Was Claudi voll pervers findet

Seite 2 von 3
Kneipenbesuch : 24 Stunden im Schlawinchen
Der Flipper ist weg...dafür gibt´s Fußi zum selber spielen.
Der Flipper ist weg...dafür gibt´s Fußi zum selber spielen.Foto: David Heerde

Sieben Jahre stand Claudi hinter dem Tresen, bevor sie Geschäftsführerin wurde. Seitdem stellt sie das Personal ein, nimmt Getränke ins Sortiment, schmeißt andere heraus. Cointreau oder Fernet-Branca trinke heute keiner mehr, sagt sie. Stattdessen steht nun Aperol auf der Karte, und Jameson-Whiskey. Neben absonderlichen Mixturen wie dem Pfeffi. „Der ist ja voll pervers“, findet Claudi, „aber die Leute trinken ihn wie blöde.“

Gegen Nachmittag wird es ruhig im Schlawinchen. Vereinzelt hocken ältere Männer vor ihrem Bierglas oder stehen an den Spielautomaten. Der Monat hat gerade begonnen, da sitzt das Geld bei manchem noch locker. Werner wirft Pellets in einen schweren Ofen in der Mitte des Ladens. Anschließend holt er einen Besen aus der Kammer und kehrt plattgetretene Luftschlangen zusammen, die den Boden übersäen. Die letzten Zeugen einer durchfeierten Nacht.

Saubermachen gehört zur „Schweineschicht“ von sechs bis zehn. Ihren Namen verdankt sie nicht nur dem Putzen. Wer am frühen Morgen zu arbeiten beginnt, muss sich um die Pflegefälle kümmern. Diejenigen, die den Absprung verpasst haben, die ihren Liebeskummer oder Lebensfrust im Alkohol ertränken. Oder Partytouristen, die die unbegrenzte Öffnungs- als grenzenlose Trinkzeit interpretieren. Da sollte wenigstens der Wirt ausgeschlafen sein.

Erst Stammgast, dann Mitarbeiter

Werner war zwei Jahrzehnte Stammgast, bevor er hinter dem Tresen anfing. Sein Bauchumfang verrät es noch heute, inzwischen ist er 47. Die Schweineschicht ist seine Spezialität. „Wenn ich länger als drei Tage zu Hause bin, fällt mir die Decke auf den Kopf“, sagt er. Einst hat er Heizöltanks überprüft, ungelernt, und fing im Schlawinchen an, als die Aufträge ausblieben. Die Kneipe ist eine Ersatzfamilie. „Man sieht sich, Großer“, ruft er den Leuten zum Abschied hinterher.

Wer während seiner Stunden im Schlawinchen Hunger bekommt, kauft sich eine abgepackte Minisalami, Käsestangen oder eine Gewürzgurke in der Dose. Oder aber er holt sich gleich nebenan einen veganen Burger, in einem Laden, in dem die Speisen nach Werken Friedrich Schillers benannt sind.

Bis vor fünf Jahren konnte man auch im Schlawinchen noch magenfüllend essen. Knacker, Bouletten, Gulaschsuppe. Die Ölsardinen mit Zwiebeln und Butterstulle waren besonders beliebt. Dann kam das Rauchverbot, und man stand vor der Frage: mampfen oder quarzen.

Die Entscheidung fiel leicht. „Natürlich ist den Leuten das Rauchen wichtiger“, sagt Claudi, die selbst eine Zigarette nach der anderen aus der Packung zieht. „Heute würde es eh keiner schaffen, nebenbei noch Salatgarnituren anzurichten.“

Revival im alten Kiez

Das Schlawinchen hat ein Revival erlebt, einen Ansturm, der jedem Trend zu widersprechen scheint. Seit einigen Jahren rennen die Menschen abends den Laden ein, vor allem am Wochenende. „Früher gab’s hier fast nur Stammgäste“, sagt Claudi. „Heute kenne ich an einem Freitagabend vielleicht noch einen.“ Das Publikum sei jünger geworden, viele Studenten kämen jetzt ins Schlawinchen. Und Touristen. „Früher sind hier morgens um vier nicht mehr so viele eingeritten“, sagt Claudi, „da war dafür am Tag mehr los.“

