Kolumne: Moritz Rinke erinnert sich : Von Schönheitschirurgen und Schönschreibern

Nasen, Reportagen, Abgaswerte: Mittlerweile wird alles optimiert und ständig durch Neues ersetzt – nur wir selbst werden blöderweise alt.

Ein neues Gesicht. Die Filmindustrie machte die Schönheitschirurgie zu einem eigenen Gewerbe.
Ein neues Gesicht. Die Filmindustrie machte die Schönheitschirurgie zu einem eigenen Gewerbe.Foto: imago/Panthermedia

Im Jahr 1922 besuchte der Reporter Egon Erwin Kisch die Privatklinik von Jacques Joseph in der Bülowstraße, der gerade die Schönheitschirurgie erfunden hatte. Kisch verfasste eine Reportage über „Das Haus zu den veränderten Nasen“. Joseph hatte vier Nasentypen im Repertoire: eine kecke, eine intelligente, eine kokette und eine energische. Als Knochenersatz verwendete er Elfenbein des Klavierbauers Bechstein.

Berühmt wurde er aber durch den Fall des Türken Mustafa Ipar, der bei einer Schlacht in den Dardanellen sein Gesicht verloren hatte. Vor 100 Jahren wurde Ipar in den Operationssaal gebracht und sah Dr. Joseph mit dem einen ihm verbliebenen Auge hoffnungsvoll an. Es folgte die erste vollständige Gesichtsplastik. Joseph orientierte sich an der Nasenplastik der Renaissance sowie deren Weiterentwicklung durch Carl Ferdinand von Graefe (Graefe-Kiez, Kreuzberg!).

War die Grenze zwischen der Chirurgie für das Gesicht von Mustafa Ipar und der Chirurgie im „Haus zu den veränderten Nasen“ noch fließend, machten die Close-ups im Film die Schönheitschirurgie endgültig zu einem eigenen Gewerbe. Marlene Dietrich wollte hohlere Wangen, Rita Hayworth einen anderen Haaransatz, Marilyn Monroe eine andere Kinnpartie. Und vermutlich sind Schönheitschirurgen, neben Big-Data-Experten, heute noch viel zeitgemäßer.

Einen dieser Chirurgen habe ich in Ankara getroffen, er hat seine Frau selbst operiert. Vereinbart war eine Korrektur der Nase, aber er verlängerte die Narkose und operierte alles, erschuf sich eine neue Frau. Als sie aufwachte, sagte sie, sie werde ihn verlassen, sobald sie sich wieder bewegen könne. Doch dann stand er weinend vor ihr und sagte, das sei nun mal sein Beruf, ja, und er liebe sie, sie sei wunderbar, er habe einfach nur gedacht: ein bisschen hier, ein bisschen da – und sie sei noch wunderbarer.

Der eine optimiert seine Frau, der andere seine Reportagen

An diesen weinenden Chirurgen vor seiner optimierten Frau musste ich denken, als jetzt die erfundenen und vor allem wohl atmosphärisch geschönten Geschichten eines „Spiegel“-Reporters die Medienbranche in Aufruhr brachten, immerhin bekam er für seine Schönschreibe Preise. Der eine optimiert seine Frau, der andere seine Reportagen, wieder andere optimieren und manipulieren Abgaswerte, Zinssätze, Embryonen, Doktortitel – vielleicht manipulieren wir mittlerweile fast alles.

Und der Chirurg aus Ankara machte mit seiner Frau das, was wir eigentlich auch ständig tun: Er erneuerte, was ihn täglich umgibt. Unser Smartphone, unsere andere Beziehung, wird sogar so produziert, dass es gar nicht mehr alt werden kann. Mein Computer auch, und das Spielzeug unserer Kinder, die achte Waschmaschine, der siebzehnte Rasierapparat … Alles, ohne dass wir nicht mehr leben können, wird ständig durch Neues ersetzt, ja, unser ganzes alltägliches Leben besteht aus Verjüngungs- und Schönheitschirurgie, nur wir selbst werden blöderweise älter, alt.

Ich habe einen grünen Parka, den habe ich schon mit 14 getragen, davor mein Vater, der Reißverschluss geht immer noch. Wenn ich ihn anziehe, habe ich das Gefühl, dass ich wie Orlando bei Virginia Woolf durch die Zeiten gehen kann. Als ich den Parka trug, verlor ich auch mein erstes, 1993 gekauftes Handy, es fiel aus der Tasche, es ist nämlich auch ein schlauer Parka.

In „Westend“, dem neuen Stück von Moritz Rinke am Deutschen Theater, spielt Ulrich Matthes den Schönheitschirurgen Eduard, frei nach Goethes „Wahlverwandtschaften“.