Kneipentour zum Frauentag : Die guten Seelen der Alt-Berliner Kneipen

Diese Berlinerinnen kennen die Storys ihrer Stammgäste aus dem Effeff. Hier erzählen sie ihre eigenen Geschichten.

Rebecca Gürnth
Jutta, MittenMang in Tempelhof.
Jutta, MittenMang in Tempelhof.Foto: Fabienne Karmann

Fotografin Fabienne Karmann und Autorin Rebecca Gürnth leerten während ihrer Recherche etwa 45 Schultheiss-Kugeln pro Nase. Auf der Suche nach den Tresendamen lernten sie den Entbeiner von Neukölln kennen, stießen mit einem Ex-Sträfling auf seine Freiheit an und finden: Die Kneipe im Kiez ist eine Institution.

MittenMang /Tempelhof

Eine Bardame, die ihre Sorgen an die Gäste weitergibt? Nee. Das muss genau umgekehrt sein. Ich bin diejenige, die hier zuhört. Junge Mädels wollen die Gäste übrigens gar nicht gern hinterm Tresen. Vor allem nicht, wenn die mit einem riesigen Ausschnitt ankommen.

Ich weiß, dass ich alt bin. Meine Stammgäste kriegen immer ’ne Macke, wenn ich sage: „Noch zwei Jahre, dann bin ich 70, ich lass’ doch meine Zähne nicht mehr machen.“ Letztens habe ich mir tatsächlich einen neuen Pullover gegönnt. Scheißegal, wofür stehe ich denn sonst hier Tag für Tag im Laden? Schön locker-flockig.

In Berlin wohne ich seit 1961. Eigentlich komme ich aus dem Rheinland. Hört man das nicht? Mein Vater war bei der Bundeswehr in Bonn und Kassel. Und dann musste ich dreieinhalb Jahre nach Fürstenwalde zur Oma. Nicht der schönste Teil meiner Kindheit.

Als Friseurmeisterin hab’ ich mich nach der Lehre selbstständig gemacht. Zwischendurch war ich auch mal mit dem Jürgen verheiratet und habe zwei Kinder bekommen. Und dann hat mir mein Exmann diese Kneipe hier angetan. Wir kennen uns seit 21 Jahren, waren lange zusammen, und er arbeitet immer noch drei Tage die Woche für mich. Wir verstehen uns heute viel besser als damals.

Pacht, Strom und Gema sind gerade so drin

Manchmal ist gar nichts los. Da sitze ich drei Stunden alleine hier. Aber draußen steht nun einmal an der Tür, dass wir bis ein Uhr geöffnet haben, dann mache ich auch nicht um 23 Uhr 30 zu. Oft kommen Studenten, die darten oder spielen Karten, so richtig bis früh. Der eine ruft dann immer: „Jutta, komm mal her! Du trinkst einen mit, das ist ja wohl klar!“ Dann gibt’s ’nen Korn, und ich freue mich über diese richtig netten Leute.

Der Laden hält sich. Ich bin nicht reich, kann aber alles bezahlen, das ist wichtig. Pacht, Strom und Gema sind gerade so drin. Klar kommt es auch vor, dass ich im Bett liege und denke, wie schaffe ich das? Dann ist Monat für Monat ein Fragezeichen.

Wir machen jeden Tag selbst sauber. Einmal hatten wir Hilfe, sogar einen Mann. Der hat wirklich gut geputzt – bis er mich beklaut hat. Jürgen hat ihn erwischt, das waren sechs Flaschen Schultheiss. Hätte er doch mitnehmen können und einfach vom Lidl was Neues mitgebracht. Wenn das Vertrauen weg ist, ist es aus.

In anderen Kneipen bin ich nur, wenn wir darten. Da kommen wir manchmal in Vereinskneipen. Kannste aber vergessen, dass ich da was esse. Einer brachte Schrippen, die sahen so aus, als hätte er vorher seine Oma ausgebuddelt. Am liebsten bin ich in meinem eigenen Laden. Mich tragen sie hier mit den Füßen zuerst raus.

Gegenüber / Prenzlauer Berg

Doris vom „Gegenüber“ in Prenzlauer Berg.
Doris vom „Gegenüber“ in Prenzlauer Berg.Foto: Fabienne Karmann

Seit einem Dreivierteljahr arbeite ich im „Gegenüber“, davor stand ich 18 Jahre in Reinickendorf und Wedding hinterm Tresen. Mein Job als Technische Zeichnerin war mir zu langweilig, und so landete ich geradewegs in einer der schlimmsten Ecken Berlins: Soldiner/Ecke Koloniestraße. Da habe ich den Schliff mitgekriegt. Schlägereien, Messerstechereien, an so einem Abend war alles drin. Mich durchzusetzen, musste ich erst lernen. Eigentlich wollte ich nur drei Tage bleiben, daraus wurden vier Jahre.

Jetzt arbeite ich in meiner Lieblingskneipe. Ist auch mein Kiez hier: Ich bin aus Brandenburg hergezogen, als noch bunt bemalte Enten vor den Häusern standen und es jede Menge Punker gab. Heute dagegen ist es spießig. Viele Westdeutsche sind hergezogen und haben Wohnungen gekauft. Statt bunt bemalter Autos steht da jetzt ein BMW.

Im „Gegenüber“ trifft man viele Charaktere, mit manchen muss man sich auseinandersetzen, weil sie recht anstrengend sind. Ab und zu benimmt sich auch mal jemand daneben, das passt schon. Hier werden alle sehr herzlich aufgenommen. Das ist wirklich schön. Die Leute vermischen sich und spielen zusammen Billard.

Wir machen um 16 Uhr auf und sind dann auf jeden Fall bis 4 Uhr hier. Manchmal, in der Woche, rechnet man gar nicht damit, dass viel passiert, und trotzdem ist der Laden irgendwann voll. Dann ist Wochenende, und man wartet die ganze Zeit auf Gäste.

Manche erzählen ihre komplette Lebensgeschichte

Wenn ich frei habe, bin ich gerne draußen in der Natur oder kümmere mich um meinen Hund und meine Katzen. Außerdem habe ich vier Kinder und sechs Enkelkinder. In unserer Familie gibt es eigentlich keine Kneipengänger.

Gerade bin ich solo. Manches passt einfach nicht. Ich trinke keinen Alkohol, da braucht man keinen Mann, der ständig in Kneipen rumhängt. Ich habe beobachtet, dass das Personal oder die Besitzer beim Mittrinken zu Alkoholikern wurden und selbst mehr trinken als die Gäste. Die mussten die Kneipe dann abgeben.

Grundsätzlich hab' ich zwei Ohren: hier rein, da raus. Man darf sich das alles nicht so zu Herzen nehmen. Es gibt ja wirklich Leute, die erzählen dir ihre komplette Lebensgeschichte. Die Storys sind nicht immer schön, teilweise sogar richtig traurig. Doch wenn die Tür zu ist, lebe ich mein eigenes Leben.

In eine Kneipe, in der ich mal gearbeitet hab, kam eine junge Frau rein, im Bademantel mit einem Bündel unterm Arm. Ich dachte, da ist ein Baby drin. Sie hat gesagt, sie muss sich verstecken und sie hätte ein Wunderkind aus einer anderen Welt dabei. Da hab' ich den Rettungsdienst gerufen.