Das Schlawinchen teilt sich seinen Kiez mit einem Lakritzfachgeschäft, dem Schülerladen „Hasenbau“ und einer Praxis für Gestalttherapie. Der Kiez hat sich seit der Wende gewandelt, ganz offensichtlich. Mietwohnungen werden in Eigentumswohnungen umgewandelt, Alteingesessene wie Werner ziehen wegen steigender Preise weg, Jüngere nehmen ihre Plätze ein. Bei der Bundestagswahl dieses Jahr gaben im Wahlbezirk 02 204, in dem das Schlawinchen liegt, die meisten Bewohner ihre Zweitstimme den Grünen: 27,3 Prozent. Hans-Christian Ströbele, Direktkandidat in Kreuzberg, kam auf bayerische 51,5 Prozent.

Nachts kommen vor allem junge Leute. Seit der „Guardian“ den „anarchischen Vibe“ der Kneipe lobte, ist sie international bekannt.
Nachts kommen vor allem junge Leute. Seit der „Guardian“ den „anarchischen Vibe“ der Kneipe lobte, ist sie international bekannt.Foto: David Heerde

Kleine Beete zwischen Gehsteig und Straße, eine Beratungsstelle für Grünes Wohnen, für Solar- und Windenergie: Die Raucherkneipe mit den matt gewordenen Fensterscheiben wirkt längst wie ins falsche Viertel gesetzt. Nur wenige Straßenecken entfernt liegt das Restaurant „Zitrone“. Die Außenfassade blau getüncht, aufgeräumt in der Einrichtung, auf der Karte stehen „Sandwiches Parisiens“ und Riesling aus ökologischem Anbau. „Da sitzen sie mit ihren Milchkaffeeschalen und ihrem Müsli“, sagt Claudi. „Ich sage immer: Körnerfresser.“

Kaffee, Fußball und Zigaretten

Gegen Abend kommt ein älterer Mann ins Schlawinchen. Claude ist Musiklehrer, Gitarre spielt er und Klavier. Die weißen Haare hat er zum Zopf gebunden, sein Blick ist wach und warm. Er bestellt einen Kaffee. „Das dauert aber ein bisschen“, sagt Tresenkraft Michel. „Dann ein Bier“, sagt Claude. Er warte auf eine neue Niere, erzählt er, aber ein bisschen was gehe schon.

Seit mehr als 30 Jahren ist Claude Stammgast im Schlawinchen, den Graefekiez kennt er seit 1975. Damals sei die Gegend ein einziger Trampelpfad gewesen, auf dem man von einer Kneipe in die nächste fallen konnte. „In den letzten Jahren haben sich immer mehr Edelfresskneipen etabliert“, sagt er. „Andere würden sagen: breitgemacht.“

Noch im Sommer hatte Kreuzbergs damaliger grüner Bezirksbürgermeister Franz Schulz gewarnt, das Wohngebiet dürfe nicht „umkippen“, und sich dafür ausgesprochen, dass freie Gewerbeflächen fortan nicht mehr für Kneipen genutzt werden.

Als später am Abend ein Fußballspiel über den Großbildschirm flimmert, verliert sich ein Dutzend Menschen im Schlawinchen. Satzfetzen und Dialogfragmente wabern durch den Raum, Raucherhusten dringt aus einer dunklen Ecke. Ein Gast blickt aufs unscharfe Bild des Fernsehers und sagt zum Wirt Michel: „Na, haste wieder HD ausgepackt?“ – „Brauch’ ich nicht. Blaue Spieler gegen rote Spieler, mehr musste nicht wissen.“

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben