Alwara Höfels verlässt "Tatort" Dresden : Lebensabschnittsrollen

Ob „Tatort“ oder "Polizeiruf 110“: Warum Sendern die Kommissare davonrennen. Manchmal ist es Frust, manchmal Lust auf Neues

Alwara Höfels (links) verlässt den "Tatort" Dresden, Martin Brambach und Karin Hanczewski bleiben.
Alwara Höfels (links) verlässt den "Tatort" Dresden, Martin Brambach und Karin Hanczewski bleiben.Foto: MDR

Diese Formulierung wird die Pressestelle des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) auf Taste haben: „Auch wenn der Sender die persönlichen Gründe von .... natürlich respektiert“. Dem Sender sind nämlich in sehr kurzer Zeit eine Reihe von veritablen Schauspielerinnen und Schauspielern für seine „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Krimis abhanden gekommen.

Alina Levshin und Friedrich Mücke, die mit Benjamin Kramme das Ermittlertrio für zwei Folgen im Erfurter „Tatort“ gebildet hatten, verließen den Krimi Anfang 2017 Knall auf Fall. Seitdem ist der Erfurter „Tatort“ TV-Geschichte. Mitte 2015 stieg Sylvester Groth als Hauptkommissar Drexler beim Magdeburger „Polizeiruf 110“ des MDR aus. Fünf Folgen hatte er zusammen mit Claudia Michelsen gefahndet. Es soll heftige Diskussionen um die Qualität der Drehbücher gegeben haben, berichtete die „Bild“ und zitierte einen Insider: „Sylvester ist sehr konsequent, wenn die Qualität nicht stimmt.“

Normalerweise geben Schauspielerinnen und Schauspieler keine Statements ab, warum sie die sogenannten „Traumrollen“ in den Paradekrimis des deutschen Fernsehens aufgeben. Alwara Höfels jedoch hat einen anderen Weg gewählt, sie wurde sehr deutlich. Die Darstellerin wird sich nach der sechsten „Tatort“-Folge aus Dresden verabschieden. Das wird Pfingsten 2018 sein.

Sylvester Groth verließ den „Polizeiruf 110“ Magdeburg nach fünf Episoden.
Sylvester Groth verließ den „Polizeiruf 110“ Magdeburg nach fünf Episoden.Foto: picture alliance / dpa

Alwara Höfels teilte mit, sie ziehe diese persönliche Konsequenz, bedauere aber, sich von ihren großartigen Kollegen verabschieden zu müssen. Als Begründung gab sie an: „Unterschiedliche Auffassungen zum Arbeitsprozess und ein fehlender künstlerischer Konsens haben nach vielen Gesprächen diesbezüglich dazu geführt, dieses renommierte Format zu verlassen, da ich meine Verantwortung als Künstlerin ansonsten gefährdet sehe.“ Tschüss mit Peng.

Nun sind Fernsehproduktionen ein Produkt der vielen, ein Zusammenspiel vielfältiger Talente. Da kann es krachen, können die Funken bis hin zum Feuerwerk oder zur Explosion sprühen. Aus, vorbei, macht Euren Sch... alleine.

Bleibt normalerweise unter der gemeinsamen Bettdecke. Ein MDR will eben dastehen wie ein Kuschelmonster, das seine Künstler permanent streichelt. Diese und ihre Agenturen schweigen in der Regel wie die Gräber, weil die Furcht vorherrscht, dass ein „schwieriger“ Künstler nur noch schlechtere Rollen oder gar keine mehr bekommt. Es ist das Harvey-Weinstein-Syndrom in sehr viel kleinerer Dimension: Klappe halten lohnt sich mehr als Klappe aufreißen. Dankbarkeit und Rache sind zwei Seiten der Sendermedaille.

Friedrich Mücke (links) und Alina Levshin sagten dem "Tatort" Erfurt nach zwei Folgen Goodbye, damit musste auch Benjamin Kramme das Feld räumen.
Friedrich Mücke (links) und Alina Levshin sagten dem "Tatort" Erfurt nach zwei Folgen Goodbye, damit musste auch Benjamin Kramme...Foto: imago/Karina Hessland

Einerseits. Andererseits hat sich in der Schauspielergilde eine gewisse, meinetwegen positive Sprunghaftigkeit breit gemacht. Anders als früher kann sich eine serielle Rolle nicht als eine Lebens-, sondern nur als eine Lebensabschnittsaufgabe darstellen. Nina Kunzendorf und Joachim Król sind beim HR-„Tatort“ gegangen, Matthias Brandt hört beim BR-„Polizeiruf 110“ auf. Die Entwicklungsmöglichkeiten der Fahnderfiguren wurden als endlich interpretiert.

Für die Sender ergibt sich daraus eine ungewohnte Herausforderung: Die früheren „Halbgötter“ in den Fernsehspielredaktionen müssen neue Bindungskräfte aufbauen. Heißt: Ein MDR hat das Fahnderpersonal von „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ wieder und wieder zu locken und zu überzeugen. Die Kommissarinnen und Kommissare müssen sich beim Publikum ja etablieren, auf dass der Zuschauer Identifikation, im besten Falle Vorfreude aufbauen kann. Es geht es um Bekanntheit, um Nähe und Erwartung. Beim MDR und anderswo.