Morgens um fünf Uhr rief er an

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Martin Kippenberger zum 20. Todestag : Die Kunst war sein Leben
"Sozialkistentransporter" in der Martin-Gropius-Bau-Ausstellung "60 Jahre. 60 Werke. Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland".
"Sozialkistentransporter" in der Martin-Gropius-Bau-Ausstellung "60 Jahre. 60 Werke. Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland".Foto: AFP / JOHN MACDOUGALL

DER SONNTAG IST DIE VERKÖRPERUNG DES SPIEGELBILDES VON MARTIN KIPPENBERGER

Von seiner Energie, seiner unglaublichen Energie erzählen alle Weggefährten noch heute voller Bewunderung. Dass er die ganze Nacht durchmachen und -trinken konnte und am nächsten Morgen um neun schon wieder dastand mit neuen Ideen und Plänen und Projekten. Diese Lust am Leben, an den Menschen, an der Kunst war vielleicht die wichtigste Quelle seiner Energie. Auf die Frage, was er für seine Talente halte, hat er geantwortet: "Dass ich eine Frohnatur bin. Und dass ich neugierig bin." "Martin", sagt der Galerist Tim Neuger, "konnte ja auch zum Friseur gehen, sich unterhalten und eine gute Zeit haben."

Er hatte, meint Andrea Stappert, so ein kindliches Vergnügen an seinem eigenen Humor, "an dem, was ihm jetzt wieder Merkwürdiges eingefallen ist. Der hat sich ja selber Spaß gemacht. Das hat man schon vorher in seinem Gesicht gesehen, wie er sich gefreut hat über das, was er gleich sagt." Auch Trotz, glaubt sein Student Tobias Rehberger, habe als Energiespender eine Rolle gespielt - "und ein wahnsinniger Wille". Und, nicht zu vergessen, der Mittagsschlaf und der Alkohol. Es war eine Energie, die sich nicht portionieren ließ. Ihn zu bremsen, meint Georg Herold, das hätte er sich nicht getraut. "Das wäre gewesen, als würde man ihm den Stecker rausziehen."

Vor dem Moment, wo das Licht ausgeht, hat er sich gefürchtet. Er wusste, dass er dann seiner Kehrseite begegnete. "Der Sonntag ist die Verkörperung des Spiegelbildes von Martin Kippenberger", heißt es in seinem Buch "Café Central", "egal ob Ehrenstraße oder Rambla." Am Sonntag war die Stadt tot, und dort, wo sie unter der Woche besonders belebt war, wirkte sie besonders mausetot.

Um acht Uhr früh stand er bei Eleni Koroneou vor der Tür und wollte Bier

"Viele verwechseln ja Vitalität mit Robustheit", meint der Frankfurter Künstler Thomas Bayrle. "Martin war höchst empfindlich und zart." Wenn er ihn allein in den Gängen der Städelschule sah, so Bayrle, kam er ihm sehr schwermütig vor. "Wenn das Sicherheitssystem der Kommunikation ausfällt ist man auf sich geworfen, auf die Erbärmlichkeit des Lebens."

"Vermutlich hat es noch bei keinem Künstler zur Darstellung der existentiellen Einsamkeit so vieler Mitwirkender bedurft wie bei Kippenberger", schrieb der Kritiker Rudolf Schmitz im Zusammenhang mit der Kafka-Arbeit. Martin hat immer Horden von Menschen um sich geschart, hat Essen, Trinken, Arbeit und Unterhaltung geboten. "Wie er sich sein Leben organisiert hat, dass er nie allein sein musste", glaubt Rüdiger Carl, "das war schon sehr ausgekocht, das hatte mit vielen kleinen strategischen Raffinessen zu tun. Das ging ja nicht nur mit Druck: Wenn du jetzt gehst, gucke ich dich ein Jahr nicht mehr an. Das war zu schlapp. Der musste immer was erfinden, dass er es so drehen konnte, wie er es brauchte."

