Film, beim Fernsehen, in der Literatur – überall liberale, progressive Strömungen. In den 70ern wurden sie ausgebremst, in den 80ern kam Margaret Thatcher. Die Radikalität wich der Regeneration des Kapitals.

Hat Sie das deprimiert oder angestachelt?

Man sagt ja, der Kampf geht weiter. Aber er geht nicht weiter, weil die Linke gern kämpft, sondern weil der Kapitalismus so dynamisch ist bei seiner Suche nach billigen Rohstoffen, billigen Arbeitskräften. Die Macht des Markts ist ungebrochen.

Immerhin gab es die Occupy-Bewegung. Aber von Revolution kann keine Rede sein, trotz Klimakatastrophe, Migration, Arabellion und Finanzkrise.

Wieso nicht? Das ist die große Frage. In England hat es mit dem Erfolg des Thatcherismus zu tun, die Gewerkschaften wurden geschwächt, all die Errungenschaften der Sixties wichen der Individualisierung. Jeder sorgte nur noch für sich selbst, und so ging auch die Vorstellungskraft verloren.

Können Filme sie wiederbeleben? Ihr Film „Cathy Come Home“ hat 1966 immerhin bewirkt, dass es Obdachlosen in England besser ging.

Man sollte die Macht der Bilder nicht überschätzen. „Cathy Come Home“ hat nur eine winzige Verbesserung gebracht. Wenn eine Familie damals ihre Wohnung verlor, wurde sie vom Staat untergebracht. Allerdings nur die Mutter mit den Kindern, nicht der Vater. Die Familien verloren ihr Dach überm Kopf und wurden getrennt, davon erzählte „Cathy Come Home“. Das Publikum war empört, das Gesetz wurde geändert. Aber wie viele Obdachlose gibt es bis heute! Nichts ist besser geworden.

Gerade wurde in Großbritannien das Wohngeld für arbeitslose EU-Einwanderer gestrichen. Wie informieren Sie sich? Altmodisch, per Zeitungslektüre?

Können Sie sich Ken Loach mit iPad vorstellen? Ich weiß nicht, wie das funktioniert.

Wann haben Sie sich das letzte Mal über eine Nachricht geärgert?

Ach, ich ärgere mich jeden Morgen, wenn ich die Zeitung aufschlage. Ich höre auch Radio 4, den Nachrichtensender der BBC mit den aktuellen Themen. Das bringt das Blut garantiert in Wallung und macht mich auch um halb sechs schon wach.