Nach dem Schlusspfiff

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Kneipenbesuch : 24 Stunden im Schlawinchen
Von der Theke aus kann das eine oder andere Schwätzchen gehalten werden.
Von der Theke aus kann das eine oder andere Schwätzchen gehalten werden.Foto: David Heerde

Nachdem der Schlusspfiff ertönt ist, füllt sich das Schlawinchen. Es dauert eine halbe Stunde, dann ist der Laden brechend voll. Bis weit in den nächsten Morgen hinein werden die 20- bis 35-Jährigen die Kneipe füllen. Sie kommen aus anderen Bars, wenn diese schließen, aus den Clubs, oder sie treffen sich direkt im Schlawinchen. Eine Gruppe Französinnen, zwei Engländer, das Team einer Internetagentur aus der Dieffenbachstraße. Einer erzählt von seiner Bewerbung auf ein „FAZ“-Volontariat. Susanna ist aus Finnland zum Arbeiten nach Berlin gekommen, an der Bar raucht sie indonesische Nelkenzigaretten und erregt sich mit durchdringender Stimme über rechtsextreme Parteien in ihrer Heimat. Ein Mädchen sagt zu ihren Freunden: „Wir sind echt die einzigen Berliner hier.“ Sofort wird sie von einem korrigiert, der hinter ihr steht: „Von wegen.“

Die Gäste heißen nun nicht mehr Frank und Carmen, sondern Philipp, Helene und Benjamin. Sie tragen starkrandige Brillen, die Männer scheinbar nachlässig frisierte Bärte, enge Jeans und Baumwollbeutel mit dem Aufdruck „Sometimes a pony gets depressed.“ Die Hipster fallen ein in einen Laden, von dem man das nie erwarten würde. Cafés mit abgewetzten Sesseln und altmodischen Stehlampen, durchgestylte Bars, in denen Minimal läuft und unausgesprochener Coolness-Zwang herrscht, gibt es zuhauf in Berlin, auch im nahen Weserkiez. Das Schlawinchen bleibt hingegen, was es schon lange ist: Ein perfekt konserviertes Relikt aus Frontstadtzeiten, als Kreuzberg noch ein Auffangbecken für Wehrpflichtflüchtige, Autonome und Lebenskünstler war.

Empfehlung im "Guardian"

Spätestens seit Reiseführer den Charme der Kneipe rühmten, ist sie auch für ausländische Touristen zum Anlaufpunkt geworden. Vor zwei Jahren empfahl der britische „Guardian“ das Schlawinchen als eine von zehn Berliner Kneipen, pries den „anarchischen Vibe“ und notierte, der Laden sei ideal für „verblüffende Gespräche zu jeder Uhrzeit“.

Mittwoch bedeutet Kickertag im Schlawinchen, für 24 Stunden lassen sich kostenlos Hartgummibälle in die Tore dreschen. Der Tisch im Schlawinchen ist in erstaunlich gutem Zustand, von „Highpower-Stangen“ fachsimpelt einer, der sie vor dem Spielen mit Zinkoxid einsprüht. An der Lampe über dem Tisch hängt ein Hinweisschild mit grammatikalisch zweifelhafter Aufschrift: „Auf’m Kicker keine Getränke stellen“ steht dort – und aus gutem Grund wurde die Bitte gleich noch ins Englische und Spanische übersetzt. Die ganze Nacht lang stehen sich Einheimische und Touristen am Tisch gegenüber.

„Ein Schönheitschirurg ist hier regelmäßig zu Gast“, erzählt Claudi. „Der hat richtig Kohle“, sagt sie verschwörerisch. Einer Kollegin am Tresen habe er mal einen Hundert-Euro-Schein zugesteckt, nur damit sie einen Schnaps mit ihm trinke. „Den Mann muss ich unbedingt kennenlernen“, sagt sie und setzt hinterher: „Nicht wegen dem Geld.“ Man habe ja immer irgendwelche Mängel. Vielleicht könne man da mal über einen Rabatt reden.

