Kaffee kann man nicht nur trinken

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Kurztrip nach Italien : 48 Stunden koffeinhaltiges Triest
Die 1892 gegründete Firma Hausbrandt ist bis heute im Stadtbild allgegenwärtig.
Die 1892 gegründete Firma Hausbrandt ist bis heute im Stadtbild allgegenwärtig.Foto: Moritz Honert

9 Uhr

Zugegeben, mit dem Charme eines großen Kaffeehauses kann es die 1848 gegründete Kleinrösterei Torrefazione La Triestina ( Via di Cavana, 2) nicht aufnehmen. Experten, die sich über den Sinn und Unsinn von Vakuumverpackungen streiten oder mal eine Barista sehen möchten, die den Mahlgrad auf die aktuelle Luftfeuchtigkeit abstimmt, sind hier jedoch richtig. Die alte Röstmaschine ist allerdings nur noch Dekoration. In der Altstadt gilt strenger Brandschutz.

10 Uhr

Nicht nur in Wien waren die Kaffeehäuser Lebensmittelpunkt der Literaten. In Triest verkehrten Italo Svevo und Umberto Saba vor allem im Caffè San Marco (Via Cesare Battisti, 18) mit seinen Marmortischchen, an denen auch James Joyce seinen „Ulysses“ entworfen haben soll. Nachdem der Laden vor einiger Zeit pleite war, fungiert er nun passenderweise parallel als Buchhandlung.

Das Caffè San Marco beherbergt heute auch einen Buchgeschäft. Die Abbildung stammt aus dem Buch "Triest - Der Hafen Mitteleuropas" von Peter Weinhäupl.
Das Caffè San Marco beherbergt heute auch einen Buchgeschäft. Die Abbildung stammt aus dem Buch "Triest - Der Hafen Mitteleuropas"...Foto: Peter Weinhäupl

12 Uhr

1936 schenkte Sara Davis, Tochter eines englischen Kaufmannes, den Obst- und Gemüseverkäuferinnen den Mercato Coperto (Via Giosuè Carducci, 36), eine zweistöckige, bis heute gut besuchte Markthalle. Die Frauen sollten nicht länger der Bora, dem im Winter in eiskalten Böen über die Stadt fegenden Wind, ausgeliefert sein. Die Kälte ist einer Legende nach auch die Erklärung, warum in Triest Kaffee gerne im Glas getrunken wird. Gläser wärmen besser die Hände und lassen sich mit Hafenarbeiterhandschuhen einfacher packen.

Der Marcato Coperto wurde 1936 eröffnet.
Der Marcato Coperto wurde 1936 eröffnet.Foto: Moritz Honert

13 Uhr

Nur ein paar Meter weiter liegt das Buffet L’Approdo (Via Giosuè Carducci, 34). Der Name ergibt nicht wirklich Sinn, weil weit und breit keine Anlegestelle zu sehen ist, aber das tun die Augustinerbräu-Wimpel in dem mit Arbeitern gerammelt vollen Familienbetrieb ja auch nicht. An der Bar gibt es Kleinigkeiten wie Brot mit Ei und Sardellen, aus der Küche ein hervorragendes Szegediner Gulasch. Das Gedränge ist groß und herzlich, nachher ist man satt und vollgekleckert. Was soll’s: „Man isst, man trinkt, man wäscht sich das Gesicht“, heißt es in Triest.

14 Uhr

Apropos Sauberkeit. Wer viel Kaffee trinkt, sollte regelmäßig Zähneputzen. In der Drogheria Vittorio Toso gibt es sogar Bürsten mit Schweineborsten. Von der Decke des Traditionsgeschäfts hängen Naturschwämme, in den staubigen Regalen liegen Stahlwolle, Bonbons, Fußmatten und Besen, in der Luft die Düfte von Scheuermitteln und selbstgemachter Seife. Nebenan in der Gran Malabar wird übrigens noch „Hausbrandt Trieste 1892“ aufgebrüht. Das Unternehmen hat die Stadt jedoch schon lange verlassen und residiert heute in Treviso.

15 Uhr

Kaffee kann man nicht nur trinken. Jazzin (Via del Mercato Vecchio, 1) macht daraus Eis, das serviert wird wie Fingerfood. 2,70 Euro kostet eine gefrorene Kreation, die Eis-Praline gibt es für einen Euro. Achtung: Nicht auf einmal einwerfen! Sonst erfriert das Gehirn.

Nicht auf einmal einwerfen, sonst friert das Gehirn ein.
Nicht auf einmal einwerfen, sonst friert das Gehirn ein.Foto: Moritz Honert

17 Uhr

Durst. Das Problem: „Wenn man ein Bier braucht, ist Kaffee das widerlichste Gesöff der Welt“, wie der Grafiker Christoph Niemann mal treffend feststellte. Die Lösung: Hops (Via di Cavana, 11–15). Auf der Karte stehen wechselnde, meist italienische Craft-Biere. Eine Ecke weiter (Via della Madonna del Mare, 3) befindet sich eine Dependance, die Flaschen und Dosen zum Mitnehmen verkauft.

19 Uhr

Der jahrhundertelange Zoff mit Venedig ist überwunden. Heute gibt es sogar einen Ableger des Harry’s (Piazza Unità d’Italia, 2) in Triest. Während das Lokal in Venedig allerdings höchstens noch als maßlos überteuerter Verwalter vergangenen Ruhms agiert, ist das östlich der Adria höchstlebendig. Zwischen Ledermöbeln und schweren Bilderrahmen kann man mit dem jungen und polyglotten Team über deutschen Riesling fachsimpeln. Die Küche serviert dazu moderne Bistro-Gerichte, gegrillten Pulpo zum Beispiel oder Thunfisch-Tataki (17 Euro) auf geraspeltem Fenchel mit Orangenzesten – fett wie Schinken, schmelzend wie Sushi.

22 Uhr

Veit Heinichen, dank seiner „Proteo Laurenti“-Krimis so etwas wie der inoffizielle Stadtschreiber von Triest, mag das Caffè Tommaseo (Piazza Nicolò Tommaseo, 4) nicht. „Bis vor zwei Jahren war es noch wundervoll, dann durchlief es zwei Pleiten (...) und als man es wiedereröffnete, fehlte das alte Mobiliar“, moserte er in „Die Toten vom Karst“. Aber Triest zu verlassen, ohne sein ältestes Kaffeehaus besucht zu haben? Geht nicht. Kommt man abends, hat man es sogar fast für sich allein, kann Spiegel und Stuck bewundern und sich zu Wein oder Longdrinks üppiges Fingerfood reichen lassen – kostenlos, wie fast überall in der Stadt.

0 Uhr

Na gut, einer geht noch. Aber wo bekommt man jetzt noch Koffein, wenn die Kaffeehäuser schon geschlossen sind? Das Automatencafé Polidori (Via del Mercato Vecchio, 1C) lässt einen nie im Stich. Die Tasse ab 50 Cent.