Männerschmuck : Das Goldkettchen ist zurück

Pharaonen und Proletarier schmückten sich damit. Androgyne Millennials halsen es sich nun wieder auf. Warum?

Florentin Schumacher
Dick aufgefahren. Jaden Smith trug bei der Verleihung der Grammy Awards 2018 die wuchtige Variante.
Dick aufgefahren. Jaden Smith trug bei der Verleihung der Grammy Awards 2018 die wuchtige Variante.Foto: imago/Future Image

Früher hing es um den Hals des Jugendtrainers im Fußballverein, selbstgeschmiedet, das erzählte er manchmal. Es kringelte sich durchs Brusthaar des italienischen Gastwirts, der gewonnene Heimspiele mit seinen käsetriefenden Pizzarädern krönte. In den Sommerferien, die damals endlos schienen, blinkte es aus den sonnenbrandgebräunten Nackenfalten der Bademeister im Freibad, stolz und männlich: das Goldkettchen.

Wie ein Ehrenzeichen trug es der echte Mann, sein einziger Schmuck außer dem eingewachsenem Ehering und dem Bierbauch, und wahrscheinlich tut er das noch immer, dort, wo es weiter echte Männer gibt, auf Fußballplätzen, in Kneipen und an Schwimmbeckenrändern. Einerseits. Es ist seltsamerweise aber auch dieses alte Symbol der Männlichkeit, womit sich die androgynen Internetkids von heute auf ihren Instagram-Kanälen am liebsten schmücken. Dort baumelt das Goldkettchen seit einiger Zeit von dünnen Hälsen, von dermaßen vielen Hälsen, dass praktisch alle Modemedien – „GQ“, „Vogue“, „Cosmopolitan“ – eilig Goldkettchen-Tragetipps herausgegeben haben. (Zusammengefasst: Starten Sie mit einer einzelnen Kette, außer Sie sind Rapper, Model oder Johnny Depp, dann gehen auch komplexe, kettenhemdartige Gehänge.)

2019, da scheinen sich die Luxusmodehäuser einig zu sein, braucht es ein Kettchen am Hals, um den eigenen Charakter einigermaßen nuanciert ausdrücken zu können. Dior Homme warb im Sommer die koreanisch-amerikanische Starjuwelierin Yoon Ahn als Schmuckdesignerin an. Das britische Label Alexander McQueen entwarf für die Frühjahrskollektion mehrere Ketten mit Swarovski-Kristallen. Chanel schickt seine Männermodels ebenfalls schmuckbehangen über die Laufstege, und das italienische Modehaus Gucci wird dieses Jahr eigens eine Kollektion mit edelsteinbesetztem Luxusschmuck herausbringen.

Junge Stilikonen verzichten auf Testosteron-Klischees

Im Vergleich zum weltweiten Umsatz mit Frauenluxusschmuck, 31,9 Milliarden Dollar im Jahr 2017, liegt der Verkauf von Ketten, Ringen und Uhren für Männer mit 5,3 Milliarden laut Euromonitor International zwar noch weit zurück, aber der Markt wächst schnell. Dafür sorgen vor allem die Millenials, junge Erwachsene zwischen 15 und 35. In den USA tragen sie schon zur Hälfte des Umsatzwachstums mit Männerschmuck bei, wie das Marktforschungsinstitut NPD Group ermittelt hat. Ketten machen ein Viertel der Verkäufe aus, übertroffen nur von Ringen. Stilikonen wie Will Smiths Sohn Jaden und Maurice Ernst, der Sänger der österreichischen Band Bilderbuch, und der Rapper „Tyler, The Creator“ – alle tragen Schmuck, alle tragen Goldkettchen.

Die drei eint auch, dass sie keine dieser Sportschau-Männer sind, stark am Weizenglas, ständig im Camp-David-Hemd. Wenn „Tyler, The Creator“ einen Song „Gelato“ nennt und im Duett mit dem Sänger Jacquees fragt, wer von den beiden nun „Oliv“ sei und wer „Elio“, dann ist das womöglich nur eine kokettierende Anspielung auf den Film „Call Me By Your Name“, die schöne Liebesgeschichte von Oliver und Elio. Vielleicht spricht da aber auch ein Rapper in seltener Offenheit über seine Homosexualität. Jaden Smith, ein Mann, der seine Haare manchmal rosa färbt, verkündete kürzlich, Tyler und er seien ein Paar, was Tyler mit „Du bist verrückt, Mann“ kommentierte.

Maurice Ernst singt seine Online-Liebeslieder zwar für eine Sie, oder mehrere, er wackelt schon gern mit dem Po dazu, tanzt an Stangen herum und streift sich einen gelben Lederhandschuh über. Als Boyband würden Maurice, Jaden und Tyler garantiert viele Geschlechtsgenossen begeistern.

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Fragt sich, was sie und andere, die mit traditioneller Männlichkeit wenig anfangen können, gerade zum Goldkettchen bringt, einem besonders plumpen Testosteron-Klischee.

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