Wer durch die Stadt läuft, sieht mehr als 200 weißgetünchte Holzhäuser im Kolonialstil

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Land in Südamerika : Suriname: Schlagabtausch der Vogelstimmen
Ein Gesangswettbewerb auf dem Unabhängigkeitsplatz von Paramaribo.
Ein Gesangswettbewerb auf dem Unabhängigkeitsplatz von Paramaribo.Foto: Reuters

Historisch gesehen läuft das schon länger so. Den Indigenen blieb einst nur die Flucht vor den weißen Eroberern in den Dschungel. Statt ihrer holten die Niederländer dann Afrikaner als Arbeitskräfte ins Land. Etwa 60 000 Menschen, die aus dem heutigen Benin, Togo und Angola stammten, erreichten Paramaribo im 18. Jahrhundert. Sie mussten damals als Sklaven auf den Plantagen arbeiten.

Das Erbe dieser Zeit ist noch sichtbar in der Stadt. Wer durch Paramaribo läuft, sieht mehr als 200 weißgetünchte Holzhäuser im Kolonialstil, Unesco-Weltkulturerbe seit 2002. Manchmal sind die Gebäude verziert mit den Logos internationaler Unternehmen, die hier von Hand auf die Fassaden gemalt werden. Da wirbt eine Holzbude mit dem Maggi-Logo für Suppen, da verkauft ein anderes Geschäft Coca Cola, das Logo etwas schwungvoller als im Original. Der alte Sklavenmarkt beherbergt jetzt ein Restaurant.

Etwa 15 Prozent der Bevölkerung sind Kreolen

Auch die Afrikaner flohen massenhaft in den Dschungel. „Cimarrón“ nannte man sie dann, nach dem spanischen Wort für entlaufene Haustiere, das entsprach ihrem rechtlichen Status. Aus „Cimarrón“ wurde „Maroon“, etwa jeder fünfte Surinamer heutzutage gehört zu dieser Gruppe, ist ein Nachkomme entflohener Sklaven. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung sind Kreolen; ihre Vorfahren waren nicht geflüchtet. Als die Sklaverei zum Ende des 19. Jahrhunderts abgeschafft wurde, kamen noch indische Vertragsarbeiter ins Land, jetzt machen die „Hindustanen“ etwa 30 Prozent der Bevölkerung aus.

Paramaribo, ein Schmelztiegel der Kulturen – entstanden aus einer finsteren Vergangenheit. Es geht friedlich zu: In der Kaiserstraße grenzt eine Synagoge an eine Moschee, am Rande der Innenstadt liegt ein großer Hindu-Tempel, und ein paar Meter neben dem Präsidentenpalast steht die Peter-und-Paul-Kathedrale, der größte Holzbau der westlichen Welt.

Mit Lakhansingh stehen nach dem Wettkampf noch etwa 50 andere Männer auf der Wiese. Beim Schlagabtausch der Vogelstimmen geht es für die Besitzer nicht um Geld, höchstens um Whisky. Schulterklopfen für den Besitzer des siegreichen Vogels. Der vergleicht sein Tier in einem seltenen Anflug von Bescheidenheit mit Messi, Maradona und Cruyff. Wie bei den genialen Fußballern zähle auch bei den Singvögeln vor allem das Talent, weniger das Training.

Die Wettkämpfe vor dem Präsidentenpalast sind nur ein Spielort von vielen, eine größere Gruppe Männer hat sich an diesem Sonntag aufgemacht und lässt die Tiere an der Uferpromenade gegeneinander antreten. Bei großem Andrang sperrt die Polizei die Straße für den Verkehr. Die Motorengeräusche würden die Tiere irritieren.

Die Deutschen versenkten ihr Schiff 1940 absichtlich

Hinter dem zentralen Markt der Stadt liegen Stahlrumpfboote, motorisierte Einbäume und verbeulte Fähren, die von hier aus auf die andere Seite des Flusses übersetzen. Die Aufmerksamkeit von Besuchern erregt der braune Rumpf eines Bootes, das seit 76 Jahren im Schwemmsand auf Grund liegt: die MS Goslar, ein rund 140 Meter langes Handelsschiff. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war seine deutsche Besatzung, auf dem Weg von Philadelphia nach Europa, unfreiwillig in Paramaribo gelandet. Als die Nazis die Niederlande angriffen, sollten Boot und Besatzung unter niederländische Kontrolle gestellt werden – und so versenkten die Deutschen ihr Schiff am 10. Mai 1940 absichtlich. Oder besser: Sie wollten es versenken. Aber da der Suriname zu wenig Wasser führt, legte es sich auf die Seite und blieb liegen.

Den Einheimischen auf dem Markt fällt das Wrack gar nicht mehr auf. Sie kommen aus dem Hinterland, mit kleinen Lastern, Rollern oder Bussen. Verkaufen Obst und Gemüse, Schlachtvieh und Fische. Ein karibischer Basar, in seinen abgelegenen Ecken lungert die Stadtjugend. Wenn man genau hinhört, dann fällt auch hier der Gesang der Vögel auf. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man auch hier die kleinen Käfige, die an den Türen vieler Geschäfte hängen. In Paramaribo ist der Vogel ein Statussymbol. Wer sich ein Tier leisten kann, trägt es mit sich herum, die Käfige baumeln sogar an den Lenkern der Motorräder, in den Werkstätten stehen sie neben der Werkbank.

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