Kurzurlaub zum Jubiläum : Feiern mit Beethoven in Bonn

Neben dem Goldbären ist er Bonns berühmtester Sohn: Beethoven. Jetzt begeht die Stadt seinen 250. Geburtstag. Zwei Tage Klassik zwischen Oper und „Beichtstuhl“.

Ilja Behnisch
Die Bonner Beethoven-Statue sorgte von Anfang an für Ärger.
Die Bonner Beethoven-Statue sorgte von Anfang an für Ärger.Foto: dpa/Oliver Berg

11 Uhr

Weil die Stadt sich knauserig zeigte, musste Franz Liszt einspringen. Der Beethoven-Verehrer bezahlte aus seinem Privatvermögen zu einem Fünftel das Denkmal des berühmtesten Sohnes der Stadt. Klassischer als hier am Münsterplatz kann ein Bonn-Besuch nicht beginnen. Zumal der Komponist in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag gefeiert hätte.

Das Denkmal selbst ist seit jeher konsequent umstritten. Der Ärger begann schon mit der feierlichen Eröffnung am 12. August 1845. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV., die englische Königin Victoria, Alexander von Humboldt – sie alle waren eigens angereist, einen der größten Komponisten aller Zeiten zu seinem 75. Geburtstag (und dem ersten Beethoven-Fest) die Ehre zu erweisen.

Und dann das: Weil die Festveranstalter vergessen hatten, eine Ehrentribüne zu errichten, mussten die Herrschaften sich auf dem Balkon des Hauptpostamtes drängen. Und sahen so bei der Enthüllung der von Jacob Daniel Burgschmiet ausgeführten Statue – das Hinterteil Beethovens. „Das darf doch nicht wahr sein“, soll Königin Victoria daraufhin empört ausgerufen haben. Woraufhin Alexander von Humboldt beruhigend entgegnet habe: „Er war eben schon immer Kauz.“

Derzeit umschließen sieben Leuchtringe das Denkmal. Sie sind Teil des Projekts „Zum Licht“ des Berliner Künstler-Duos „Schultze Müller“. Einhellige Meinung der Bonner Bürger dazu? „Das darf doch nicht wahr sein.“

11.30 Uhr

Das Zentrum der 320.000-Einwohner-Stadt Bonn ist klein, hübsch und nahezu in Gänze eine Fußgängerzone. Das Motto hier: Sich treiben lassen! Das Hauptgebäude der Universität, deren Gründung den Preußen zu verdanken ist, sowie der Alte Zoll, von dem sich Rhein, Siebengebirge und der frühere Regierungsbezirk beobachten lassen, sind ebenso innerhalb von zehn Fußminuten zu erreichen wie die für viele Touristen vielleicht wichtigste Institution, der Haribo-Store (Am Neutor 3). Immerhin das ist von Hans Riegel Bonn noch geblieben. Der Firmensitz hingegen liegt seit Mai 2018 im rheinland-pfälzischen Grafschaft; der kommunalen Steuern wegen.

Der Konzern ist längst umgezogen, doch ein Haribo-Store ist geblieben.
Der Konzern ist längst umgezogen, doch ein Haribo-Store ist geblieben.Foto: Ilja Behnisch

Für den kleinen Hunger empfiehlt sich der tägliche Markt (Montag bis Freitag 8 Uhr bis 18.30 Uhr, Samstag 8 Uhr bis 16 Uhr) auf dem Bonner Marktplatz. Bei „Engel Teufel Imbiss“ gibt es eine zu Recht viel gepriesene Currywurst und zudem einen wunderbaren Blick auf das Rathaus, von dessen Treppe die einst gefeierten Radsport-Giganten des Bonner Team Telekom in die Republik jubilierten. Und zu Zeiten der Bonner Republik mal mehr, mal weniger beliebte Staatsgäste deutscher Kanzler.

13 Uhr

Das heutige Beethoven-Haus war zwar nur eine von mehreren Wohnstätten der Familie, ist aber immerhin das Geburtshaus von Ludwig van. Und frisch renoviert. Die neu geschaffenen Sonderausstellungen wie jene über Joseph Stielers berühmtes Beethoven-Porträt und seine Geschichte sind klein, begeistern aber gerade deswegen. In nur einem Raum ist zu sehen, wie unterschiedlich der Komponist im Laufe der Zeit dargestellt wurde und wie einseitig das eigene Beethoven-Bild ist.

