"Meine Mutter redete emanzipiert und räumte den Männern hinterher"

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Maria Furtwängler im Interview : "Slut Shaming habe ich ganz früh gelernt"
Deike Diening
Mutter und Tochter. Kathrin Ackermann (links) und Maria Furtwängler.
Mutter und Tochter. Kathrin Ackermann (links) und Maria Furtwängler.Foto: imago/Future Image

Glauben Sie als Tochter und Mutter, dass man mit seinen Kindern befreundet sein kann?

Ich bin immer die Mutter, trotzdem gibt es eine Entwicklung in der Beziehung. Wie schafft man den Switch, wenn die Kinder plötzlich volljährig sind, all das abzustellen, was man vorher Erziehung nannte? Es ist ja absurd, dass die Mutter noch ihrem 50-jährigen Kind das Gefühl gibt: Nee, dies und das finde ich nicht so gut …

Sie korrigieren immer weiter?

Ich muss aufhören, dauernd meine Meinung zu sagen. Ich muss aufhören, dafür verantwortlich zu sein, ob das nun gute, bescheidene, richtige Menschen sind. Jetzt.

Ihr Sohn Jakob ist 27 Jahre alt, Ihre Tochter Elisabeth 25. Haben Ihre Kinder Ihnen das gesagt?

Es gab einen Knall und Vorwürfe, da ist mir klar geworden: Die Mutter ist die Fleisch gewordene Bewertung. Ich musste erst kapieren, dass die Kinder dran sind. Das ermöglicht dann vielleicht tatsächlich eine Begegnung auf Augenhöhe.

Zu Ihrer Mutter, der Schauspielerin Kathrin Ackermann, die auch im „Tatort“ Ihre Mutter spielt, haben Sie einen guten Draht.

Es fällt meiner Mutter sehr schwer, mich, die Art, wie ich lebe, nicht mehr zu bewerten. Und sicherlich hat meine Erkenntnis jetzt damit zu tun, dass ich umgekehrt erlebt habe, wie sich jemand eher schwer damit tut. Zugleich muss man auch immer anerkennen, das meiste als Mutter macht man mit den besten Absichten.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien durch Ihre Mutter „zwangsemanzipiert“ worden. Wie haben Sie das gemeint?

Meine Mutter hat immer ziemlich emanzipiert geredet, aber das aus meiner Sicht nicht sehr konsequent gelebt. Sie hat für die Männer gekocht und ihnen hinterhergeräumt. Als Kind nimmt man solche Widersprüche einfach so an. Ich mochte dieses dienstbar Weibliche nicht.

Beim Stichwort Quote denken die meisten bei Ihnen an die Einschaltquote, tatsächlich setzen Sie sich schon lange für die Frauenquote ein.

Ich empfinde die Quote als Krücke, und wenn das Bein heil ist, schmeißt man die hoffentlich schnell weg. Mir sind aber immer Frauen in Führungspositionen begegnet, die sagten, es bewegt sich nichts. Dafür muss man sich nur die Zahlen der letzten zehn Jahre anschauen. Deshalb bin ich für die Quote, wissend, dass die eigentlich scheiße ist. Keiner will das, aber hätten die Parteien sich nicht vor 25 Jahren selbst Quoten verordnet, wären heute immer noch 80 Prozent Männer in der Politik. Diese Dinge sind extrem veränderungsresistent.

Woran liegt das?

Das ist in uns Frauen ebenso wie in den Männern drin. Dieses unterschwellige Gefühl: Ach, Frauen sind ja doch weniger geeignet. Neulich hat eine Freundin ein Filmchen geschickt von einer Blondine. „Wieso“, sagte sie in einer  Talkshow, „man kann doch auch hübsch und blöd sein.“ Ein Versprecher.

Der Schnipsel ging viral rum. Komisch, dieses Video kriege ich nur von Frauen.

Warum wohl?

Wir wiederholen dieses Klischee selbst. Als ich groß wurde, war das Ding schlechthin der Blondinenwitz: „Blondine wacht unterm Kuheuter auf: Wer von euch Jungs bringt mich jetzt nach Hause?“ Sexistisch und unfassbar blöd – und ich war diejenige, die diese Witze am allerlautesten erzählt hat. Wahrscheinlich dachte ich mir, so mache ich klar, dass ich ganz anders bin. Dass ich in einer Welt aufgewachsen bin, in der Frauen unterschwellig immer noch als irgendwie minderwertig gesehen wurden, konnte ich nicht infrage stellen, das ist ja die äußere Realität gewesen.

Ich war immer der Meinung, nur Blondinen haben das Recht, Blondinenwitze zu erzählen. Die anderen dürfen das gar nicht, denn lustig ist es nur, wenn man sich über sich selbst lustig macht.

Falsch. In dem Moment grenzen wir uns ab gegen die Doofen, über die wir einen Witz machen. Das heißt, ich habe ganz früh gelernt, überheblich das zu machen, was man heute „Slut Shaming“ nennt: Jaja, es gibt mich – und es gibt die anderen Weiber. Die Amerikaner nennen das die „internalized misogyny“, die verinnerlichte Frauenverachtung. Heute würde ich so ein Video niemals weiterschicken. Und diese Witze nicht mehr erzählen.

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