Feininger und die Benzer Kirche

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Lyonel-Feininger-Touren : Mal wieder Usedom!
Motiviert. Mehr als 1300 „Naturnotizen“ malte Lyonel Feininger während seiner Radtouren über die Insel.
Motiviert. Mehr als 1300 „Naturnotizen“ malte Lyonel Feininger während seiner Radtouren über die Insel.Foto: dpa

Feininger scheint sie geliebt zu haben, denn auch nach seinen Usedomer Jahren, als der Künstler die pommersche Ostseeküste längst weiter gen Osten gezogen war, um fortan in Deep nahe Kolberg in die Sommerfrische zu gehen, holte er immer wieder die Usedomer Skizzen hervor, auf deren Grundlage er später Gemälde und Grafiken schuf. Selbst in New York, wohin er 1937 ausgewandert war, nachdem die Nationalsozialisten das Bauhaus geschlossen und seine Kunst als „entartet“ diffamiert hatten, griff er auf diesen Fundus zurück. Noch 1955, ein Jahr vor seinem Tod, malte er die Benzer Kirche drei Mal.

Da steht sie noch heute, die St. Petri-Kirche von Benz: auf einer kleinen Erhebung, trutzig, umgeben von einer Mauer. Genau diese Ansicht von schräg unten faszinierte den Künstler. In seinen späteren Bildern geht ein Leuchten vom Kirchturm aus, als würde er Lichtsignale für Schiffe versenden und mitten im Wasser stehen, nicht auf dem Lande.

Davon ist hier jetzt nichts zu spüren. Auf dem Vorplatz tummeln sich Besucher, Einheimische bereiten das Gemeindefest vor, Zelte werden aufgebaut. Pastorin Annegret Möller-Titel packt an, gibt Instruktionen. Eigentlich hat sie gerade gar keine Zeit, über ihre Kirche als bedeutendes Motiv der klassischen Moderne zu reden. Ja, dass die Radtour als touristischer Anschub dient, findet sie gut. Aber dass ihr Gotteshaus mittlerweile als Feininger-Kirche firmiert, ist ihr dann doch zu viel. Zumal Feininger den Bau von innen womöglich nie gesehen hat, auch nicht die gewölbte Holzdecke mit ihrem berühmten Sternenhimmel, den es seit 1911 gibt. Zu Feiningers Zeiten wurden die Kirchen nur für Gottesdienste geöffnet, nicht für Touristen. Das ist heute anders.

Der Künstler und sein Zweirad

Feininger und die Kirche von Benz bilden mittlerweile in den Köpfen vieler Besucher eine feste Einheit. Im nächstgelegenen Gebäude, einem kleinen, ehemaligen Gehöft, hatte in den vergangenen Jahren ein Kunst-Kabinett seinen Sitz, dessen Spezialität – natürlich – Feininger war. Hannelore Stamm und Hannes Albers, beide über 80, haben es Ende 2018 altersbedingt nur ungern geschlossen. Aus Schleswig-Holstein kommend, fand das Paar nach der Wende auf Usedom als Galeristen zum zweiten Mal sein Glück. Und Feininger wurde ihre Leidenschaft. Als Attraktion stand im Zentrum der Galerie, inmitten verkäuflicher Kunstdrucke des Malers und Originalen aus der eigenen Sammlung, ein Fahrrad der Marke Cleveland Ohio aus dem Jahr 1897. Genauso eins, wie es der Künstler besessen hatte, mit hölzernen Felgen und einem Ledersessel, unter dem zwei Metallfedern nach oben ragen.

Der Anblick Feiningers auf dem Zweirad muss für die Usedomer schon sehr ungewöhnlich gewesen sein. Damals waren Fahrräder noch eher in den Städten verbreitet, vor allem als Fortbewegungsmittel für die Arbeiter, weniger als Freizeitspaß auf dem Lande. Auf dem buckligen Kopfsteinpflaster und den sandigen Wegen war das Fahren für Feininger vermutlich auch nicht immer leicht. Die dem Künstler heute gewidmete Tour mit ihren größtenteils glatt asphaltierten Wegen ist dagegen ohne allzu große Mühen zu bewältigen, auch wenn es auf dem Stück von Kamminke unten am Stettiner Haff Richtung Garz steil bergauf geht. Dafür belohnt hinterher der Weg nach Korswandt mit einer traumhaften Abfahrt durch einen herrlichen Buchenwald.

Wieder ein bisschen suchen

Und noch etwas hat Feininger damals sehr anders erlebt: Zu seiner Zeit boomte zwar bereits der Tourismus in den Kaiserbädern, doch der Autoverkehr hielt sich in Grenzen. Die veränderte Situation bekommt der Radler heute vor allem in Zirchow zu spüren, wo an den Zäunen Plakate mit der Aufschrift „Von der Politik vergessen, vom Verkehr überrollt“ hängen. Nur mit Mühe gelangen Radler auf die andere Straßenseite, um dort eine weitere Bronzeplakette im Boden und damit den Standort zu suchen, von dem aus der Künstler die St. Jakobus-Kirche gemalt hat – noch ein Gotteshaus, an dem die Veränderungen rundum scheinbar spurlos vorübergegangen sind.

Auch darauf sollten sich Radler auf Feiningers Wegen einstellen: Bis auf die Kirchen sind seine Motive vielerorts zunächst nur schwerlich zu identifizieren. Von den zahlreichen Mühlen, die einst auf Usedom standen, existieren heute nur noch wenige. Und hätte es Feiningers „Naturnotiz“ von der Benzer Mühle nicht gegeben, wären die Flügel kaum zu rekonstruieren gewesen. Seine Zeichnung lieferte wichtige Hinweise. Neben der heute so berühmten Kirche ist das hölzerne Bauwerk auf der Anhöhe über dem Dorf ein weiteres Wahrzeichen der Gemeinde. Ist der Mühlenberg einmal erklommen, eröffnet sich dort nicht nur ein toller Ausblick übers Land, sondern man kann auch bei Kaffee und Kuchen verschnaufen. Wieder ein bisschen suchen, bis sich die Bronzeplakette im Gras zeigt, Feiningers Standort. Von hier sieht die Mühle noch fulminanter aus mit ihren gewaltigen Flügeln, die sich dunkel gegen den Himmel abzeichnen.

Ansonsten lassen Neubauten, Feriensiedlungen und ausgeweidete Bauernkaten einen immer wieder stutzen: Ist das wirklich der pittoreske Straßenzug, die Idylle im Hinterland, die Feininger einst gemalt hat? Die größte Nähe zu Feiningers Vorbildern findet sich immer noch am Meer. An den klaren Horizontalen aus Himmel, Wasser, Sand mit den Strandbesuchern und Segelmasten als Vertikale hat sich nicht verändert. Kneift man die Augen zusammen und lässt die Sicht verschwimmen, dann scheint die Zeit stillgestanden zu sein.