ARD-Film „Der Club der singenden Metzger“ : Deutsche zum Gernhaben

Mit „Der Club der singenden Metzger“ zeigt das Erste einen ernsthaften Auswandererwestern. Louise Erdrich hat in ihrem Roman ihre Familiengeschichte verarbeitet.

Nikolaus von Festenberg
Neuanfang in Amerika: Fidelis Waldvogel (Jonas Nay) mit Ehefrau Eva (Leonie Benesch), Sohn (Mark Durdevic) und Auswanderin Delphine (Aylin Tezel, hinten).
Neuanfang in Amerika: Fidelis Waldvogel (Jonas Nay) mit Ehefrau Eva (Leonie Benesch), Sohn (Mark Durdevic) und Auswanderin...Foto: ARD Degeto

27. Dezember, „dritter“ Weihnachtsfeiertag, ARD, Bescherung in Sachen Szene- und Dialogkunst: Der Arzt hat die Kranke untersucht, er hat ihr Morphium gegeben, sie schläft ein, die Freundin der Patientin fragt: „Wie schlimm ist es?“ Der Mediziner antwortet: „Macht es ihr schön.“

Alles gesagt. Der Film kann ohne weitere Erklärungsworte in der Sprache der Bilder weitersprechen. Von Verzweiflung, von seltenem Glück und der Suche nach Heimat. Seine Bilder schämen sich nicht des ehrenwerten Schlachterhandwerks, der Arbeit mit Messer und Beil an Fleisch und Wurst.

Die Kamera ist voller Respekt dabei, wenn deutsche Amerika-Auswanderer bei Gelegenheit ihre Volkslieder singen. In denen immer irgendeiner zum Tor hinausmuss oder einsam unterm Lindenbaum sitzt und das vom Funktionieren-Müssen verschüttete deutsche Gemüt sich traut, um Hilfe zu bitten. Der Choral „So nimm denn meine Hände“ – er ist in diesen Fernsehstunden immer wieder zu hören. Hilflos, unpolitisch und dennoch rührend. Er zeigt deutsche Auswanderer bei der Gefühlsarbeit.

Der gute, weiche Deutsche, schön wär’s gewesen. Der allzeit exportfähige Melancholiker, fügsam in der Fremde, offen gegenüber jedermann, verlässlicher Weltbürger mit reinem Herzen. Wir wissen: Es war nicht so. Die von Oliver Berben produzierte Literaturverfilmung mit einem Drehbuch (Doris Dörrie & Ruth Stadler) nach dem Roman der US-Schriftstellerin Louise Erdrich weiß es auch.

Betörend unschuldig

Trotzdem erzählt „Der Club der singenden Metzger“ eine betörend unschuldig dargestellte deutsche Odyssee vom Ankommen in einem neuen Land. Eine historische Filmhandlung im Übrigen ohne dräuende Nazis und ohne deutsche Schuldbeschwörung. Ohne allerdings auch den Ruch einer Geschichtsrevision auf sich zu ziehen.

Wer Fidelis Waldvogel (Jonas Nay) heißt und durch den grünen Wald ins schwäbische Städtele heimkehrt, kann eigentlich nur aus Grimms Märchen stammen. Aus den allerersten Filmszenen aber wissen wir, dass der unfidele Fidelis aus dem Schützengraben des Ersten Weltkriegs kommt.

Der junge Metzgermeister hat überlebt, aber er ist schwer traumatisiert. Den zum Pazifisten gewordenen Scharfschützen von der Front werden von nun an Ängste überfallen, wenn er Schweine schlachtet. Sein Freund ist gefallen, das Versprechen, Eva (Leonie Benesch), die schwangere Braut des sterbenden Kameraden, zu heiraten, ist für Fidelis selbstverständliche Pflicht.

Aber Platz zum Leben hat Schwaben für ihn und seine entstehende Familie nicht. Der junge Metzgermeister beschließt, in die USA auszuwandern, sich dort eine Existenz aufzubauen und Frau und adoptiertes Kind nachzuholen. So startet er unter „Muss i denn“-Klängen mit bescheidener Mitgift: Schlachtermessern und einem geheimen Wurstrezept vom Vater sowie einer Schachtel voller Würste, deren Verkaufserlös bis ins Westernstädtchen Argus in Norddakota reicht.

