Kinderrechte im Netz : „Das Internet wurde von Erwachsenen für Erwachsene gestaltet“

Minderjährigen begegnen im Netz konkrete Gefahren. Julia von Weiler über wirksamen Schutz, digitale Bildung und Kontroll-Apps, die keine Lösung sind.

Bloß nicht wegschauen. Kinder im Netz brauchen Schutz und Begleitung, aber viele Erwachsene sind selbst nicht das beste Vorbild.
Bloß nicht wegschauen. Kinder im Netz brauchen Schutz und Begleitung, aber viele Erwachsene sind selbst nicht das beste Vorbild.Foto: imago/Westend61

Julia von Weiler ist Psychologin und arbeitet seit fast 30 Jahren zum Thema sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe. Seit 2003 leitet sie den Verein „Innocence in Danger“, der Minderjährige vor Missbrauch schützen soll. Sie ist Autorin des Elternratgebers „Im Netz. Kinder vor sexueller Gewalt schützen“ (Herder Spektrum).

Frau von Weiler, gelten Kinderrechte auch im Netz?
Natürlich, das sollten sie. Die Frage ist nur, wer setzt sie durch, vor allem gegen wirtschaftliche Interessen von großen Unternehmen. Da haben wir noch eine Menge zu tun.

Wen meinen Sie denn mit „wir“, die Eltern?
In erster Linie ist es Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass Kinderrechte im digitalen Raum geachtet werden. Eine Forderung, die unser Verein bereits seit Jahren stellt, ist: Anbieter von Whatsapp, TikTok & Co müssen gesetzlich dazu verpflichtet werden, wirksamen Kinderschutz umzusetzen. Eltern alleine können das ja gar nicht leisten.

Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Wenn ich ein Angebot für Minderjährige mache, muss ich erstens den Zugang kontrollieren und zweitens ein ausgebildetes Moderatorenpersonal zur Verfügung haben, an das sich Kinder wenden können, wenn sie belästigt werden oder verstörende Bilder sehen. Das ist im Prinzip nicht anders als im Schwimmbad. Dort sind auch immer Bademeister anwesend, die darauf achten, dass kein Kind ertrinkt.

Aber ist das online überhaupt machbar? Im Schwimmkurs ist die Zahl der Kinder überschaubar. Im Netz tummeln sich Milliarden Nutzer. Laut Datenportal Statista werden allein auf Instagram 46 000 Beiträge pro Minute gepostet.
Technisch ist sehr viel möglich. Wir müssen aber als Gesellschaft abwägen, wie viel Macht wir Anbietern wie Apple oder Google überlassen und wie viel Verantwortung wir selbst übernehmen wollen. Das ist im Moment noch eine unübersichtliche Spielwiese. Ein wichtiger Aspekt ist zum Beispiel, ab welchem Alter wir digitale Dienste zugänglich machen.

Laut Bitkom besitzen bereits mehr als die Hälfte der Sechsjährigen ein Smartphone.
Die Befürworter sagen, Kinder seien von den Geräten sowieso umgeben. Wir sagen, das ist ein unsinniges Argument. Denn sie sind auch von Autos umgeben und trotzdem dürfen sie erst ab frühestens 17 Jahren den Führerschein machen und fahren. Auch das Internet wurde von Erwachsenen für Erwachsene gestaltet.

Dennoch wird die Forderung, Kinder möglichst früh an die digitale Welt heranzuführen, mantraartig wiederholt.
Man kann der Industrie daraus keinen Vorwurf machen, denn sie ist, was ihre Absichten angeht, sehr transparent. Natürlich müssen wir Kinder auf die Digitalisierung vorbereiten und damit bereits im Kindergarten anfangen. Das bedeutet aber zu überlegen, welche Fertigkeiten nötig sind, wie kann man sie am besten vermitteln und an welcher Stelle man dafür ein Gerät braucht. Es ist eine Lüge, zu behaupten, dass Sechsjährigen, die kein Handy haben, das Recht auf digitale Bildung verwehrt wird. Sie bekommen auch keinen Ferrari vor die Tür gestellt, weil sie sonst nie Autofahren lernen. Erst müssen sie die Verkehrsregeln kennen.

