"Anne Will" zur Bayernwahl : Die schönsten 37,3 Prozent ever

Selbst die, die nichts gewonnen haben, versuchen irgendwie ihre Gewinne zu erklären. "Anne Will" zur Bayernwahl wird erst gut, als Anne Will einschreitet.

Erklärversuche: Die Runde bei "Anne Will" nach der Bayernwahl.
Erklärversuche: Die Runde bei "Anne Will" nach der Bayernwahl.Screenshot: daserste.ndr.de/Tsp

„Analyse“, das war schnell zum Unwort des Wahlabends geworden. Und Anne Will wollte es auch nicht länger strapazieren. Aber dann hätte sie ihre Talkrunde anders besetzen, anders lenken müssen. Das eine, das Umbesetzen, ging natürlich nicht, das Ab- respektive des Weglenken von der Analyse war mindestens so schwierig, weil in den vorlaufenden „Tagesthemen extra“ erneut die aktuellsten Zahlentableaus und Analysen aufgeboten wurden.

Also ging die stellvertretende CSU-Vorsitzende Dorothee Bär sofort in die Offensive. Sie schaffte es oder: sie glaubte es zu schaffen, die zu diesem Zeitpunkt 37,3 Prozent für die CSU als die schönsten 37,3 Prozent ever darzustellen. Wahrscheinlich musste es so sein: Ob der niedersächsische SPD-Innenminister Boris Pistorius oder Annalena Baerbock, Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, oder der AfD-Chef Jörg Meuthen – jeder und jede versuchte seine Gewinne zu erklären, zugleich anderswo die Verluste zu erklären; das scheint übrigens leichter zu sein.

Die Grüne und der AfDler verhakten sich sofort, bei der Flüchtlingspolitik und bei der Demo am Samstag in Berlin mit mehr als 200.000 Teilnehmern. Meuthen sprach von einer „Wohlfühldemo“, bei der sich die Grünen überhaupt nicht von den Linksextremisten abgegrenzt hätten. Widerspruch von mehreren Seiten, sehr präzise und unterkühlt von der „Spiegel“-Korrespondentin Melanie Amann, die den AfD-Mann daran erinnerte, wer so alles vom rechtsextremen Rand sich in die Aufmärsche seiner Partei einreihte und einreiht.

Taumeln von einer Aussage zur nächsten

Die Debatte war bewegt, allerdings taumelte sie zusehends von einer Aussage zur nächsten. Als es der Moderatorin nicht gelang, den bestimmt klugen, von Satz zu Satz aber faserigeren Politikwissenschaftler Michael Koß auf Klardeutsch festzulegen, machte die gewiefte Anne Will etwas dringend Notwendiges: Sie änderte ihr Konzept. Von der sich selbst tragenden Diskussion hin zur von ihr mit Leitfragen geführten Debatte.

Das funktionierte schnell, das funktionierte gut. Jörg Meuthen wurde mit der Frage konfrontiert, wie es seine Partei mit dem Rassismus hält; Boris Pistorius mit der Überlegung gestellt, ob die AfD vom Verfassungsschutz beobachtet werden soll; Koß mit der Frage überrascht, ob diese Studiodiskussion und sieben Parteien in einem Parlament eine lebendige Demokratie darstellen würden.

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Die einzelnen Antworten mögen diesen oder jenen Zuschauer befriedigt haben. Die Studiorunde jedenfalls hatte wieder Boden unter den Füßen. Was auch hieß: Politik ohne Moderation mag laut und rauflustig sein, eine gelungene politische Talkshow ist sie nicht. Da braucht es dann doch Anne Will und „Anne Will“.

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