Kolumne: Angie Pohlers sucht die Liebe : Ein anderes Happy End

Müssen wir alle einsam und allein sterben? Die Antwort sitzt am letzten Sommertag im dritten Stock des Pflegeheims „Ida Wolff“ in Gropiusstadt.

Alte Liebe.
Alte Liebe.Foto: picture alliance / dpa

Wenn ich mir überlege, wie viele Leute mit 20, 30 oder 40 ihr Liebesleben nicht auf die Reihe kriegen, frage ich mich manchmal, was das erst wird, wenn wir 80, 90 oder noch älter sind. Menschen, die mitten im Leben und oft genug auf Partys herumstehen, finden partout niemanden, mit dem es sich länger aushalten lässt. Und die, die es schaffen, bleiben manchmal nur zusammen, weil – nun ja, was soll man sonst machen?

Wenn es mit zunehmendem Alter wirklich immer schwieriger wird, jemanden kennenzulernen und sich zu verlieben, dann müssen Pflegeheime komplett romantikfreie Räume sein. Wer gegen Diabetes kämpft, flirtet nicht, so meine These. Vielleicht war es die Sorge um ein End ohne Happy, die mich dazu brachte, in Berliner Pflegeheimen anzurufen und zu fragen: Müssen wir alle einsam und allein sterben?

Sie ist 106 und er 85

Die Antwort sitzt am letzten Sommertag im dritten Stock des Pflegeheims „Ida Wolff“ in Gropiusstadt: Frau Vogel und Herr Schumann. Manchmal tastet er nach ihrer Hand, so vorsichtig, als dürfe sie es nicht bemerken. Vor anderthalb Jahren haben sie sich hier kennengelernt, aber die rosarote Brille haben sie nicht auf, hatten sie vielleicht nie. „Ein Ehering in unserem Alter? Was soll denn das?“, sagt Frau Vogel und schüttelt den Kopf mit den dünnen, weißen Haaren. Sie ist 106 Jahre alt und macht keinen Schritt mehr ohne Rollator. Ihre Augen sind trüb, ihr Kopf ist klar.

Herr Schumann ist der Mann an ihrer Seite, trotz des Altersunterschieds. Herr Schumann ist nämlich erst 85 – oder schon 85, je nach Betrachtungsweise. „Ich bin ein Ersatzteillager“, sagt er. Aber Herr Schumann kann ohne Gehhilfe laufen, sein Haar ist voll, buschig sind Augenbrauen und Schnurrbart. Kurz: ein guter Fang.

„Ich frage mich immer, warum der sich keine andere sucht. Hier gibt’s so viele Frauen, die noch gut laufen können“, sagt Frau Vogel. „Die anderen interessieren mich nicht“, sagt Herr Schumann leise von links. „Ich mag ältere Frauen.“ Aber das registriert sie nicht, denn sie erzählt schon weiter, vom ersten Mann, der im Krieg blieb, und vom zweiten, der 20 Jahre später sagte: Wir heiraten, Küken, sonst geh’ ich. Die Ehe wurde dann noch recht glücklich. Dann starb er.

Herr Schumann ist ihr dritter Mann

Danach war Frau Vogel wieder Witwe, den Status hatte sie mehr als 40 Jahre ihres Lebens, sie hat viel gearbeitet, sich wenig aus Männern gemacht. Nun gibt es doch wieder einen. Ihr dritter und wahrscheinlich letzter: Hansi. Also Herr Schumann.

Das Erste, das Frau Vogel morgens sieht: Hansi, der aus seinem Zimmer gekommen ist, um sie zu wecken. Und zum Glück gibt es sie, denn wer würde ihn sonst warnen, dass es frischer geworden ist, dass er nun eine Jacke braucht?

Die Frauen, die auf der Etage arbeiten, sagen: Frau Vogel hat viel durch. Der Krieg, die Bomben auf Neukölln, die schwierige Beziehung zum Sohn. Dass sie ausgerechnet im Heim noch mal jemanden fand, ist ihr Glück und nicht nur ihres: „Wir sind froh, dass er Sie hat“, sagte einmal Herr Schumanns jüngste Tochter. So fand Frau Vogel nicht nur einen neuen Mann. Sie fand auch eine neue Familie.

Und wie die beiden da sitzen und erzählen, denke ich: Es gibt am Ende also doch die Möglichkeit einer Liebe. Keine mit Feuerwerk, aber eine, die wärmt. Die dann genau richtig ist.

„Wir gehen natürlich nicht miteinander ins Bett“, sagt Frau Vogel noch für den Fall, dass es daran Zweifel geben sollte. Und Herr Schumann tastet wieder, fast diebisch, nach ihrer Hand.

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