Kolumne : Moritz Rinke erinnert sich : What the fuck is conservative?

Die CDU will auf jeden Fall konservativer werden – weiß aber nicht wie.

Kandidaten für den CDU-Bundesvorsitz: Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.).
Kandidaten für den CDU-Bundesvorsitz: Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.).Foto: imago/Mauersberger

Friedrich Merz, der Parteivorsitzender der CDU werden will, gilt als „konservativ“ und wurde von vielen als „konservativer Hoffungsträger“ ausgerufen, der die „konservative Sehnsucht“ der Union beflügele.

Jens Spahn, der Gesundheitsminister, der auch für den Vorsitz kandidieren will, gilt ebenfalls als „konservativ“, aber als „aufmüpfig konservativ“, wie manche empfinden. Im Gegensatz zu Angela Merkel gilt er aber schon als „stramm konservativ“, wie liberalere Stimmen meinen, wobei er im Gegensatz zu Friedrich Merz wiederum „modern konservativ“ sei, wie Spahn selbst meint.

Abzuleiten ist aus dem Ganzen, dass die CDU auf jeden Fall irgendwie konservativer werden will – aber wie? Ich denke, dass die Sehnsüchtigen in der CDU denken, konservativ geht so: Ludwig Erhard, soziale Marktwirtschaft, fest an die deutsche Einheit glauben, Westbindung, Rechtsstaatlichkeit, über 40 Prozent bei Wahlen, männliche Politiker …

Die Einheit haben wir natürlich schon. Westbindung geht wegen Donald Trump gerade nicht so gut; Ludwig Erhard mit der Globalisierung zu verbinden, auch nicht. Bleibt nur noch, die über 40 Prozent zurückzuholen – aber womit?

„Wahre Konservative haben ein feines Gespür für das Existenzielle“

Mit Männlichkeit? Raus aus Homoehe, rein in Kernenergie? Mit Rechtsstaatlichkeit? Übersetzt man die im Wahlkampf dann mit „rechts“? Bleibt am Ende der konservativen Sehnsucht nur die ganz rechte Flüchtlingspolitik? (Kann ja nur!)

Wenn man sich die Konservatismus-Sehnsucht genauer anschaut, dann muss man sich auch das Betätigungsfeld des Kandidaten Merz anschauen. Aufsichtsratschef für den deutschen Ableger des größten Vermögensverwalters Blackrock. Wenn man dessen Chef Larry Fink mit Ludwig Erhard vergleichen würde, müsste man auch Graf Dracula mit Biene Maja vergleichen. Ferner: Aufsichtsrat der Bank HSBC, gegen die die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wegen Steuerstraftaten ermittelte. Da greift eigentlich nur noch der Job als Vorsitzender der Aufsichtsräte der WEPA Industrieholding, die stellen Klopapier her, auf umweltfreundlichem Papier.

Das Klopapier ist bisher die beste Trumpfkarte des Kandidaten Merz!

„Wahre Konservative haben ein feines Gespür für das Existenzielle“, schrieb der Kunsthistoriker Jörg Scheller in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Es gibt zum Beispiel Umweltschützer, die konservativ sind; es gibt konservative Menschenrechtler, die das Recht von Asyl und Auswanderungsfreiheit bewahren wollen. Aber es gibt auch welche, die sich konservativ nennen, aber nur aggressiv sind, etwa Richard Grenell, Trumps Botschafter in Berlin, dessen Nähe etwa der Kandidat Spahn sehr gerne sucht.

Die CDU muss den Grünen beitreten, das wäre das Allerkonservativste

Spahn suchte auch schon in einem Beitrag für die „FAZ“ nach einem „modernen Konservatismus“, pendelte aber noch zwischen Rechtsruck und Plastik in unseren Meeren.

Der Beitrag wirkte wie schnell dahingeschrieben, man spürte richtig, wie Spahn am Laptop sitzt und denkt: WHAT THE FUCK IS CONSERVATIVE?!

Vielleicht müsste man bei der CDU eine Liste machen, bei welchem Thema „Gespür fürs Existenzielle“ fehlt, da käme man von der Autoindustrie bis zur schrecklichen Debatte über Seenotrettung auf eine üppige Liste. Ansonsten könnte die Partei Angela Merkel überreden, einfach weiterzumachen, weil sie vielleicht doch – überraschenderweise – am konservativsten von allen ist. Oder die CDU muss sich auflösen und lässig den Grünen beitreten, das wäre das Allerkonservativste. Und man hätte bestimmt auch wieder über 40 Prozent.