Alles auf Audio-Streaming : Werbepause bei Effi Briest

Streamingdienste bleiben im Trend. Die Frage ist nur: mit einem Free- oder Premium-Account, gerade jetzt auch im Urlaub?

Buch dahinter. Audiostreaming legte im Umsatz um 27,7 Prozent zu, auch dank mehr kostenpflichtiger Streamer.
Buch dahinter. Audiostreaming legte im Umsatz um 27,7 Prozent zu, auch dank mehr kostenpflichtiger Streamer.Foto: dpa

Es ist in diesen Tagen des Kofferpackens für den Urlaub ja fast schon eine Grundsatzfrage: wieder die dicken Bücher für den Strand mitnehmen oder reicht das Abo beim Streamingdienst, mit Tausenden von Hörbüchern und Podcasts von Spotify oder Deezer zur Auswahl aufs Ohr? Mal abgesehen davon, dass Letzteres eine andere Art von Literaturrezeption ist (Lesegeschwindigkeit, Ablenkbarkeit), die neuesten Zahlen der Musikindustrie sprechen für sich: Streamingdienste bleiben im Trend.

Nach den Halbjahreszahlen des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) vom Donnerstag lässt die Branche ihre fast 20 Jahre währende Krise hinter sich, weil die Menschen ihre Lieblingsmusik auch hierzulande immer weniger auf Tonträgern kaufen, sondern über Plattformen wie Spotify, Amazon, Apple Music, Tidal oder Deezer, mit ihren bis zu 60 Millionen Titeln im Angebot. Die Gewohnheiten beim Audio-Konsum ändern sich radikal, wie auch eine derzeit laufende Nutzerstudie zeigt.

Gingen die Gesamtumsätze 2017 und 2018 nämlich noch leicht zurück, so verzeichnete die Musikbranche in den ersten sechs Monaten diesen Jahres 783,2 Millionen Euro Umsatz, ein Plus von 60 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das ist die höchste Wachstumsrate seit 1993. Weder CDs noch Vinyl-Schallplatten sind Antreiber des Trends – sondern eben Audiostreaming. Es legte im ersten Halbjahr 2019 um 27,7 Prozent zu und hat nun 56,4 Prozent Marktanteil (2018: 46,4).

Dabei hatten die neuen Zahlen der Radio-Nutzungsforschung vom Mittwoch zunächst eine andere Frage aufgeworfen. Alle hören nur noch Podcasts, Böhmermann und Schulz „Fest & Flauschig“, Gestreamtes? Von wegen. Um satte 22,6 Prozent war die Werbereichweite von Spotify in jener Audio-MA eingebrochen. Eine direkte Erklärung und Nutzerzahlen des Streaming-Dienstes auf Tagesspiegel-Nachfrage gab es nicht.

„Das Umsonst-Angebot ist eben reichlich verfügbar.“

Branchenkenner sagen, dass die Media Analyse Audio- Nutzer ausweise, die Spotify kostenlos hören, nur diese seien für die Werbung relevant. Wenn demnach in der aktuellen Analyse die Reichweite der Free-Nutzer heruntergegangen ist, so ist dies durchaus positiv zu verstehen – viele der Free-Nutzer dürften zu zahlenden Abonnenten geworden sind.

Konkreter wird es nicht. Offiziell kommuniziert Deezer beispielsweise, dass der Streamingdienst 14 Millionen aktive Nutzer in über 180 Ländern habe. Wieviele Nutzer zahlende Abonnenten sind, wird nicht mitgeteilt. Es ist nur zu mutmaßen, dass der Anteil kostenpflichtiger Streamer steigt. Für den Boom reicht es. „Das Audiostreaming verhilft uns im globalen Markt zu einer Erfolgsgeschichte“, sagt BVMI-Vorstandschef Florian Drücke im dpa-Gespräch.

Die Plattformen seien „hierzulande mit einem geringen Zeitrückstand in den Markt gegangen“, so der Verbandsmanager. „Es gab sicherlich zu Beginn die Sorge vieler Konsumenten in Deutschland um die persönlichen Daten beim Zahlungsverkehr, die Angst vor Missbrauch von Kreditkartendaten.“ Auch habe sich der deutsche Fan länger in seiner physischen Welt aufgehalten als Audio-Fans in anderen Ländern.

Jeder zweite Musikkonsument in Deutschland nutzt inzwischen Streaming-Angebote. Die Rezeption wird immer flüchtiger, die Streaming-Auswahl für einen Zehner pro Monat in einem riesigen Musikkatalog kostet weniger als physische Tonträger. Ob und wie sich demnächst höhere Preise fürs kostenpflichtige Audiostreaming durchsetzen lassen, ist nach Drückes Worten schwer einzuschätzen. „Das Umsonst-Angebot ist eben reichlich verfügbar.“

Auch am See. Die Frage ist nur, ob es Spaß macht, beim freien Fontane-Hören plötzlich von Werbung unterbrochen zu werden.

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