Tierschützer prangern die Haltung an

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Kutschen in New York : Am Hudson gehen die Pferde durch
Ein Kutschpferd in New York.
Ein Kutschpferd in New York.Foto: Reuters

Das scheint die ganze Welt zu verblüffen. Wieder steckt jemand den Kopf durch die Stalltür. Ein junger Mann, mit einem Kameragestell auf dem Rücken. „Al Jazeera“, sagt Stephen Malone. Der arabische Fernsehsender dreht, während in dem kleinen Durchgangsbüro die Uhr für die Stempelkarten geräuschvoll umspringt, alle fünf Minuten rattert es wie in einer alten Kuckucksuhr.

Ein Mann in einem dicken Overall kommt herein, stempelt seine Karte. „Dimitri, wo kommst du noch mal her? Bolivien oder Bulgarien?“, fragt Malone. Dimitri dreht sich um, er lächelt schwach wie jemand, der schon oft erklären musste, woher er stamme. „Bulgarien.“ Malone entschuldigt sich: „Ich wusste, es war was mit B, und es war nicht Brasilien. So wie Dimitri sind viele Kutscher in zweiter Generation Amerikaner – Italiener, Iren, Türken, Israelis, Chinesen, Russen.“

Stephen Malone steigt die Rampe zur ersten Etage hinauf, wo schon der Duft verrät, dass wir nun in das Reich der Pferde hineintreten. Malone zählt auf, was sie alles in den vergangenen Jahren durchgesetzt haben. Dass die Pferde nicht länger als neun Stunden draußen bleiben dürfen, dass sie Sprinklerleitungen für jede Box haben, dass acht Stallburschen im Schichtbetrieb darauf aufpassen, wie es den 68 Tieren auf den zwei Etagen geht, dass sie viermal pro Tag das Stroh wechseln.

Edita Birnkrant von der Initiative „Friends of Animals“ hat öffentlich die Haltung der Pferde mit einem Gefängnis verglichen. „Sie brauchen die Möglichkeit, im Freien zu grasen und zu wandern.“ Stephen Malone betont, dass die Kutschfahrten die benötigte Bewegung ersetzen. Dass für jedes Tier tierärztliche Untersuchungen Pflicht sind, eine Generaluntersuchung einmal pro Jahr, dann noch eine, wenn die Pferde in den jährlichen fünfwöchigen Urlaub auf eine Farm im Norden des Bundesstaates gehen – und eine, wenn sie wieder zurück in die Stadt kommen. „Bürgermeister de Blasio kann jederzeit hier vorbeischauen, er hat es bisher nicht einmal getan.“

Trotzdem, die eine Frage muss er sich gefallen lassen: Braucht jemand diese Gefährte wirklich? „Die Kutschen gehören zum Charme der Stadt“, sagt Malone. „Sie halten die Geschwindigkeit und Hektik der Straßen auf.“ Er redet von Tradition, von Kunden, die jedes Jahr wiederkommen, um mit einer Runde durch den Central Park den Geburtstag der Kinder, den Hochzeitstag oder die Weihnachtszeit zu begehen. Sofort fallen einem Bilder von Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) in der Serie „Sex and the City“ ein, die ihrem Schwarm Mr. Big einen Abschiedsabend in Manhattan schenkt – inklusive Kutschfahrt. „Sehr kitschig“, sagt er. „Nein, sehr stilvoll“, entgegnet sie.

Die New Yorker Tierschutzverbände verweisen auf Großstädte wie London oder Paris. Dort seien Kutschfahrten verboten. Was nicht stimmt. Sie sind unter Auflagen erlaubt, ähnlich wie in New York. In Wien gehören die Fiaker zur k.u.k.-Folklore, ihre Abschaffung wird genauso regelmäßig gefordert wie ihr Bleiben verteidigt. In Berlin dürfen nur Pferde, die älter als fünf Jahre sind, eingesetzt werden – und das außerdem nicht mehr als neun Stunden täglich, zwei halbstündige Pausen inklusive. Steigt die Temperatur bereits um 10 Uhr auf 30 Grad, müssen die Kutscher jede zweite Stunde pausieren. Auch in der deutschen Hauptstadt darf sich nicht „Billy Bob aus Gottweißwo“, wie Stephen Malone es formuliert, auf den Kutschbock setzen. In Berlin und New York gilt: nur mit zulässigem Fahrtenschein!

Vor allem um das Brandenburger Tor und Unter den Linden konzentrieren sich die Berliner Pferdekutschen. Der Tierschutzbeauftragte des Bezirks Mitte, Ulrich Lindemann, erklärt auf Anfrage, dass den Pferden ihr Einsatz nach Auffassung des Veterinäramts zumutbar sei – „bei strikter Einhaltung der Berliner Leitlinien für Pferdefuhrwerksbetriebe und des Tierschutzgesetzes“.

Eine ähnliche Bewegung, die Kutschen ganz abschaffen wollte, macht er in Berlin nicht aus: „Es gab Stimmen von Tierschutzorganisationen, die jedoch nach dem Inkrafttreten der Berliner Leitlinien deutlich leiser wurden.“ Vor allem Peta Deutschland hat dafür gekämpft. Die Tierschutzorganisation schätzt, dass etwa 100 Pferde für rund 15 Betreiber in der Innenstadt unterwegs sind. Im April 2008 brach eine Stute vor dem Hotel „Adlon“ zusammen. Vor zwei Jahren forderte auch Frank Steffel ein Verbot der Kutschen in der Innenstadt. Allerdings störte sich der CDU-Politiker bloß an den verstopften Straßen. Kutschen im Tiergarten kann er sich durchaus vorstellen. Die größte Aufregung verursacht bisher die Frage, wer eigentlich den Pferdemist wegräumt. In New York und Wien sind sogenannte Poo-Bags längst Standard. In Berlin sperren sich – seltene Eintracht – Tierschutzverbände und das zuständige Bezirksamt Mitte dagegen: Die Pferdewindeln würden die Bewegungsfreiheit der Tiere einschränken.

In New York sieht es zwar nicht nach einer Einigung aus, aber plötzlich ist davon die Rede, dass die Ausarbeitung des Gesetzes mehr Zeit brauche. Auf keinen Fall will der Bürgermeister eine Pleite erleben wie sein Vorgänger Rudy Giuliani, der Pornoläden verbieten wollte – und damit vor Gericht scheiterte. Einen funktionierenden und gesetzestreuen Geschäftszweig zu verbannen, das wird ein jahrelanger Kampf vor den Gerichten der USA werden. Darauf stellen sich auch Stephen Malone und die anderen Kutscher ein.

Den Pferdehaltern spielt ein Umstand in die Hände. Offenbar gibt es in den umliegenden Bundesstaaten nicht genug Farmen, die über eine Lizenz verfügen, die New Yorker Tiere artgerecht zu halten. Veterinäre haben ausgerechnet: Setzen sich die Tierschützer mit dem Verbot der Kutschen durch, so finden mehr als die Hälfte der Pferde ihr neues Zuhause im Schlachthof.

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