Amazon-Serie "Hanna" : Erwachsenwerden auf die harte Tour

Nach dem Film "Wer ist Hanna?" kommt die Amazon-Serie "Hanna". Coming-of-Age-Drama um eine junge Frau, die ihre Vergangenheit sucht

Ausbildung zur Kampfmaschine. Statt die Bäume in der Wildnis zu umarmen, nutzt Hanna (Esmé Creed-Miles) sie als Sandsäcke. Das schmerzt, macht aber härter.
Ausbildung zur Kampfmaschine. Statt die Bäume in der Wildnis zu umarmen, nutzt Hanna (Esmé Creed-Miles) sie als Sandsäcke. Das...Foto: Amazon Prime

Die Frage ist so alt wie das Thema, das sie behandelt: Ist die Serie so gut wie der Film war? „Wer ist Hanna?“, das war die Kinoproduktion von 2011, „Hanna“, das ist das Amazon Original, das von Freitag an mit acht Folgen gestreamt wird.

Ich habe den Film nicht gesehen, wohl aber die komplette Serie. Liest man in verschiedenen Foren wie www.imdb.com, was zum Vergleich Film/Serie geschrieben und gemeint wird, steht es unentschieden: Die eine Seite zeigt sich überzeugt, „du möchtest eine exzellente Idee ruiniert sehen? Schau dir diese Version an.“ Die Opposition meint: „Ich bin nicht besorgt, dass sie dieselbe Story wieder erzählen, sondern sehr gespannt, wie sie die Story weitererzählen.“ Eine dritte Stimme, quasi middle of the road: „Neither good nor bad just different“, also weder gut noch schlecht, nur unterschiedlich.

Amazon Prime ist jedenfalls überzeugt davon, acht Jahre nach dem Kino-Erfolg einen Streaming-Erfolg zu generieren. So sicher sind die Verantwortlichen, dass David Farr, der Co-Autor beim Filmscript war, jetzt Autor der Serie ist. Farr hat bei „The Night Manager“ mit Tom Hiddleston und Hugh Laurie 2016 nachgewiesen, dass er auf Serienstrecke gehen kann.

Farr sagte beim Pressegespräch während der Berlinale, bei der „Hanna“ vorgestellt wurde, er wollte aus dem märchenhaften Film eine Coming-of-Age-Serie machen, in der Charaktere und Beziehungen tiefer ausgeleuchtet würden. Auch wenn neben Hanna (Esmé Creed-Miles) mit Sophie (Rhianne Barreto) eine zweite Junge-Frau-Rolle existiert und damit eine diverse Gewichtung sichtbar wird, zeigt sich „Hanna“ zuerst als eine Thrillerserie mit einem Parcours des Todes.

Hanna ist von ihrem Vater Erik Heller (Joel Kinnaman) tief in den polnischen Wäldern im Handwerk des Überlebens ausgebildet worden. Hiller, ein früherer CIA-Agent, wird vom Geheimdienst, genauer von Marissa Wiegler (Mireille Enos) gejagt. Als das Versteck entdeckt wird, müssen sich Vater und Tochter trennen. Hanna kommt in die „echte“ Welt, und es nicht wenig komisch, als der Teenager zum ersten Mal ein Snickers genießt.

Aber die komischen Momente sind rar im Leben von Hanna, dieser jungen Frau, die wissen will, wer sie in dieser Welt sein will und kann, die wissen muss, wer sie wirklich ist. Ist sie die Tochter von Erik Heller, warum ist die CIA, warum Marissa Wiegler persönlich hinter ihr her?

„Hanna“ geht mit großen Fragezeichen und mit noch größerem Tempo in die acht Mal 50 Minuten. Wer mit einer Wahrscheinlichkeitsrechnung an die Exposition rangeht – wie können Menschen tief im Wald versteckt so gut ausgerüstet leben? – der kann sich ins Grübeln verlieren. Besser, ein anderes Kalkül anzustellen: Ist ein Menschenexperiment denkbar, bei dem ein Geheimdienst fern von jeder Zivilisation willfährige Kampfkreaturen züchtet?

„Hanna“ ist ein Thriller-Drama, das vieles unternimmt, um das Drama vor den Thriller zu schieben. Die acht Teile haben eine überzeugende Erzählstruktur, die Musik der Chemical Brothers interpretiert statt nur zu begleiten, die Dramaturgie hetzt Handlung und Handelnde, es gibt viel Artistik in den Actionszenen, und doch sind neben dem Geheimnis um Hannas Herkunft, das sich Folge für Folge zu erkennen gibt, Menschen zu entdecken.

Die Eröffnungsfolge, die die Ausbildung von Hanna zur Killermaschine detailliert zeigt, findet nicht nur in Folge fünf ihre humane Entsprechung, als Hanna, die bei Sophie Unterschlupf gefunden hat, mit Anton (Gamba Cole), die Freuden einer körperlichen Beziehung entdeckt.

„Hanna“ kann innehalten, wird zur Introspektion des Menschen. Die Regie von Sarah Adina Smith setzt auf binäre Spannung – und auf Entwicklung. Die Protagonisten sind zu Beginn Wachsfiguren, die sich erst allmählich aus ihrer Starre lösen. Gerade Mireille Enos als CIA-Ansagerin Wiegler nutzt nur einen Gesichtsausdruck, um als Geheimdienstlerin straight herüberzukommen. Überhaupt sind die Erwachsenen-Spieler beengter in ihren Möglichkeiten, während die Teenager wie Sophie Emotionen bedienen. Aufregung und Ärger über die eigene Familie lassen sie schon mal wutentbrannt in die marokkanische Steinwüste laufen - wo sie justament auf Hanna stößt, die ihren Häschern entkommen ist. Ist die Erwachsenenwelt (der Menschenmanipulation) eine, in die man hineinwachsen möchte? „Hanna“ streut Zweifel aus.

PS: „Hanna“ gibt vor, einen wesentlichen Handlungsort in Berlin zu haben. Tatsächlich muss Bukarest bis auf wenige Symbolbilder Berlin spielen. Was Bukarest gelingt und Berlin nicht schadet.

„Hanna“, Amazon Prime Video, acht Folgen, ab 29. März

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