Abschied von der "Spex" : Pop, der Leben prägte

"Die Welt ist alles, was The Fall ist". Zeilen wie diese werden seltener: Nach 38 Jahren und 384 Ausgaben wird die Musik-Zeitschrift „Spex“ eingestellt.

Goldene "Spex"-Jahre. Ein Titelblatt des Magazins vom Februar 1984, mit Marc Almond
Goldene "Spex"-Jahre. Ein Titelblatt des Magazins vom Februar 1984, mit Marc AlmondFoto: promo



Wieder ein Print-Musikmagazin weniger: Nach dem Aus des „intro“, der "Groove" und des „NME“ in England wird Ende Dezember die letzte Ausgabe der Zeitschrift „Spex“ in die Regale kommen, nach 38 Jahren und 384 Ausgaben. „Gegen stetig sinkende Verkaufs- und Abonnementzahlen haben wir ebenso wenig ein Mittel gefunden wie gegen die zunehmend prekäre Marktlage“, so „Spex“-Chefredakteur Daniel Gerhardt im Editorial der vorletzten Ausgabe, die am Donnerstag online und nächste Woche als Print im Verlag Piranha Media erscheint.


Schnell wird man nostalgisch. Punk, New Wave, HipHop, Techno, Rave etc. , wer in den 1980er Jahren und später mit Pop-Musik sozialisiert wurde und wissen wollte, was dahinter steckt, kam am „Spex“, benannt nach der englischen Punk-Band X-Ray Spex, und seinen Autoren nicht vorbei. Jutta Koether, Clara Drechsler, Diedrich Diederichsen (schönste Zeile zur Punkband "The Fall" von Mark E. Smith: "Die Welt ist alles, was The Fall ist"), Michael Ruff – keine Platte/CD, die hier nicht wort- und bildgewaltig ihren Segen, ihre Einordnung bekam (oder auch nicht), ganz zu schweigen von ellenlangen Texten zur Pop- & Subkultur. Sie war einzigartig, die Idee, Pop mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu verknüpfen. Sehr stilbildend.


Tempora mutantur, so richtig geredet wurde über die alle acht Wochen erscheinende „Spex“ in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Grunde nur noch, wenn wieder mal Chefredakteur und Verlag wechselten. „Jens Friebe hat leider recht, liebe Leser“, schreibt Gerhardt zum Abschied. „Vermutlich ist es heute schwieriger, über Pop zu schreiben, als selbst Pop zu machen. Am 27. Dezember erscheinen noch einmal 116 Seiten über den Pop, der unser Leben prägt, die Gesellschaft, die es uns vermiesen will und mögliche Wege, die aus dem Dilemma herausführen könnten. Danach ist Schluss. Jahrzehntelang kümmerte sich der Pop-Journalismus nicht zuletzt darum, seinen Leser einen Überblick über eine kaum zu fassende Menge an neuen Alben, Büchern, Filmen, Serien und Ausstellungen zu verschaffen.“ Heute seien beinahe alle Platten der Welt für beinahe alle Menschen gleichzeitig verfügbar.


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Einen Trost gibt Gerhardt mit. Ein Heft wie „Spex“ wäre heute wichtiger denn je für die deutsche Medienlandschaft. „Weil jemand die Stimmen aufzeigen und stärken muss, die für übersehene und unterdrückte, versponnene und revolutionäre Positionen im Pop stehen – oder sich gegen einen in Deutschland aufblühenden neuen rechten Mainstream in Stellung bringen. Weil wir uns selbst als eine dieser Stimmen verstanden haben.“ Und weil es eben doch noch ein paar Platten, Filme und Bücher zu entdecken gebe, von denen kein Algorithmus der Welt erzählen wird.

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