Kolumne: Moritz Rinke erinnert sich : Die Bilder aus Ost-Ghouta

Ein Mann sucht in Leichenbergen nach seinem Kind. Ein kleines Mädchen rennt blutüberströmt aus den Trümmern. Ist die Welt in Syrien machtlos?

Zwei Ärzte versorgen einen syrischen Jungen, der während des Angriffs der syrischen Luftwaffe in Ost-Ghouta verwundet worden ist.
Zwei Ärzte versorgen einen syrischen Jungen, der während des Angriffs der syrischen Luftwaffe in Ost-Ghouta verwundet worden ist.Foto: Ghouta Media Center/AP/dpa

Ein Mann, der in Leichenbergen nach seinem Kind sucht, so lange, bis er zusammenbricht. Ein anderer Mann, der mit einem kleinen Mädchen in lilafarbener Jacke und einem blutüberströmten Gesicht aus den Trümmern rennt. Ein Baby im gelben Strampler mit einer rechten Gesichtshälfte, die halb weggerissen ist. Ein rennender Junge, der am Arm eines Mädchens zieht. Ich habe versucht, die Augen dieses Mädchens aus der Region Ost-Ghouta zu beschreiben, ich kann es nicht.

Die Formulierungen klangen immer entweder nach zu wenig oder nach zu viel, so als ob ich noch einmal als Schüler in der Schulzeitung die Welt anklagen würde; als würde ich mir jetzt selbst ein Zuviel an Interpretation und Entsetzen als übermoralisierend naiv, larmoyant, ja, unjournalistisch attestieren.

Neben den Bildern der Kinder fand ich Sätze von Politikern wie den des russischen Außenministers, der von „erfolgreichen Erfahrungen in Aleppo-Stadt“ sprach, die man auch für Ost-Ghouta „nutzen“ könne. Während das Assad-Regime das Gebiet weiterhin mit 140 Raketeneinschlägen bombardierte, tagte der UN-Sicherheitsrat in New York.

51 Stunden soll es gedauert haben, bis 15 Hände zur Abstimmung nach oben gingen. Über Kommas habe man gestritten, einen ganzen Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Am vierten Sitzungstag kam dann die Resolution einer Waffenruhe von 30 Tagen, um Zugang für humanitäre Helfer zu schaffen.

Sogar die Formulierungen von Regierungen klingen hoffnungslos

Vielen Berichten über eine einzige Woche mit allein 100 getöteten Kindern habe ich angemerkt, dass jenen Journalisten, die näher am Geschehen sind, die Worte ausgingen. Die häufigsten Formulierungen waren: „Und die Welt schaut zu.“ „Die Welt lässt es geschehen“. „Die Welt schaut weg.“

Neu allerdings ist, dass sogar die Formulierungen von Regierungen, die helfen sollten, die Welt vor solchen Massakern zu bewahren, genauso hoffnungslos und nach „ohne Worte“ klingen.

Das Auswärtige Amt sieht aufgrund der Meldungen „Anlass zu großer Besorgnis“. Eine Sprecherin appelliert, die „humanitäre Pause“ umzusetzen. Schon die Sprache klingt nach Kapitulation und zieht nur noch verlautbarungstechnische Automatismen nach sich, die zu nichts mehr als Pressemeldungen reichen.

Nach der UN-Sitzung sah man Delegierte mit zuckenden Schultern auf die Frage, wie man bei Nichteinhaltung der Waffenruhe als UN reagiere und welche völkerrechtlich bindenden Druckmittel es gebe.

Irgendwann nehmen wir die Bilder nur noch hin

Das ist vielleicht das Beunruhigendste: Dass die machtlosen Berichte der Augenzeugen ähnlich klingen wie die Statements der staatlichen oder zwischenstaatlichen großen globalen Organisationen. Der Krieg kommt durch Social Media immer näher, aber die Entfernung der Politik zum Geschehen wird immer größer. Rebellen, Dschihadisten, lokale Warlords etc. im Verbund mit nationalen Regierungen und ihren ständig wechselnden Interessen von Moskau über Ankara und Teheran, Riad und Jerusalem bis Washington – wer steigt da noch durch?

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Die Kriegsbilder emotionalisieren, aber der Glaube an die Handlungskraft und den Überblick einer operativen Politik wird immer schwächer. Da weiß man schon, dass wir die Bilder irgendwann nur noch hinnehmen. Dann schreiben Merkel und Macron noch einen Brief an Putin. Und wenn sie der Form halber eine Antwort erhalten, steckt die eine gerade in der Kabinettsbildung und der andere in seiner Vision vom neuen Europa. Die UN-Resolution ist da schon längst Schnee von gestern.

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