Mangelberuf : Fahrlehrer verzweifelt gesucht

Der Führerschein verliert an Prestige – besonders in Berlin. Ein Fahrlehrer und die ungebremste Talfahrt seiner Branche.

Aus dem Verkehr gezogen. Immer mehr Menschen machen in der Stadt überhaupt keinen Führerschein.
Aus dem Verkehr gezogen. Immer mehr Menschen machen in der Stadt überhaupt keinen Führerschein.Illustration: Sascha Dreier

Es ist ein Mittwoch im April, 18 Uhr. Acht junge Frauen und ein Mann sitzen im Hinterzimmer der Fahrschule Rex in Friedrichshain. Grauer Teppich, weiße Tapete, ein Tisch. Darauf stehen Salzstangen, Nüsse und Kekse. Theorieunterricht für den Führerschein. Die Strebsame hat gelernt. Ihre Nachbarin sagt den ganzen Abend über kein Wort. Eine andere Schülerin muss eine Stunde früher gehen, weil der Babysitter heute nicht so lange kann.

Die richtige Beleuchtung in der Dunkelheit ist gerade Thema. „Ja ja, nachtblind. Ich kenne niemanden, der nachts sehen kann. Das können nur Eulen“, sagt Stephan Herzberg, blaues Hemd, graue Weste, grauer Bart um den Mund. Die Schüler mögen seine Sprüche. Lachen sie, was oft vorkommt, lacht er auch.

In Berlin gibt es ein doppeltes Problem

56 Jahre ist er alt, 32 Jahre davon Fahrlehrer. Es ist ein schöner Beruf, findet er. Ein viel zu schöner, um mitanzusehen, wie ihn niemand mehr machen will. „Eine einzige Bewerbung habe ich bekommen!“, klagt Stephan Herzberg nach dem Unterricht. Eine in einem Jahr. Von einem Fahrkartenkontrolleur ohne Ahnung.

Die Bundesagentur für Arbeit listet den Fahrlehrer inzwischen als Mangelberuf. Im Durchschnitt sind die Ausbilder 54 Jahre alt. Die Hälfte ist älter. Nur acht von hundert sind Mitte 30 oder jünger. Nachwuchs fehlt überall. Auch deswegen haben seit der Jahrtausendwende fast Fahrschulen geschlossen. Im vergangenen Jahr gab es laut der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände noch 10 850 in Deutschland. Gehen die Alten in den Ruhestand, wird es dramatisch.

Doch in Berlin hat Stephan Herzberg ein doppeltes Problem: Nicht nur sein Job ist unbeliebt geworden. Der Führerschein selbst gilt nicht mehr als das, was er mal war.

Früher hieß es „Hott vor Mot“

Am 7. November 1904 eröffnete in Aschaffenburg die erste deutsche Fahrschule, damals Auto-Lenkschule genannt. Teilnehmen durften Männer, die mindestens 17 Jahre alt waren und ein amtliches Sittenzeugnis vorlegten. Chauffeure sollten auf ihren Beruf vorbereitet werden. Bis dahin gab es weder Schilder noch Vorschriften, um das Miteinander von Auto und Pferd auf den holprigen Pflasterstraßen zu regeln. „Hott vor Mot“ hieß es bloß. Weil Kutschfahrer nur langsam bremsen konnten, mussten die neuen Fahrzeuge sie vorlassen.

In der Fahrschule Rex erinnert ein gelb-lila Poster an die alten Zeiten: „Merkt der Führer, daß ein Pferd oder ein anderes Tier vor dem Kraftfahrzeuge scheut, oder daß sonst durch das Vorbeifahren mit dem Kraftfahrzeuge Menschen oder Tiere in Gefahr gebracht werden, so hat er langsam zu fahren sowie erforderlichfalls anzuhalten und die Maschine oder den Motor außer Tätigkeit zu setzen.“ Mit dem Gesetz aus der „Verordnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen“, das auf dem Plakat zitiert wird, führte der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II, am 3. Mai 1909 den Führerschein ein. Die allererste Erlaubnis erhielt zuvor schon Carl Benz.

Später bildete die Bundeswehr Fahrlehrer in Deutschland aus. Auf Kosten des Staates. Dann wurde 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt. Wer die mehrmonatige Ausbildung heute machen möchte, zahlt selbst 10 000 bis 15 000 Euro. Für viele ist das zu viel. Im vergangenen Jahr reagierte der Bundestag deswegen auf die Hilferufe der Fahrschulen – und änderte das Gesetz. Seitdem müssen die Auszubildenden nicht mehr mindestens 22, sondern 21 Jahre alt sein. Für eine Autofahrlehrer-Erlaubnis brauchen sie keinen Motorrad- und Lkw-Führerschein mehr. Für Herzberg hat das alles wenig geändert.

Nichts sollte nach „Führer“ klingen

„Arbeiten, wenn andere Freizeit haben? Das will doch keiner mehr“, sagt Stephan Herzberg. „Reich wird man auch nicht.“ In der Stunde bekommt ein Lehrer 15 Euro. So viel wie seine Tochter als Hilfskraft an der Uni verdient.

Herzberg kam durch Zufall zu seinem Beruf. Nach der Schule machte er in Köpenick eine Lehre zum Werkzeugmacher. Als er anderthalb Jahre zur Armee musste, übernahm er dort zum ersten Mal die Rolle des Fahrlehrers. Danach ging er zurück in den Betrieb, studierte Maschinenbau, und sollte sich, wie es in der DDR üblich war, für das Gemeinwohl engagieren. So wurde er ehrenamtlicher Ausbilder bei der „Gesellschaft für Sport und Technik“. Hier unterrichtete er Jugendliche für die „Fahrerlaubnis“ – nichts sollte nach „Führer“ klingen! „Meine Familie riet mir davon ab. Ich hatte mit der politischen Arbeit aber nix am Hut.“

Die Mauer fiel, Reisefreiheit!

Was er anfangs nebenbei machte, wurde 1988 zu seinem Hauptberuf. Als Werkzeugmacher bekam Stephan Herzberg 950 Mark. Jetzt, als studierter Konstrukteur, waren es 300 weniger. „Die Intelligenz muss zusehen, wo sie bleibt, sagten sie mir.“ Da kündigte er, baute abends Trabis um. Die Mauer fiel. Reisefreiheit! Im September 1990 eröffnete er mit drei anderen seine eigene Fahrschule.

Als ein Kollege vor mehr als einem Jahr ging, kam ein anderer für eine Weile aus dem Ruhestand zurück. Heute sind sie vier Lehrer. Einer von ihnen könnte ebenfalls das Rentnerdasein genießen, aber arbeitet für einige Stunden. Stephan Herzberg schafft noch genug, um vom Gewinn leben zu können. Auch, wenn der Umsatz um ein Viertel eingebrochen ist.

Wegen des Personalmangels kann er nicht mehr jeden annehmen: Keine Schüler mehr von anderen Schulen. Niemand, der seine ausländische Fahrerlaubnis umtauschen oder nach dem Entzug wieder fahren möchte. Früher hatten sie 300 Schülerinnen und Schüler, heute sind es noch 200. Eine weitere Konsequenz sind höhere Preise. Im Schnitt kostet der Autoführerschein statt 1500 Euro jetzt 1800 bis 2300 Euro. Trotz allem musste Herzberg im vergangenen Sommer einen Zettel an die Tür kleben: keine Motorradstunden mehr möglich, Lehrer fehlt. Das geht nur noch in seiner zweiten Schule in Köpenick.