Kolumne: Angie Pohlers sucht die Liebe : Urlaub vom Zu-zweit-Sein

Keine Streitereien und viel Zeit, um zu beobachten: Warum man ab und zu auch allein verreisen sollte.

Wohltuend. Wer in den Ferien auf Begleitung verzichtet, kann endlich einmal Ruhe finden und in sich gehen.
Wohltuend. Wer in den Ferien auf Begleitung verzichtet, kann endlich einmal Ruhe finden und in sich gehen.Foto: imago/Westend61

Wenn man allein in den Urlaub fährt, hat man viel Zeit, um zu beobachten. Die fremde Vegetation, die Postkartenarchitektur, sich selbst in all dem. So erging es mir in einem Portugal-Urlaub. Meine einzigen Gesprächspartner waren Kellner, Bäckereiverkäuferinnen und Barkräfte, die sich nicht wehren konnten.

Bald merkte ich, was die zwei größten Unterschiede waren im Gegensatz zu den Reisen, die ich als Teil eines Paares unternommen hatte: Ich lachte weniger, was schade war. Ich stritt nie, was schön war. Meine Laune glich einem Bergsee mit spiegelglatter Oberfläche. Gleichbleibend. Wohltuend. Okay, auch ein bisschen fade.

Gegen die Langeweile schickte mir der Gott des Reisens die deutschen Touristenpaare. Sie trifft man dort, wo es viele alte Steine oder etwas zu essen gibt. In Lissabon setzte ich mich einmal vor die Kirche der Heiligen Engrácia, die eine Wallfahrtsstätte für deutsche Paare sein muss, es gab jedenfalls kaum größere Gruppen oder andere Nationalitäten. Der Weg zur Kirche führt bergauf durch enge Gassen, ist etwas anstrengend, und das gilt dann wohl auch für das Zu-zweit-Sein. Weil er zu schnell geht und noch zig Punkte auf seiner Liste hat. Weil sie so trantütig ist und sich nur umherführen lässt. Oben angekommen, gifteten sich auffällig viele Paare an. „Wieso tun dir jetzt die Füße weh? Ich hab’ gleich gesagt, das ist eine Kirche zu viel.“ – „Und ich sage, ich fahre gleich

Gerade im Urlaub fällt es auf, wenn die Beziehung nicht mehr läuft

Ihre Gefühle, sonst verborgen unter einer dicken Schicht Alltag, lagen bar wie blasse Bäuche am Strand. Der kleinste Sonnenstrahl rief fiese Rötungen und Bläschen hervor, nicht nur im metaphorischen Sinn.

Ich schämte mich ein bisschen, weil ich diese Menschen belauschte. Ich schämte mich noch mehr, weil ich mich selbst wiedererkannte, in vergangenen Situationen: mit großen Erwartungen in den Urlaub gefahren und dann doch wieder genervt, ungerecht und alles in allem nicht sehr diplomatisch gewesen.

Gerade im Urlaub fällt es auf, wenn die Beziehung nicht mehr so richtig läuft. Ist mir auch mal so gegangen. Da lag ich gemütlich auf einer Liege am Pool und weinte plötzlich los, als wollte ich mit dem künstlichen Wasserfall konkurrieren. Was los sei, fragte mich der, der mitgekommen war. Ich weiß nicht, antwortete ich ehrlich. Zurück zu Hause war das mit uns bald vorbei.

Und dann erinnere ich mich an einen Urlaub, da war alles anders, anderer Mann. Wir stritten sonst viel, aber im Süden: nicht ein einziges Mal. Es war überraschend gut und einfach, zu zweit zu sein, kein Stück nervig. Durch die Pampa fahren, die Lieder mitsingen, die aus der kleinen Boombox dröhnten, am Abend glühte der Sonnenbrand. Der verheilte bald, nur mit uns wurde es wieder schlimmer. Kein Urlaub ist für immer.

Es gibt Paare, die brechen gerne mit dem Zwang, alle Ferien gemeinsam und zu zweit zu verbringen, Freunde von mir etwa. Sie war gerade zwei Monate in Australien, er ist jetzt drei Wochen in Thailand. „Sie wollte die Erfahrung haben, so eine größere Reise auch mal allein gemacht zu haben“, sagt er. Wahrscheinlich sollte das jeder ab und zu tun, ein wenig Urlaub am inneren Bergsee. Und dann schauen, was wichtiger ist. Das Mit-sich-selbst-Sein. Oder doch die Person, die nicht mitgekommen ist.