Morgens um fünf hat er Gisela Capitain angerufen, was sie denn so mache, um acht Uhr früh stand er bei Eleni Koroneou vor der Tür und wollte Bier und Betreuung. Sabine Grässlin hat er Bilder viertelesweise versprochen, damit sie nachts nicht schlafen ging, den BMW-Manager Günter Lorenz hat er morgens um vier aus seinem Amsterdamer Hotelbett geklingelt, nachdem sich alle anderen hingelegt hatten, und forderte "Künstlerbetreuung". Dann musste Lorenz in Martins Hotel kommen und ihm bis zum Morgen an der Bar Gesellschaft leisten.

Manchmal ist er auch gar nicht erst ins Bett gegangen

Am schlimmsten war das Alleinsein am Ende einer geselligen Nacht, wenn einer nach dem anderen verschwand. Wenn Martin gerade keine Freundin hatte, auch keinen one night stand, dann fragte (oder drängte) er schon mal eine Freundin, sich zu ihm zu legen, "wie Schwesterlein und Brüderlein", wie eine von ihnen sagt. Dann fragte er auch eine fremde Kuratorin, ob er, ganz keusch, bei ihr im Hotelzimmer schlafen dürfe.
"Martin war hyper", sagt seine New Yorker Galeristin Janelle Reiling. "Hyperaktiv, hyperintelligent, hypersensibel." So wie es kein Nicht-Arbeiten und kein Nicht-Kommunizieren gab für ihn, gab es auch kein Nicht-Wahrnehmen. Abschalten ging nicht, er hat immer gekocht. Selbst wenn er endlich mal geschlafen hat, ist er nicht zur Ruhe gekommen. "Ich bin morgens so geschafft", hat er Jutta Koether erzählt, "weil ich so träume. Also, ich hab schon ’nen ganzen Arbeitstag hinter mir eigentlich, am frühen Morgen!"

Manchmal ist Martin auch gar nicht erst ins Bett gegangen, sondern gleich von der Kneipe ins Atelier. Dort, bei der Arbeit, hat er das Alleinsein ausgehalten, dort hat er es gebraucht. Dort hat er auch keinen Alkohol getrunken.
Er war "ein Ausnahmemensch", so nennt ihn der Wirt seines Stammlokals im Burgenland. Ein Einziger. Darum auch, glaubt seine Grazer Freundin Elisabeth Fiedler, war er so begeistert, als Johannes Wohnseifer, sein Assistent, das Bild eines Indianerhäuptlings fand, der ihm so ähnlich sah. "Da war dieses Gefühl: Ich bin nicht alleine. Wer hat ihn denn verstanden? Es hat ihn niemand verstanden. Das hatte etwas Verzweifeltes, diese Einsamkeit." Darunter hat er gelitten - und darauf hat er Wert gelegt: dass es keinen zweiten gibt wie ihn. "Es ist traurig, eine Ausnahme zu sein", hat der von Martin so geschätzte Wiener Kaffeehausliterat Peter Altenberg gesagt. "Aber noch viel trauriger ist es, keine zu sein." Deswegen, glaubt Tobias Rehberger, habe Martin niemanden wirklich an sich herangelassen. "Dann verliert man das Solitäre. Und das war ihm auch in der Gruppe wichtig: ein unabhängiger Solitär zu sein."

DIE GARTENZWERGDOCUMENTA

Einen Hit, so Martins Bilanz am Ende seines Lebens, habe er als Künstler gehabt: die Peter-Ausstellung, 1987 bei Max Hetzler in Köln. Die Skulpturenschau war damals "talk of the town", jeder wollte sie gesehen haben - und da gerade die documenta in Kassel lief, kamen auch viele auswärtige Besucher vorbei. Noch heute ist es die Ausstellung, von der alle Weggefährten am meisten schwärmen. "Peter", sagt Gisela Capitain, "war die Bombe. Die Ausstellung hat die damalige Kunstwelt noch deutlicher in zwei Lager geteilt: die Verehrer und die Verächter seiner Kunst."

