Amazon-Serie „Tales from the Loop“ : Warum die Amazon-Serie „Tales from the Loop“ so besonders ist

In den Arm gekniffen: Die Amazon-Serie „Tales from the Loop“ ist auf Basis retrofuturistischer Gemälde entstanden.

Jan Freitag
Da kommt was. Die Geschichte scheint manchmal rückwärtszulaufen.
Da kommt was. Die Geschichte scheint manchmal rückwärtszulaufen.Foto: Amazon

Als die Bilder einst laufen lernten, glich jeder Gang einer Eruption, die alle Welt in Wallung versetzte. Doch seit die Bilder vor lauter Laufen, Gehen, Wallung kaum mehr zur Ruhe kommen, seit pro Minute 500 Stunden Film auf Youtube hochgeladen wird und jede noch so nichtige Bewegung millionenfach betrachtet, da wünscht man sich doch ein wenig vom Stillstand jener Tage zurück, als Bilder eben Bilder waren und vermochten, in aller Reglosigkeit zu faszinierten.

Es wären Bilder, wie sie wohl auch Nathaniel Halpern im Kopf hatte, als der amerikanische Showrunner aus Gemälden des schwedischen Konzeptkünstlers Simon Stålenhag das Drehbuch seiner Serie ersann – ein Meisterwerk, dessen Geschwindigkeit bisweilen an die Dynamik alter Stillleben erinnert: „Tales from the Loop“.

Inhaltlich handelt es acht Teile lang von einer Art Teilchenbeschleuniger unter den Wäldern Ohios, der die halbe Nachbarschaft zwar mit Lohn und Brot versorgt, aber auch alle Regeln der Physik so durcheinanderwirbelt, dass Mütter sich als Kinder selbst begegnen, die Gravitation außer Kraft gesetzt scheint und überall schrottreife Roboter einer nostalgischen Zukunft im Ambiente der frühen Fünfziger herumstehen.

Womit wir beim Wesenskern von „Tales from the Loop“ wären. Die starwarsartigen Science-Fiction-Relikte verleihen schließlich schon Stålenhags bildender Kunst eine Form abstruser Entschleunigung, mit der nach einer Adaption als Computerrollenspiel nun auch Halperns Amazon-Serie für unterhaltsame Irritation sorgt.

Im Umfeld der Erzählung vom todkranken Laborgründer Russ, dessen Enkel Cole (Duncan Joiner) in seiner besten Freundin die eigene Mutter (Rebecca Hall) als junges Mädchen erkennt allerdings, scheint die Geschichte manchmal rückwärts zu laufen.

Minutenlang zoomt Regisseur Mark Romanek dabei auf Gesichter und Dinge. Bizarre Steinbrocken aus dem retrofuturistischen Zentrum zur Erforschung des Universums beginnen außerhalb der Betonmauern unmerklich zu schweben.

Könnte ja auch ein Fiebertraum sein

Der Schnee dieses ewigkalten Winters schneit mancherorts aufwärts statt zu Tal. Und mittendrin agieren die Darsteller in einer Ereignislosigkeit, dass man sich beim Zuschauen gelegentlich der Funktionsfähigkeit des Fernsehers versichern muss oder besser noch: in den Arm kneifen. Könnte ja auch ein Fiebertraum sein…

Stattdessen aber befindet sich das Publikum bloß in einer der faszinierendsten Fernsehproduktionen des Jahres. Und mitverantwortlich dafür ist wie zuletzt häufiger im dritten Frühling seiner Karriere: Jonathan Pryce.

Als undurchsichtiger Wissenschaftler schafft es der 72-jährige Shakespeare-Veteran nach seinem Comeback als Hohepriester in „Game of Thrones“ und mehr noch der brillanten Darstellung von Franziskus I. („Die 2 Päpste“) hier abermals, allein mit der wortkargen Energie seiner Ausstrahlung vom ganzen Bildschirm Besitz zu ergreifen – was allein schon deshalb sensationell ist, weil dieser Bildschirm bereits überreichlich gefüllt ist mit der opulenten Optik von Nathaniel Halperns Szenenbildnern.

Angesichts allgemein sinkender Aufmerksamkeitsspannen droht dennoch ein massenhafter Abschaltimpuls; erschlagen vom tagtäglichen Reizüberfluss, will der Medienkonsument unserer Tage schließlich dauernd gefüttert werden.

Wer sich auf diese Entdeckung der Langsamkeit einlässt, wird nicht nur mit berauschender Optik entschädigt. Im räumlichen Zentrum seiner Visualität erzählt Nathaniel Halpern nebenbei auch noch eine Familiensaga, in der Coming-of-Age-Elemente und Verlustängste ebenso ihren Platz haben wie Darth Vaders Weltraumschrott.

All das macht „Tales from the Loop“ (Amazon, acht Folgen) zum hinreißend schönen, von Philip Glass reduziert vertonten, wunderbar zurückhaltenden Streaming-Ereignis. Dass es nun ausgerechnet zu Werbezwecken des hyperkonsumistischen Durchlauferhitzers Amazon entstanden ist, muss man da kurz mal ignorieren. Es lohnt sich.

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