ARD/BBC-Tierdoku : Bedrohte Familien

Tierisches Sozialverhalten: Ein neues Wunderwerk der BBC-Naturfilmer im Ersten. Kameraleute werden dabei in den sozialen Medien wie Helden gefeiert.

Junge Schimpansen sind zwei bis drei Jahre von ihren Müttern abhängig.
Junge Schimpansen sind zwei bis drei Jahre von ihren Müttern abhängig.Foto: WDR/BBC/Mark MacEwen

Blutig ist das Schimpansen-Leben: David ist das Alphamännchen einer Sippe, die im Senegal im westlichen Afrika lebt. Sein linkes Ohr ist verstümmelt, und im Laufe des ersten Films aus der Reihe „Wilde Dynastien“ wird er nur knapp einen Angriff seiner jüngeren Rivalen überleben. Eine klaffende Wunde an der Hüfte und ein abgerissener Finger zeugen davon. Auch wenn für die deutsche Fassung (Sprecher: Sebastian Koch) im Ersten einige offenbar besonders brutale Szenen herausgeschnitten wurden und die Affenkinder von Davids Sippe schon mal lustige Purzelbäume schlagen, beginnt das neue Wunderwerk der BBC-Naturfilmer nicht als liebliches Kuscheltier-Fernsehen.


Zu den internationalen Koproduzenten von „Dynasties“, wie die Reihe im Original heißt, zählen auch die ARD-Sender WDR, SWR und der RBB. Naturfilme sind in der Montags-Doku-Primetime im Ersten eine feste Größe, was angesichts der wachsenden Bedeutung von ökologischen Fragen nachvollziehbar ist. Im vergangenen Jahr erfreute sich die ARD am Publikumserfolg von „Der blaue Planet“. Bei den sechs Folgen schalteten zwischen 4,4 und 5,2 Millionen Zuschauer ein. Während diese BBC-Produktion die Vielfalt in den verschiedenen Lebensräumen der Ozeane dokumentierte, widmet sich „Wilde Dynastien“ dem sozialen Mikrokosmos, beobachtet über Monate das Zusammenleben einzelner Sippen, Rudel oder Kolonien und ihren Überlebenskampf – und erzählt dabei wahre Familiendramen.


Jede der fünf Folgen ist einer bedrohten Tierart gewidmet. Nach den Schimpansen aus dem Fongoli-Forschungsprojekt im Senegal geht es ins antarktische Eis zu den Kaiserpinguinen, zurück nach Afrika zu einem Löwenrudel in Kenia sowie Wildhunden in Zimbabwe, und zum Abschluss ins Tigerreservat Bandhavgarh in Indien, wo das Tiger-Weibchen Raj Bhera vier Neugeborene durchzubringen versucht.

Die Autoren haben die Tiere nicht vermenschlicht


Die Tiere haben – mit Ausnahme der Pinguine – Namen, die ihnen von Forschern vor Ort gegeben wurden. Deren Wissen ist die Grundlage; aus der Abstammung der Afrikanischen Wildhündin Tait etwa stammen 280 der weltweit nur noch 6600 Tiere dieser Art. In Folge vier muss sie sich mit ihrer Tochter Blacktip herumschlagen, die mit einem eigenen Rudel in ihr Revier eindringt, weil Lebensraum und Nahrung knapp geworden sind.
Die Reihe würde die Geschichte der Naturdokumentation neu schreiben, behaupten die britischen Produzenten.

Das mag übliches PR-Geklapper sein, aber die genaue Kenntnis der Verhaltensweisen der Tiere und die ausdauernde Beobachtung sorgen tatsächlich für eine außergewöhnliche Nähe und Intensität. Der Schnitt, der die dramatischen Momente im Macht- und Überlebenskampf geschickt verdichtet, tut ein übriges. Die Autoren haben die Tiere nicht vermenschlicht, aber würdigen sie als individuelle Charaktere, die klug taktieren und Verbündete suchen, die mutig, leidensfähig, solidarisch und liebevoll sein können. Fantastische Bilder und spektakuläre Naturschauspiele wie das Polarlicht des Südens in Folge zwei gibt es ohnehin zu bestaunen.


Welcher Aufwand betrieben werden musste, wurde in der britischen Original-Reihe am Ende jeder Folge dokumentiert („behind the scenes“). Das hat die ARD leider nicht übernommen. Somit entgeht dem Publikum unter anderem eine besondere Episode: Weil einige Dutzend Kaiserpinguine mit ihren Jungen in eine Eisspalte gerutscht waren und dort zu verhungern drohten, griffen die Kameraleute ausnahmsweise in die Abläufe der Natur ein und bauten eine Rampe, die den Tieren den Aufstieg ermöglichte. In Großbritannien, wo die Reihe im November 2018 zwischen 6,9 und 8,2 Millionen Zuschauer hatte, wurden sie in den sozialen Medien wie Helden gefeiert, mussten sich aber auch rechtfertigen: Von dem Tod der Pinguine hätten in der leeren Eiswüste keine anderen Tiere profitieren können, hieß es.


„Wilde Dynastien“, ARD, montags, 20 Uhr 15

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