Die Dauerausstellung lebt vor allem vom Geist des Historischen und den vielen Veranstaltungen. Highlight des Besuchs ist aber die Schlange in der neu errichteten Ticket-Verkaufsstelle, in der sich auch der Museumsshop und die Garderobe befinden. Wer dort ansteht (und man wird anstehen müssen) und es nicht schafft, ins Gespräch mit einer älteren Dame aus Wien oder jungen Globetrottern aus Asien zu kommen, hat für immer die Gewissheit, lieber allein durchs Leben zu gehen.

15 Uhr

Von der Schiffsanlegestelle „Alter Zoll“ aus geht es vorbei am früheren Regierungsbezirk und in 50 Minuten über den Rhein bis nach Königswinter. Anschließend mit der Zahnradbahn, die 1883 erbaut wurde, ein ruckelndes Acht-Minuten-Erlebnis für sich ist und dabei 219,60 Meter an Höhe überwindet, hinauf auf den Drachenfels. Hier soll der sagenhafte Siegfried das Ungeheuer erlegt und in dessen Blut gebadet haben. Hier ist der junge Beethoven, der in späteren Briefen aus Wien mehr Sehnsucht über die rheinische Landschaft denn über die Stadt Bonn verspürte, immer wieder durch die Natur spaziert.

Um den Drachenfels ranken sich Mythen und Ausflugslokale.
Um den Drachenfels ranken sich Mythen und Ausflugslokale.Foto: dpa/Oliver Berg

Auf dem mit einem Neubau versehenen Drachenfelsplateau lässt es sich wunderbar Ausschau über die Welt halten und bei Bedarf auch vernünftig auf Ausflugslokal-Niveau speisen. Noch besser allerdings: ein wenig den Appetit zügeln, zu Fuß nach Bad Honnef (Rhöndorf) absteigen und sich im Café Profittlich (seit 1731) belohnen. Mitsamt einer Herrentorte, die jedem Diätplan ein furchtlos-beethovensches „Hol’ euch der Teufel“ entgegnet.

19.30 Uhr

Zurück geht es mit der Straßenbahn (Linie 66) bis zum Bertha-von-Suttner-Platz. Gleich um die Ecke befindet sich das Opernhaus, in dem Generalintendant Bernhard Helmich das Sagen hat. Der 57-Jährige kennt sich aus in der Welt, arbeitete schon in Berlin und Taiwan und wundert sich gar nicht, dass Bonn vom Lonely Planet unlängst auf Platz fünf der beste Reiseziele 2020 gewählt wurde. Vor Vancouver, Dubai und Denver.

Auch wegen Beethoven und seiner einzigen Oper Fidelio, die der Komponist selbst nicht für besonders gelungen hielt und die hier immer wieder auf dem Programm steht. Allerdings selten so eindrucksvoll wie in der Inszenierung von Volker Lösch, die an Neujahr 2020 Premiere hatte und die Befreiungsoper mit der Erdogan-Regierung in der Türkei verknüpft. Aufgeführt wird das Opus in der Bonner Oper. Die Beethovenhalle dagegen wird wohl nicht vor 2024 nach Sanierung wiedereröffnet – ein Skandal, den die Einwohner schon als ihren BER bezeichnen.

Bonn ist zwar ansonsten nicht Berlin und auch nicht mehr Hauptstadt, dafür aber längst ein wichtiger Standort der Vereinten Nationen (21 UN-Institutionen sind hier ansässig). In Bonn wird Politik gemacht. Oder zumindest darüber geredet, wie Helmich sagt, der das entspannte Lebensgefühl und die viel zu selten gepriesene Schönheit der Stadt außerordentlich schätzt, den Bonnern aber zugleich empfiehlt: „Auch mal entscheiden und machen.“

22 Uhr

Dabei ist es manchmal ganz leicht, sich zu entscheiden. Zum Beispiel dann, wenn es darum geht, klassisch Bönnsche Küche zu genießen. Das altehrwürdige „Im Stiefel“, direkt neben dem Beethoven-Haus gelegen und häufige Anlaufstelle für Touristen, hat das klare Nachsehen gegenüber dem „Brauhaus Bönnsch“. Vom Halven Hahn, Himmel und Äd oder Sauerbraten zeigt sich die traditionelle rheinische Küche hier von ihrer besten Seite. Dazu ein hauseigenes Bier aus dem ureigenen Glas, über das sogar schon wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben wurden („Usability-Bewertung eines Bönnschglas nach DIN 9241“).

Hilft auch beim Entspannen, wenn man vom Nachbartisch ein Gespräch aufschnappt, in dem es mal wieder und immer noch über den Umzug diverser Ministerien nach Berlin geht – obwohl einige von ihnen noch immer ihren Erstsitz hier haben, darunter Umwelt und Verteidigung.