Dem Fidelis-Exodus wird ein weiterer zur Seite gestellt, die Auswanderung der Artistentochter Delphine (Aylin Tezel) mit ihrem alkoholkranken Clowns-Vater Robert (Sylvester Groth), einem verbitterten Witwer, der ohne sein erwachsenes Kind aufgeschmissen wäre. Denn der Suffkopf ruiniert die Szenen der Vater-Tochter-Darbietungen unterm Zirkuszelt. Regie und Kamera (Hannes Hubach) nehmen sich alle Zeit, die Poesie und das Elend dieses traurigen Clown-Duos zu bestaunen. Delphine setzt endlich die Auswanderung durch und da landen die Zirkusmenschen – wo sonst? – dort, wo die Schwaben gelandet sind, in Argus.

Optimismus trotz aller Katastrophen

Die ärmliche deutsche Mutter Heimat spuckt sie aus: die Redlichen, die Süchtigen, die Hoffnungsvollen. Der Film verbreitet trotz vieler Katastrophen den Optimismus, dass Integration nicht unmöglich ist, ein Gefühl, das die Gegenwart gebrauchen kann. Delphine, die mutterlose Aufpasserin auf einen versoffenen Vater, ist fasziniert von einem neuen Begleiter, Cyprian (Vladimir Korneev), einem halb-indianischen Balance-Künstler. Mit erotischer Leidenschaft kann es zwischen Cyprian und Delphine allerdings nicht so werden, wie es sich die Frau wünscht: Cyprian hat Männerbeziehungen.

Eine für TV-Unterhaltung ungewöhnlich ausgehende Dreiecksbeziehung entsteht in Argus. Delphine wirft ein Auge auf Fidelis, aber gleichzeitig freundet sie sich mit der Metzgersfrau Eva an und hilft ihr bei den Pflichten in Laden und Familie.

Das Drehbuch konzentriert sich auf den Aspekt einer Verantwortungsethik zwischen zwei Frauen, die denselben Mann lieben. Als Eva erkrankt und von Delphine in den Tod begleitet wird, gerät die Geschichte zu einem intensiven Kammerspiel, in dem die Darstellerinnen Tezel und Benesch glänzen und in dem die Bedeutung der Frauensolidarität als zentrale Größe im Kampf um Heimat gefeiert wird.

Na klar, Männer gibt es auch, aber die spielen nicht die entscheidende Rolle. Nay, der mit David Grabowski stolz ist, auch die Musik zum Film geschrieben zu haben, legt seinen Fidelis mit eindrucksvoller, nach innen gekehrter stoischer Naivität an, dem Besten, was man in diesem Film aus einer Männerrolle machen kann.

Das 500-Seiten-Buch von Louise Erdrich, die 1954 als Tochter eines deutschen Metzger-Auswanderers und einer französisch-indianischen Mutter geboren wurde, in einem Reservat aufwuchs und später Literaturwissenschaft studierte, ist im Vergleich zum Film ein Exzess der Beschreibungswut. Es schildert eine bisweilen feindselige Natur, es weidet sich an gespenstischen Szenen mit wilden Hunden, den Gerüchen der Verwesung, den Todesgefahren in Erdlöchern. Das Drehbuch belässt es bei Andeutungen von Magie. Die indianischen Wurzeln kommen in der Figur einer Lumpensammlerin (Ursa Raukar) im Film geheimnisvoll zum Zug.

Aber ein Buch ist ein Buch und ein Film ein Film und dieser hier ist gelungen. Das gefühlvolle Lehrstück von der ordnenden weiblichen Macht beweist, dass handelnde Frauen für Integration mehr bedeuten als singende Metzger. Die taffe ungarischstämmige Bestatterin Clarisse (Claudia Kottal) erledigt den erotisch inkorrekten Sheriff mit Kugel und Blei und fährt unbeschadet zu neuen Ufern – #MeToo in der amerikanischen Provinz der Golden Twenties in ihrer ultimativsten Form. Die den Mann überlebende Fidelis-Gattin Delphine erfindet des Fleisches wahre Bestimmung in den USA: den Hamburger. So kommt man an. Welcome in der neuen Heimat.

Mehr zum Thema

„Der Club der singenden Metzger“, ARD, Freitag, 20 Uhr 15

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!