10. Deutscher Radiopreis : „Podcasts können stimulieren“

Also werden die besten Podcasts beim Radiopreis erstmals prämiert. Ein Interview mit NDR-Hörfunkdirektor Joachim Knuth über neues Radio, alte Stärken und DAB+

Udo Lindenberg wird die Gala zum zehnten Deutschen Radiopreis rocken. 68 Sender übertragen am Mittwoch ab 20 Uhr, darunter RBB-Antenne Brandenburg und Berliner Rundfunk 91.4. Das NDR-Fernsehen berichtet um 22 Uhr, der RBB um Mitternacht.
Udo Lindenberg wird die Gala zum zehnten Deutschen Radiopreis rocken. 68 Sender übertragen am Mittwoch ab 20 Uhr, darunter...Foto: dpa

Herr Knuth, ist der Deutsche Radiopreis in einem besseren Zustand als der Deutsche Fernsehpreis?

Wer wie in Form ist, ist immer eine Augenblicksbetrachtung. Deshalb bin ich kein Freund solcher Vergleiche. Der Deutsche Radiopreis jedenfalls ist an seinem zehnten Geburtstag in guter Verfassung. Wir haben für die zwölf Kategorien mehr Einreichungen von mehr Sendern denn je – der Preis ist begehrt. Einmal pro Jahr steht das Radio in seiner ganzen Vielfalt im Rampenlicht und zeigt, wie viel Qualität und Fantasie in ihm steckt. Als wir begannen, war das ein gemeinsamer Versuch von öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern mit offenem Ausgang. Heute hat es eine angenehme Selbstverständlichkeit bekommen.

Die Auszeichnung wird am Mittwoch zum zehnten Mal verliehen. Was ist neu?

Im Beirat des Deutschen Radiopreises betrachten wir, gemeinsam mit dem Grimme-Institut, die traditionelle Gattung Radio und neue Entwicklungen, die Einfluss haben auf das Medium. Das versuchen wir dann in unseren ausgeschriebenen Kategorien abzubilden. Deshalb haben wir den Preis in den vergangenen Jahren immer wieder behutsam gedehnt und geweitet und Kategorien angepasst, geschärft, Altes weggelassen und Neues hinzugenommen: den Besten Newcomer zum Beispiel oder in diesem Jahr den Besten Podcast.

„Bester Podcast“ als neue Kategorie, das ist überfällig. Passt der Podcast zu keinem Medium besser als zum Radio?

Podcasts und Radio gehören zusammen – beim Radio sitzen die Experten, wenn es um Stoffe zum Hören geht, um audiophone Erzählungen, die journalistische Recherche enthalten, aber durch die subjektivere Erzählweise auch Emotionalität. Der Podcast-Markt wächst schnell, fast täglich kommen Anbieter und Formate hinzu. Hier entsteht eine neue Konkurrenzsituation, die für uns spannend ist und die in den vergangenen Jahren in dieser Form kaum jemand für möglich gehalten hätte. Die Podcast-Kategorie ist im ersten Jahr die mit den zweitmeisten Einreichungen.

Joachim Knuth ist NDR-Hörfunkdirektor und Beiratsvorsitzender Deutscher Radiopreis. Im Januar 2020 übernimmt Knuth die NDR-Intendanz.
Joachim Knuth ist NDR-Hörfunkdirektor und Beiratsvorsitzender Deutscher Radiopreis. Im Januar 2020 übernimmt Knuth die...Foto: NDR/Thomas Pritschet

Was macht einen gelungenen Podcast aus? Meinem Eindruck nach werden die Herausforderungen unterschätzt, zu oft wird sich hinters Mikrofon gesetzt und losgeplappert.

Das Besondere am Podcast ist, dass Themen und Erzählweisen opulent vertieft werden können. Voraussetzung für sein Gelingen ist das, was auch gutes Radio ausmacht: Qualität des Inhalts, plastische Sprache, gute Stimmen, starke Persönlichkeiten – sonst wird es nichts. Nicht alles, was Podcast ist, ist automatisch gut. Aber alles, was gut ist, sollten wir versuchen, zum zeit- und ortsungebundenen Hören – denn das impliziert die Form Podcast ja auch – anzubieten.

Was kann das Radio besser?

