Kolumne: Moritz Rinke erinnert sich : Die glücklichsten Menschen der Welt

Alte Försterei in Köpenick, genau ein Jahr her, ein Tag für die Ewigkeit. Die Unioner haben den Aufstieg in die Bundesliga geschafft.

Jubel nach dem Abpfiff. Die Fans von Union stürmen den Platz.
Jubel nach dem Abpfiff. Die Fans von Union stürmen den Platz.Foto: pa/Andreas Gora/dpa

Fußballspiele habe ich schon einige erlebt. Zum Beispiel hatte ich 2006 irgendwie auf dem Schwarzmarkt ein Ticket für das WM-Finale Frankreich–Italien im Olympiastadion bekommen. Ich erinnere noch Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi, der mitten im Spiel Zidanes Schwester beleidigt hatte. Zidane flog vom Platz, Italien gewann im Elfmeterschießen, und der ganze Zidane-Materazzi-Dialog ist mittlerweile einer der großen Mythen des modernen Fußballs, es kursieren diverse Varianten darüber, was Materazzi noch gesagt haben könnte.

Ich war auch mal bei einem Champions-League-Finale, Barcelona gegen Juventus Turin, das Spiel war natürlich beeindruckend, Barcelona gewann 3:1. Ich erinnere mich, dass neben mir Ralf Rangnick saß, er telefonierte die ganze Zeit über mit Spieler-Managern, und irgendwann sagte er zu mir, zwischen zwei Telefonaten, er würde Messi nie kaufen, der sei zu langsam.

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Als Jugendlicher war ich im Bremer Weserstadion, ich hatte das Ticket von meinem Vater zu Nikolaus bekommen. Werder Bremen spielte im Uefa-Pokal-Rückspiel gegen den SSC Neapel, bei Flutlicht und Nebel, und wer lief da auf? Ja, Diego Maradona, der war damals für mich Gott, die Eintrittskarte habe ich heute noch.

So, und nun kann man das alles vergessen. Kein WM-Finale, kein Champions-League-Finale mit Messi, kein Weserstadion mit Maradona; nein, Relegationsspiel 1. FC Union gegen den VfB Stuttgart. In Köpenick! Alte Försterei, 27. Mai 2019. Genau ein Jahr her, ein Tag für die Ewigkeit.

Auf der Stadiontreppe küsste mich eine Hostess

Auf den ersten Blick ein völlig zerfahrenes, mäßiges Spiel, aber was da trotzdem sportlich passiert ist, das muss man hier niemandem mehr berichten. Diese eine Minute nach 22.28 Uhr – die war die schönste und zugleich existenziellste Minute, die ich je im Fußball erlebt habe.

Die feinen Stuttgarter Delegierten saßen genau unter mir, ich sah den VfB-Präsidenten, in dessen Gesichtszügen die Sponsorengelder und Daimler-Millionen zerrannen, ausgerechnet in Köpenick. Und keine zwei Sekunden nach Abpfiff wurde der Platz von den in diesem Moment vermutlich glücklichsten Menschen der Welt gestürmt.

Auf der Stadiontreppe küsste mich eine Hostess – bei Hertha undenkbar!

Später, als ich durch den Wald zur S-Bahn lief (bei Union muss man immer durch den Wald, wie herrlich) standen die Unioner an den Bäumen, pinkelten und posteten mit dem Handy, sangen und sprachen über die alten Zeiten und wie lange sie auf diesen Tag warten mussten. Es war, als sprächen manche auch mit den verstorbenen Unionern im Himmel. Es roch nach Bier und feuchter Erde, im Hintergrund sang Nina Hagen „Eisern Union“, irgendwo lief auch ein Dudelsack-Spieler herum.

Der beste Fußballdialog jemals

In der S-Bahn fand man sich wieder, gefühlt jeder Fünfte hatte ein Stück Rasen in der Hand.

„Hattest du einen Spaten dabei?“, fragte ich einen. „Wie hast du denn das mitgekriegt?“

„Rausjerissen!“

„Mit den Händen??“

„Nee, mit Jott! Da kiekste, wa?“

„Wow. Ebay, wa?“

„Haste noch alle Murmeln im Sack? Behalt ick, für immer!“

Vermutlich war dieser Fußballdialog auch der bisher beste jemals, nicht so mythisch wie bei Zidane und Materazzi, aber irgendwie historisch.

P.S.: Diese Kolumne ist natürlich nicht Maradona, sondern Lothar Heinke gewidmet, dem Tagesspiegel-Urgestein und Unioner seit seiner Kindheit, der mir schon damals bei meinem Volontariat immer von Union erzählte.