23.30 Uhr

Wer anschließend eine kurze Auszeit vom distinguierten Klassik-Trip benötigt, streift durch die Altstadt, die in Rufweite vom Bönnsch beginnt. Und sich einfach selbst so nannte, nachdem die ursprüngliche, nahe der Oper gelegene Altstadt im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Besonders zu empfehlen ist die Bar „Die Wache“ (Heerstraße 145), die selbst in Berlin-Kreuzberg eine gute Figur machen würde.

Alle weniger Nachtaktiven – ab ins Bett. Zum Beispiel im Leoninum, einem ehemaligen Priesterseminar, das heute Hotel (70 Zimmer) und Alterssitz (102 Wohnungen) in einem ist. Entweihte Kirche und Spa-Bereich inklusive.

11 Uhr

Der Besuch auf dem Alten Friedhof zeigt, wofür Bonn die meiste Zeit seiner Geschichte stand: Kunst und Kultur. Hier liegt der Historiker und Bonner Professor Ernst Moritz Arndt begraben, hier liegen Beethovens Mutter, sein Geigenlehrer, das Musiker-Ehepaar Robert und Clara Schumann. Ebenso die Witwe des Brücke-Künstlers August Macke, in dessen ehemaligem Wohn- und Atelierhaus (Hochstadenring 36, fünf Gehminuten vom Friedhof entfernt) ein gelungenes biografisches Museum untergebracht ist.

14 Uhr

Ein 15-minütiger Spaziergang durch die Bonner Nordstadt oder wahlweise eine Station mit der Straßenbahn (ab Bonn West), schon ist man im rheinischen Landesmuseum nahe dem Bahnhof angelangt. Die Dauerausstellung des „LVR“ bietet „300.000 Jahre Kulturgeschichte im Rheinland“, besonders lohnenswert sind allerdings die Sonderausstellungen: In der „Mitmachausstellung Music!“ etwa werden die Besucher an 30 Stationen selbst zum Musiker, Dirigenten, Komponisten, Tänzer und Instrumentenbauer.

So kann man erleben, wie sich Beethovens 9. Sinfonie etwa aus der Sicht eines Orchester-Flötisten oder -Trompeters anfühlt und anhört, in einem Kleinwagen Carpool-Karaoke nacherleben oder im Studio gleich ein komplettes Musikvideo aufnehmen und sich anschließend per E-Mail nach Hause schicken lassen.

17 Uhr

Genug Kultur, zum Ausklang wird gelebt! Das geht in Bonn nirgends so gut wie in der Südstadt und in Poppelsdorf, rund um das gleichnamige Schloss. Und dort ganz besonders auf der Clemens-August-Straße, der sogenannten Poppelsdorfer Meile. Hier drängt sich vom „El Tarascon“, einem Steakhaus, über „Amdo Sushi“ und dem mitteleuropäischen „Meyer’s“ ein zu empfehlendes Restaurant an das nächste.

Anschließend geht es ins „Dirk Diggler“, bei reichlich Bier-Auswahl, guten Cocktails und angenehm entspannter Berlin-Atmosphäre. Wer seinen Bonn-Besuch lieber ebenfalls klassisch zu Ende gehen lassen möchte, macht sich über die kurfürstliche Achse, die von Gründerzeithäusern gesäumte Poppelsdorfer Allee, erneut auf in Richtung Innenstadt.

Ein letztes Mal Beethoven in der St. Remigius-Kirche, wo sein Taufbecken zu besichtigen ist. Dann ab in den „Beichtstuhl“ – die Kneipe gegenüber. Uriger als hier wird es kaum. Und fast so wie in Köln. Nur eben ohne Köln. Auch so ein Grund, warum sich Bonn lohnt.

Reisetipps für Bonn

Hinkommen

Mit der Deutschen Bahn von Berlin über Köln in knapp fünf Stunden, Sparpreise in der 2. Klasse gibt es ab 29,90 Euro.

Unterkommen

Das Hotel Collegium Leoninum liegt gleich gegenüber vom Alten Friedhof und ist zu Fuß von der Altstadt erreichbar. Eine Nacht im Doppelzimmer kostet ab 110 Euro, leoninum-bonn.de.

Rumkommen

Das kurfürstliche Ballhaus „La Redoute“, wo Beethoven einst Haydn vorspielte, liegt im Bonner Stadtteil Bad Godesberg und ist jederzeit von außen zu besichtigen. Mit einer Bonn Welcome Card können Touristen gratis den ÖPNV nutzen und bekommen ermäßigten Eintritt in vielen Museen. Ab zehn Euro für 24 Stunden. bonn-region.de

Die Recherche wurde unterstützt von Tourismus NRW. Mehr Infos unter bthvn2020.de.