Kolumne: Moritz Rinke erinnert sich : Versteh’ einer die Frauen!

Warum unser Kolumnist sein neues philippinisches Au-pair-Mädchen zurück nach Manila schickten musste.

Kulturschock. In Gastfamilien kommt es manchmal zu Missverständnissen.
Kulturschock. In Gastfamilien kommt es manchmal zu Missverständnissen.Foto: imago/Cavan Images

Das philippinische Au-pair-Mädchen kommuniziert mit mir nur über Whatsapp, Facebook-Messenger, Instagram, manchmal auch über E-Mail. Allerdings schickt sie mir einen erstaunten Smiley, wenn ich ihr bei Whatsapp schreibe, dass ich ihr eine E-Mail geschickt habe. Neulich habe ich ihr getextet, dass ich es für ein Zusammenleben im Haushalt doch besser fände, wenn wir uns direkt mündlich austauschen, zum Beispiel über den Umgang eines Babys mit sozialen Medien. Das Au-pair stand stumm vor mir und begann zu zittern. Irgendwann sagte sie mir, dass man sich bei ihr zu Hause nie direkt etwas sage, ihre Eltern hätten sich zum Beispiel noch nie gestritten, und manchmal schaue sie auf das Handy ihrer Mutter, um zu wissen, wie es ihr geht.

Ich erinnerte mich an einen alten Freund, Robert, der mal mit einer Japanerin im Prenzlauer Berg zusammengelebt hatte. Robert war sich nach zwei Jahren nicht mehr sicher, ob sie ihn noch liebt, und als er sie darauf ansprach, fing sie auch an zu zittern und gestand, dass sie ihn schon seit einem Jahr nicht mehr liebe. Robert schlug ihr die Trennung vor, und sie nickte mit dem Kopf und lächelte sogar.

Ich habe nun die Facebookseite meines Au-pairs studiert, um wirklich herauszufinden, was sie fühlt, wie sie denkt, was sie interessiert und auch, was sie über mich und meinen Sohn denkt. Ich hatte mittlerweile schon richtig Sehnsucht nach meinem vorherigen Au-pair-Mädchen, das sich in einen Russen verliebt und mir das auch mündlich mitgeteilt hatte. Ich hatte ihr sogar meine alte Ausgabe von „Anna Karenina“ geschenkt, die sie auch wirklich zu lesen begann und dann dem Geliebten weiterverschenkte – der das Mädchen allerdings als Finanzagentin missbrauchte über das Konto, das ich ihr eingerichtet hatte. Am Ende musste ich sie aus dem Frauengefängnis in Lichtenberg herausholen, ich habe sogar im Tagesspiegel darüber berichtet. Aber immerhin war das alles real, analoges Leben! Und mein Au-pair-Mädchen war trotz allem immer noch richtig verliebt, das spürte ich.

„Ich vergebe nie mehr“

Auf der Facebookseite meines neuen Au-pairs war unter anderem ein Bild von Joaquin Phoenix in seiner Rolle als „Joker“ abgebildet, was mich etwas beunruhigte. Das Joker-Bild war mit dem Satz „The greatest prison we live in, is the fear of what other people think“ unterlegt, darunter standen eine Menge Kommentare von ihren philippinischen Freunden und die Antworten meines Au-pairs auf diese Kommentare. Ich klickte auf „Übersetzung anzeigen“ und bekam Ergebnisse, die mich noch mehr beunruhigten. Sie hatte Dinge geschrieben wie „Ich vergebe nie mehr“ oder „Niemand verdient mich“.

In einer anderen Übersetzungsmaschine im Internet gab ich Tagalog ein, eine der 171 Sprachen der Philippinen. Die Übersetzungen wurden rätselhafter, zum Beispiel: „Nie vergebe ich meine Verdienung.“ Vielleicht sollte es ja heißen: „Niemand verdient meine Vergebung“? Ich dachte an den kürzlichen Übersetzertag im Literarischen Colloquium Berlin, bei dem es darum ging, was die Entwicklung und Anwendung von künstlicher Intelligenz einerseits für die Sprache und Literatur, anderseits für den Beruf des Literaturübersetzens bedeutet, und musste lachen. Wie soll eine Maschine zum Beispiel auf Tagalog verfasste Weltliteratur übersetzen, wenn ich damit nicht mal herauskriege, was das Au-pair-Mädchen denkt?

Vor einer Woche habe ich einfach an ihre Zimmertür geklopft, bin hineingegangen und habe gefragt, ob ich ihr vielleicht einen Rückflug nach Manila kaufen soll. Sie hat nur mit dem Kopf genickt.