"Mein ganzes Leben wollte ich nicht eingesperrt sein"

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Künstlerin Isa Genzken im Interview : „Zu Tokio Hotel tanze ich wie ein Teenager“
Isa Genzken, deutsche Künstlerin mit internationalem Renommée; sie lebt und arbeitet in Berlin.
Isa Genzken, deutsche Künstlerin mit internationalem Renommée; sie lebt und arbeitet in Berlin.Foto: Mike Wolff

Was half stattdessen?

Eines Tages hat meine Ärztin gesagt: Frau Genzken, Sie dürfen keinen Tropfen Alkohol mehr trinken, sonst kommen Sie hier nie wieder raus. Mein ganzes Leben wollte ich nicht eingesperrt sein. Also bin ich trocken geworden. Seit drei Jahren habe ich keinen Alkohol angerührt.

Während dieser ganzen Zeit haben Sie weiter Ihre berühmten Assemblagen geschaffen. Schaufensterpuppen, die mit Ihren Klamotten bekleidet sind, Stelen, auf denen Spiegelfolie klebt. Damit thematisieren Sie unseren Umgang mit Schönheit.

Das ging, wenn ich drei Stunden Ausgang hatte und in mein Atelier durfte. Das war gut für mich. In der Psychiatrie habe ich einmal probiert, an meiner Kunst zu arbeiten, die wurde dann weggeschmissen. Weil die dachten, das wäre kein Kunstwerk. Ich hatte einen Mantel entworfen, den habe ich aus Resten zusammengeklebt, Stoffe auseinandergerissen, eine Schere hat mir eine Schwester heimlich zugesteckt, das durfte sie eigentlich nicht. Daraus habe ich einen schönen Mantel gemacht, und der war plötzlich weg.

Zum Glück verkaufen Sie gut in Europa und in den Vereinigten Staaten. Eine Arbeit von Ihnen kostet schon mal 100 000 US-Dollar und mehr.

Gut? Nehmen Sie Jeff Koons, der ist meine Generation, viel schlechter als ich, aber so viel teurer. Das finde ich ungerecht.

Haben Frauen es schwerer auf dem Kunstmarkt?

Köpfe von Nofretete mit Sonnenbrillen der Künstlerin Isa Genzken im Martin-Gropius-Bau.
Köpfe von Nofretete mit Sonnenbrillen der Künstlerin Isa Genzken im Martin-Gropius-Bau.Foto: dpa

Nein, die sind einfach nicht so gut. Die besten Künstler sind schwul. Nehmen Sie Leonardo da Vinci, Michelangelo, auch Gerhard Richter.

Moment, Sie waren mit ihm verheiratet, er hat vier Kinder aus zwei Ehen.

Das geht doch. Ich finde, ich bin auch schwul und ein guter Künstler. Schwule Künstler sind viel sensibler und feiner.

Ihr Zitat: „Ich bin der beste Schwule.“

Nein, es heißt: Ich bin der höchste Schwule der Welt. Den Satz habe ich selber erfunden, in New York. In den späten 80er Jahren bin ich oft in die „Sound Factory“ gegangen, einen Nachtclub in Manhattan, da waren nur Schwule erlaubt. Ich ging allein hin und kam beim Türsteher sofort durch. Der Raum war komplett schwarz, die einzige Beleuchtung richtete sich auf die Bühne. Darauf habe ich getanzt, sieben Stunden lang. Der DJ hat mich die ganze Zeit angefeuert: „Germany is coming!“ Die „Sound Factory“ war der absolute Hit in meinem Leben. Sieben Stunden vor 3500 Schwulen, danach sind Sie selber schwul.

Ihre Liebe zu New York haben Sie bereits früher entdeckt.

Mit 16 bin ich das erste Mal nach New York gereist, meine Mutter hatte zwei Halbschwestern, die als Stewardessen arbeiteten. Die beiden haben uns eingeladen in ihre Wohnung in der Lexington Avenue. Schon bei der Ankunft habe ich gespürt: Das ist meine Stadt. Ich liebe sie immer noch am meisten von allen Städten, die ich kenne. Diese Architektur kann man nicht kopieren.

Welches Gebäude hat Ihnen besonders imponiert?

Das Empire State Building. Dort musste man durch mehrere Schleusen, bis man drin war. Das hat mir gefallen: Sicherheit ohne Ende. Das Gefühl brauche ich. Das Chrysler Building mag ich nicht, das macht mir Angst – der ganze Marmor, diese Tiere an der Fassade, diese Spitze ganz oben.

Für Manhattan haben Sie einmal Hochhausentwürfe aus Plastikbechern und Haushaltmüll entworfen. Wie sähe Ihr Wolkenkratzer aus, könnten Sie das Projekt realisieren?

Ein riesiges Warenhaus am Hudson River, von dem aus man auf den Fluss schaut, auf Segelschiffe und ein paar Partyboote. Ganz oben wohne ich. In dem Gebäude gäbe es viele Etagen. Eine mit Schwimmbad, eine mit Restaurants, eine für Luxuskleidung, eine für günstige Mode, eine mit Sauna, eine mit einem Darkroom – und es gäbe eine Diskothek, die Tag und Nacht auf hätte.

Haben Sie gern Tage durchgetanzt?

Nein, ich habe immer zwischendurch geschlafen.

Aber Tanzen ist Ihnen ziemlich wichtig.

Ich musste Ballett lernen, da war ich noch ein Kind. Eine russische Tänzerin, eine ältere Dame, hat mir einen Stock in den Rücken reingestoßen, wenn ich nicht richtig durchdrückte. In Köln als junge Frau habe ich Steppen gelernt, ein halbes Jahr mit Candida Höfer, einer sehr guten Künstlerin, wie ich finde, und damals engen Freundin. Das war gar nicht so einfach, mit den Schuhen auf dem blanken Boden.