Kuriere verstopfen Istanbul : Spazierengehen als Kampfsport

Lieferdienste bringen immer kuriosere Gegenstände zu den Kunden nach Hause: Bücher, Babykleidung oder Tierfutter. Zum Leid anderer Verkehrsteilnehmer.

Die rasenden Kuriere sind schon lange in das Stadtbild von Istanbul integriert.
Die rasenden Kuriere sind schon lange in das Stadtbild von Istanbul integriert.Foto: Carol Smiljan/Imago

Bummeln, flanieren, schlendern oder spazieren gehen… Das war einmal in Istanbul. Heute haben Fußgänger am Bosporus keine Muße mehr, in Schaufenster zu blicken oder die Schönheiten der Stadt zu genießen: Sie brauchen ständig alle fünf Sinne beisammen, um sich vor den rasenden Moped-Kurieren der Bringdienste zu retten, die Istanbul im Sturm erobert haben. Moped-Bringdienste sind ein Hit in Istanbul, die Zahl der Lieferdienste wächst und wächst. Die Verkehrspolizei ist darauf nicht eingestellt. Tausende Kuriere brettern quasi ungebremst durch die Metropole und scheuen kein halsbrecherisches Manöver, um schneller ans Ziel zu kommen.

Weil Autos und Lieferwagen im chronischen Verkehrsinfarkt der Mega-Metropole stecken bleiben und Fahrräder in den steilen Gassen keine Chance haben, sind Mopeds in Istanbul das Lieferfahrzeug erster Wahl. Schon bisher wurden bestimmte Güter in Istanbul so ausgefahren - vom Kebap bis hin zum Trinkwasser in 19-Liter-Fässern, von denen manche Kuriere gleich mehrere auf dem Moped balancieren. Die Fahrer waren beim Imbiss oder Krämer angestellt, ihre Zahl hielt sich in Grenzen.

Das hat sich geändert, seit 2015 der Bringdienst „Getir“ eröffnete, der fast alles ins Haus bringt: Bücher, Babykleidung, Tierfutter und mehr. Der Service setzte sich im verkehrsgeplagten Istanbul schnell durch, die Firma steigerte ihren Umsatz jährlich um das Drei- bis Fünffache. Die Konkurrenz ließ nicht lange auf sich warten: Im vergangenen Jahr kam die spanische Firma Glovo dazu, zugleich starteten mehrere einheimische Dienste mit großen Plänen.

Alleine Glovo hat bereits 2000 Mopeds auf den Straßen von Istanbul im Einsatz, der neue Anbieter Banabi ist mit 1000 Mopeds unterwegs, und die Firma Fiyuu will bis zum Jahresende auf 1200 Mopeds aufstocken.

Probleme, Fahrer zu finden, haben die Firmen nicht. Die Arbeitslosigkeit bei jungen Leuten unter 24 Jahren in der Türkei liegt bei 27,4 Prozent. Ein Fahrer des Anbieters „Yemeksepeti“ sagt, er sei sehr zufrieden mit seinem Job. Die Firma, die ihre Kuriere in knallrosa Jacken, Helmen und Mopeds auf die Straßen schickt, gehört zu den Marktführern. „Ich habe geregelte Arbeitszeiten und bin sogar sozialversichert“, sagt der Fahrer - beides ist in der Türkei nicht selbstverständlich.

Kommt die Lieferung zu spät zum Kunden gibt es weniger Trinkgeld

Zehntausende Kuriere sind in Istanbul inzwischen per Moped unterwegs – was kein Problem wäre, wenn sie sich an Verkehrsregeln halten würden. Für Mopeds gilt in Istanbul aber von jeher Narrenfreiheit. Autofahrer weichen klaglos aus, wenn ihnen ein Moped auf der Einbahnstraße entgegenkommt. Mit der Zeit ist das zum Gewohnheitsrecht geworden, das im Alltag auch von der Polizei toleriert wird. „Ich habe noch nie gesehen, dass ein Fahrer dafür angehalten wird“, sagt ein Istanbuler, der an einer Einbahnstraße wohnt.

Über Gehwege und Bürgersteige preschen die tollkühnen Gesellen auf ihren klapprigen Maschinen, durch Fußgängerzonen und gegen Einbahnstraßen. Selbst in den wenigen Parks der Stadt sind Spaziergänger nicht mehr vor Mopeds sicher, wenn die Fahrer dadurch abkürzen können. Die Kuriere stehen unter Druck: Lieferzeiten von durchschnittlich zehn Minuten verspricht etwa der Marktführer „Getir“ - und das in einer Stadt mit 16 Millionen Einwohnern. Kommt die Lieferung zu spät beim Kunden an, gibt es das Trinkgeld nicht, auf das viele Boten angewiesen sind – oder Beschwerden bei der Firma und schlechte Bewertungen auf Apps.

Bereits 18 Tote bei Verkehrsunfällen in diesem Jahr in Istanbul

In den sozialen Medien wenden sich einige Istanbuler wegen der Raserei inzwischen hilfesuchend an den neuen Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu, der in der Stadt vieles verändern will. Imamoglu solle Istanbul vom „Terror der Kuriere und der Mopeds“ befreien, forderte ein Bewohner der Metropole.

Bei Verkehrsunfällen mit Mopeds gab es in diesem Jahr bereits 18 Tote und rund 4500 Verletzte in Istanbul. Leidtragende sind in erster Linie die Kuriere selbst, die überwiegend jung, oft risikofreudig und selten gut ausgebildet sind. „Mein Sohn hatte nicht einmal Führerschein“, klagte der Vater eines 16-Jährigen, der im August von einem Lastwagen überrollt wurde, als er Imbisse ausfuhr.

Für Fußgänger als schwächste Verkehrsteilnehmer bleibt meist nur der Sprung in einen Hauseingang oder hinter ein parkendes Auto „Es reicht nicht mehr, nach links und rechts zu blicken, um nicht umgefahren zu werden“, sagt ein genervter Istanbuler. „Man braucht jetzt Augen am Hinterkopf.“