Kicker statt Flipper

Eine Postkarte liegt im Schlawinchen aus, darauf ist die Kneipe als Gemälde in Mischtechnik festgehalten – im Jahr 1989. Am Interieur hat sich seitdem kaum etwas geändert: Dieselben Holzschiffe hängen von der Decke, dieselben Schaukelpferde und Musikinstrumente. Dieselben Plakate prangen an den Wänden, der Ofen, ein Tisch in Elefantenform. Nur den Flipper gibt es nicht mehr, stattdessen steht ein Kickertisch in einer Ecke des Ladens. Die beiden Männer, die auf dem Gemälde am Tisch sitzen und in einer Zeitung blättern, sind inzwischen gestorben. Genauso wie „Rowdy“, der Kneipenhund.

Claude kann sich noch an die Dependance erinnern, die es zeitweise in Schöneberg gab, das „Paulinchen“. „Das konnte aber nicht funktionieren“, sagt er in gepflegtem Berlinerisch. „Das war nicht original. Man kann kein zweites Schlawinchen aufmachen.“

„Mach mir einen Cuba Libre“, ruft ein Mann mit weißem Haar und leicht entrücktem Blick Michel zu, der mittlerweile hinter dem Tresen steht. „Den trinkst du doch wieder nur zur Hälfte“, ruft der zurück und beginnt, den Drink zu mischen. Er habe einst die Grünen mitgegründet, erzählt der Gast, heute arbeite er bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Die Grünen waren mal richtig geil“, sagt er. Auf die Frage, was er denn vor der Wende war, antwortet er trocken und ohne Hintersinn: „Wessi.“ Einmal nippt er noch an seinem Cuba Libre, dann steht er auf und geht. Das Glas bleibt zur Hälfte voll.

Kneipengespräche, mittags um zwölf

Ein hagerer Mann mit raspelkurzem Haar zieht einen der Barhocker heran und setzt sich. „Thomas, hallo“, sagt er mit ruhiger Stimme. Ein Pflaster verdeckt die frische Wunde auf der Nasenwurzel, ein Überbleibsel der frühen Morgenstunden. Er arbeite um die Ecke, erzählt er. In einem türkischen Restaurant in der Dieffenbachstraße, dem „Dildile“. Der Name bedeute so viel wie „Zunge“. „Türkisch ist eine agglutinierende Sprache“, erklärt Thomas, „da hängt man an ein Wort immer weitere Wörter ran.“ Kneipengespräche im Schlawinchen, mittags um zwölf.

Viele junge Touristen treiben sich dort rum.
Viele junge Touristen treiben sich dort rum.Foto: David Heerde

Und dann war da noch die Sache mit Adolf Hitler. Am Abend, bevor die Berliner Dependance von „Madame Tussauds“ die wächserne Version des Diktators erstmals dem Publikum präsentierte, im Juli 2008, schloss ein Mann im Schlawinchen eine Wette ab: Er werde dem Führer den Kopf abschlagen, versprach er. Und tat genau das am Morgen danach. In den folgenden Tagen belagerten Reporter die Kneipe, erinnert sich Werner. Als er damals mit seinem Schlawinchen-Shirt in der U-Bahn saß, erntete er böse Blicke. „Alles nur wegen einer Suffwette.“

Musik ist im Schlawinchen immer da, kaum einer bemerkt sie. Deutscher Indie-Pop, später Metal, Elektro und trashiger 90er-Jahre-Eurodance. Eine krude Mischung. „Alles außer Scooter“, fasst einer der Gäste die Auswahl zusammen. Obwohl man selbst in diesem Punkt nicht ganz sicher sein kann. Wegen der Musik ist aber ohnehin niemand hier.

Wenn man dann in den Morgenstunden den Mantel überstreift und aus dem Schlawinchen zurück ins Sonnenlicht tritt, kann es sein, dass hinter einem gerade „Marmor, Stein und Eisen bricht“ aus den Boxen schallt und ein Mann seinen Barhocker wild über dem Kopf schwingt, begleitet von den beschwörenden Worten der anderen Gäste.

Dann weiß man, dass noch lange nicht Schluss ist im Schlawinchen.

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