Radiojournalisten sind Experten darin, präzise zu formulieren, in Sprachbildern zu arbeiten, Informationen auf den Punkt zu bringen, zu unterhalten und ein verlässliches Gefühl der Begleitung zu geben. Im Podcast kann das ausgelebt werden, was Radio immer schon stark gemacht hat: Kreativität, Überraschung und Ideenvielfalt. Wir produzieren im NDR inzwischen viele Erzählstücke als Podcast, stellen sie zuerst für nonlineare Nutzung zur Verfügung und verlängern sie dann in unterschiedliche Formatformen unseres Programms. Podcasts können stimulierende Wirkung auf lineares Radio haben.

Radio ist heute sehr viel mehr als ein Programm auf der UKW-Skala: Webradio, Audio-on-Demand, Musikstreaming, Hörbücher, ARD-Audiothek. Welche Nutzung ist derzeit die progressivste, sprich die mit den am schnellsten wachsenden Nutzungsraten?

Fast täglich kommen neue Plattformen, Aggregatoren oder Streamingdienste hinzu. Und dennoch begleitet Radio tagtäglich fast 54 Millionen Deutsche. Selbst bei den Unter-30-Jährigen schalten knapp zwei Drittel täglich ein. Audio ist heute mehrheitlich Radio – aber es gibt eine starke Entwicklung hin zur On-Demand-Nutzung. Deshalb benötigen wir neue, digitale Verbreitungswege und eigene Plattformen, auf denen wir als Radio erkennbar bleiben. Die ARD-Audiothek ist ein gutes Beispiel dafür. Sie wächst rasch und zeigt: Radio ist heute Multiplattform – mehr denn je.

Radio bedeutet Nähe

Was müssen die Radiomacher unternehmen, damit das Medium seine Zugkraft behält, wenn nicht steigert?

Wir müssen überall dort zu finden sein, wo inzwischen gehört wird und Menschen uns hören möchten. Also über UKW oder DAB+, über das Smartphone, den Smartspeaker, die Home-Entertainment-Anlage oder das Tablet. Bei allen Gedanken über digitale Verbreitungswege und Plattformen dürfen wir nie aus dem Auge verlieren, was Radio auszeichnet: die Nähe zu denen, die es nutzen, Tagesbegleitung, verlässliche Information, sorgfältig kuratierte Musik, Kreativität und Überraschung.

Der Radiopreis führt öffentlich-rechtliche und private Veranstalter zusammen. Das sieht nach Harmonie aus, die es allerdings nicht auf allen Feldern gibt, siehe den Streit um DAB+, präferiert von ARD und Deutschlandradio, und UKW, bevorzugt von den Privaten. Welche Möglichkeiten einer Verständigung sehen Sie?

In den wesentlichen Fragen sind wir uns einig: DAB+ ist nicht mehr wegzudiskutieren. Es gibt fast 15 Millionen Geräte im Markt, 24 Prozent aller Deutschen haben Zugang zu DAB+. In Autos dürfen ab 2021 nur noch Radios verbaut werden, die digital empfangen können. Mehr als 250 Programme sind in Deutschland inzwischen über DAB+ zu hören. Und vor diesem Hintergrund wird niemand den Hörerinnen und Hörern sagen: Vergesst jetzt mal DAB+, wir machen ab sofort etwas anderes.

Und UKW, auch sofort vergessen?

Einig sind wir uns auch in der Frage, dass es UKW noch eine Weile geben wird – deshalb halte ich eine Diskussion, wann abgeschaltet wird, für nicht zielführend. Aber dass Radio irgendwann digital wird und nicht analog bleibt, darüber herrscht ebenfalls Einigkeit. Wie auch darüber, dass neben digitaler Terrestrik die Verbreitung von Radio über das Internet bedeutender werden wird – gerade vor dem Hintergrund nonlinearer Nutzung. Es geht also nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie und die einzelnen Entwicklungsschritte und Wegmarken. Darüber müssen wir gemeinsam immer wieder konstruktiv, offen und am Ende auch einigungswillig sprechen.

Das Interview führte Joachim Huber.

Joachim Knuth ist NDR-Hörfunkdirektor und Beiratsvorsitzender Deutscher Radiopreis. Im Januar 2020 übernimmt Knuth die NDR-Intendanz.

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