Psychologin Julia von Weiler setzt sich für Kinderrechte ein.
Psychologin Julia von Weiler setzt sich für Kinderrechte ein.Foto: © Karl Anton Koenigs

Damit liegt der Ball bei den Eltern. Oft sind sie aber selbst nicht das beste Vorbild.
Das stimmt. Kinder wachsen heute auf umgeben von Erwachsenen, die sie ständig ungefragt fotografieren und filmen und diese Bilder und Videos dann an Dritte weiterleiten. Irgendwann kriegen diese Kinder dann ein Smartphone in die Hand gedrückt und hören plötzlich: „Jetzt musst du aber richtig gut aufpassen, was du von dir verbreitest“. Beigebracht haben wir es ihnen aber nicht.

Was müssten Eltern stattdessen tun?
Das Kind entscheiden lassen, welches Foto man behalten und versenden darf. Das ist die einfache Form, Kinderwürde und Kinderrechte im Netz zu vertreten. Als Anregung haben wir im Verein ein „Digitalabkommen“ entwickelt, in dem Eltern und Kinder gemeinsame Internetregeln festlegen [hier das Pdf-Dokument zum Download].

Manche installieren lieber Kontroll-Apps, um die Internetaktivitäten ihrer Sprösslinge genau zu verfolgen ...
... und alles mitzulesen. Grauenvoll!

Warum?
Was lernen Kinder daraus? Dass es normal ist, ständig überwacht zu werden und keine Privatsphäre mehr zu haben. Je jünger sie sind, desto mehr Kontrolle und Begleitung brauchen sie. Ab einem gewissen Alter gilt es, Regeln auszuhandeln und im Gespräch zu bleiben. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nirgendwo, auch nicht im Netz und auch nicht mit Kontroll-Apps.

In vielen Familien ist Handynutzung ein Dauer-Konfliktthema.
Die digitale Welt beeinflusst alles, auch unsere Beziehungen. Kommunikation ist grundsätzlich eine Herausforderung. Digitale Kommunikation und Beziehungsgestaltung sind gigantisch komplex. Deshalb sprechen wir bei „Innocence“ von digitaler Beziehungskompetenz. Die müssen wir unbedingt stärken. 

Könnten Sie diesen Begriff genauer erklären?
Es geht dabei um viele wichtige Fragen, zum Beispiel: Wie funktioniert Freundschaft digital? Warum entstehen Missverständnisse in Whatsapp-Chats schneller als auf dem Schulhof?  Wie kommt man aus solchen Konflikten wieder raus? Was bedeutet es eigentlich, wenn man sein Gegenüber nicht wirklich sehen kann. Wie gut weiß man dann seine Absichten und wie setzt man Grenzen? In unseren Projekten zu diesem Thema schlagen wir ständig eine Brücke zwischen analoger und digitaler Welt und umgekehrt.

Apropos Grenzen setzen, wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen der Privatsphäre des Kindes und der Aufsichtspflicht der Eltern?
Es ist oft eine schwierige Balance. Vor allem in der Pubertät wird es heikel. Eltern, die heimlich das Handy ausspionieren, weil sie sich Sorgen machen, verletzen massiv das Vertrauen des Kindes. Wenn wir das dennoch tun, weil wir uns große Sorgen machen, dann müssen wir dazu stehen und aushalten, dass unsere Tochter oder unser Sohn zurecht wütend sind. Ein Patentrezept für die richtige Balance zwischen vertrauensvollem Loslassen und Kontrolle gibt es eben nicht. Es ist und bleibt ein Dilemma.

Was sind die größten Gefahren für Kinder im Netz?
Digitaler Hass, Cybergewalt und sexuelle Gewalt sind ganz große Risiken. Mehr als siebenhunderttausend Erwachsene unterhalten online sexuelle Missbrauchskontakte zu Kindern unter 14 Jahren. Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger geht davon aus, dass jedes Kind online mindestens einmal einem Sexualstraftäter begegnet.

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Was ist nötig, um diese erschreckenden Zahlen zu ändern?
Wir brauchen klare gesetzliche Vorgaben und einen Perspektivwechsel. Die Industrie, aber auch wir als Gesellschaft müssen endlich umdenken und Kinderschutz nicht als eine lästige Einschränkung, sondern als Ausdruck höchster Qualität eines Online-Angebots sehen.

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