Ging es bei "Miete Strom Gas" um Architektur, standen nun die Einrichtungsprobleme im Mittelpunkt: Tische, Regale, Boxen, Ständer, Teewagen - besser gesagt Objekte, die wie verunglückte Tische, Boxen, Ständer, Regale und Teewagen aussahen. Da war ein Bücherregal namens "Wittgenstein", ein verspiegelter Paravent "Rainer Werner Fassbinder", eine Box, mit Boxen gefüllt ("Masterwork"), ein Stuhl auf dem Sockel ("Not to be the Second Winner"), ein rollendes Gerüst mit Aktentaschen ("Worktimer"), ein Tisch mit was drauf ("Ich hab nichts gegen Depressionen, solange sie nicht in Mode kommen"), eine Tischplatte ("Wen haben wir uns denn heute an den Tisch gekauft"), ein Tisch, in den ein Bild von Gerhard Richter als Platte eingelegt war ("Modell Interconti", das berühmteste und - durch Richter - wertvollste Stück), ein dreieckiges Etwas auf Rollen ("Pyramide Colonia"), außerdem "Hausbar Simone de", "Wenn's anfängt durch die Decke zu tropfen", "Einmal Freund, nie wieder Bekannter" ... Insgesamt 45 dieser sperrigen, traurig-komischen Objekte hatte Martin in die Galerie gequetscht, auf dass sie aussah wie eine Rumpelkammer - Martins Antwort auf die Bildhauer seiner Zeit, auf Künstler wie Herold, Mucha, Rückriem, Donald Judd, Jeff Koons, aber auch auf Großausstellungen, die so übersichtlich und sauber und ordentlich waren.

"Das ist noch mal ’ne andere Liga, was der Martin macht"

Peter, sagt der Galerist Bruno Brunnet, "hat eine Tür aufgemacht". Jutta Koether hatte das Gefühl, dass Martin der Konzeptkunst neue Dimensionen eröffnete, indem er sich all das erlaubte, was dort eigentlich verboten "und in die neoexpressionistische Malerei ausgelagert worden war", das Volle und das Viele, die Emphase und der Witz. "Von den Ausstellungen, die mein Kunstverständnis geprägt haben", meint die Galeristin Esther Schipper, "war es eine der wichtigsten." Nur kommerziell war Peter kein großer Hit.

Auch für Martin gab es danach kein Zurück mehr. Plötzlich wurde er als Künstler ernst genommen, "da ist mir gedämmert", sagt Peter Pakesch, "dass das noch mal ’ne andere Liga ist, was der Martin macht". Hatte er sich in den Jahren zuvor vor allem dem malerischen und grafischen Werk gewidmet, stürzte er sich jetzt auf die dreidimensionalen Medien, auf die Skulptur, das Multiple, die Großinstallation, bald würde er mit den Zeichnungen auf Hotelbriefpapier beginnen.

Auf Peter folgte ein ganzer Reigen von Ausstellungen, deren Kataloge alle in der gleichen Aufmachung erschienen, ein weißes Heft mit einer Skulptur auf dem Titelbild: "Petra" bei Gisela Capitain, "Peter 2" bei Peter Pakesch in Wien, "Einfach geht der Applaus zugrunde" bei Grässlin-Ehrhardt in Frankfurt, "Sorry III" bei Metro Pictures New York, "Broken Neon", eine Gruppenausstellung beim Steirischen Herbst, "Pop In" beim Forum Stadtpark, "Die Reise nach Jerusalem" bei Bleich-Rossi, alle drei in Graz, "67 Improved Papertigers Not Afraid of Repetition" als Edition Julie Sylvester und, als wäre all das noch nicht genug, "Nochmal Petra" im Jahr darauf in der Kunsthalle Winterthur.

Das Ganze, um das es ihm ging, war allerdings kein geschlossenes Ganzes, sein Werk ist eine einzige Collage. Und wo etwas heil war, hat er es zerbrochen, um die Scherben neu zusammenzusetzen.

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