Armstrongs Doping-Karriere im Fernsehen : „Wir kriechen nicht mehr. Wir fliegen“

„The Program“ zeigt Lance Armstrongs Leben als Dokudrama. Ein Film über Jan Ullrich ist weiterhin nicht in Sicht.

Einträchtig bei der Blutwäsche: Lance Armstrong (Ben Foster, rechts) und Floyd Landis (Jesse Plemons), der später gegen den Tour-Dominator aussagte.
Einträchtig bei der Blutwäsche: Lance Armstrong (Ben Foster, rechts) und Floyd Landis (Jesse Plemons), der später gegen den...Foto: ZDF und Studiocanal

Das Ende der Geschichte ist bekannt. Die Aberkennung sämtlicher Siege von Lance Armstrong seit 1998, darunter seine sieben Triumphe bei der Tour de France. Wie nach und nach alle Sponsoren und Werbepartner dem einstigen Superhelden des Radsports den Rücken kehrten. Und natürlich seine Beichte bei Oprah Winfrey. Ob er jemals verbotene Substanzen eingenommen habe? Ja. War eine dieser verbotenen Substanzen Epo. Ja. Blutdoping? Ja. Testosteron, Kortison, Wachstumshormone? Ja. Bei allen sieben Tour-de-France-Siegen? Ja. „Das ist dieser Mythos von einer perfekten Story. Und nichts davon ist wahr“, sagte Armstrong 2013 zu Winfrey.

An den Beginn des kometenhaften Aufstiegs von Lance Armstrong werden sich hingegen nur die wenigsten erinnern. Und diesen Teil der Geschichte kann man ganz anders erzählen als dieses bekannte Ende. Jedenfalls hat dies Stephen Frears, der Regisseur des Films „TheProgram – um jeden Preis“ getan.

Um die Tiefe des Falls von Lance Armstrong zu verdeutlichen, lässt Frears die Zuschauer zunächst an jenem Epos teilhaben, das den Mythos Armstrong ausmachte. Jene Story eines talentierten Sportlers, der mit 21 Jahren jüngster Profi-Straßenweltmeister wurde, bevor er an Hodenkrebs erkrankte. Wie er nicht aufgab und den Krebs besiegte. Wie er 1998 zum Radsport zurückkehrte – ein Jahr, nachdem Jan Ullrich als erster und bislang einziger Deutscher die Tour de France gewann.

Apropos Jan Ullrich, der derzeit offenbar an einem neuerlichen Tiefpunkt seines Lebens angekommen ist und im alkoholisierten Zustand auf Mallorca bei seinem Nachbarn Til Schweiger randalierte. Wäre der Deutsche nicht ebenfalls ein lohnendes Objekt für die Verfilmung eines Sportlerlebens voller Emotion und Drama? Im Gegensatz zu Armstrong wurde Ullrich sein Tour-Sieg zwar nicht aberkannt, aber die Höhen und Tiefen im Leben des Rostockers dürften mindestens ebenso interessant sein wie beispielsweise das Scheitern von Ex-Bundespräsident Christian Wulff, das Sat1 in dem Dokudrama „Der Rücktritt“ thematisierte.

Dokumentationen über Jan Ullrich hat es immerhin gegeben, zum Beispiel 2016 beim ZDF unter dem Titel „Für mich gab’s keine Grenzen“. Doch ein Biopic-Projekt wie „The Program“, das gab es weder beim ZDF noch bei der ARD, obwohl doch gerade letzterer Sender eine besondere Nähe zum deutschen Tour-Sieger unterhielt. Doch möglicherweise spricht genau dies gegen einen Ullrich-Film, einmal davon abgesehen, dass seit dem Ende seiner Profi-Karriere über zehn Jahre vergangen sind.

In Armstrongs Lebensverfilmung wird sogar der Moment, in dem er den italienischen Doping-Arzt Michele Ferrari (Guillaume Canet) davon überzeugte, dass er für dessen „Programm“ geeignet sei, um dann im Jahr 1999 zum ersten Mal in Paris ganz oben auf dem Podest der Frankreichrundfahrt zu stehen, als Sieg gefeiert. „Wir kriechen nicht mehr auf der Erde. Jetzt können wir fliegen“, so drückte es Doping-Arzt Ferrari aus. Ikarus lässt grüßen.

Doping zu Ramones-Riffs

Fast möchte man beim Zuschauen sagen: Warum nicht dopen, machen ohnehin alle? Wer gewinnen will, muss sich entscheiden. Jan Ullrich hat auch immer betont, er habe nicht betrogen, sondern nur für Chancengleichheit gesorgt. Im Armstrong-Film fährt es sich zu den Gitarren-Riffs der Ramones und mit gehörig Epo im Blut jedenfalls deutlich besser die Berge hoch. Am Ende unterscheidet Armstrong allerdings nur noch zwischen seinem Team und den Feinden rundherum. Was bleibt, ist ein Zerrbild von Arroganz und Überheblichkeit auf dem Antlitz des Amerikaners.

„The Program“ ist keine Dokumentation, sondern ein filmische Rekonstruktion von Armstrongs Aufstieg und Fall. Zu sehen ist nicht das einstige Sportidol selbst, sondern der Schauspieler Ben Foster, der zum Beispiel im Geiseldrama „Hostage – Entführt“ einen Gegenspieler von Bruce Willis spielte. Dass Foster und Armstrong trotz glaubhafter Darstellung klar unterscheidbar bleiben, lässt immer erkennen, dass es sich um einen Film und keine Dokumentation handelt. Denn auch wenn sich vieles von dem, was gezeigt wird, mit den bekannten Fakten deckt, lässt sich anderes nicht mit letzter Sicherheit sagen, weil es sich hinter verschlossenen Türen ereignete oder auf den Aussagen anderer Beteiligter beruhte. Und die, die Armstrong später durch ihre Aussagen zu Fall brachten, taugen wie der Dopingsünder Floyd Landis (Jesse Plemons) schwerlich als Sympathieträger. Dass für den Film Dustin Hoffman als Manager einer Rückversicherung besetzt wurde, die Armstrong hohe Siegprämien zahlte, bevor sie sich gegen ihn stellte, ist in gewisser Form auch eine Art Doping – diesmal für den Film.

"Ein unglaublicher Manipulator"

Der britische Regisseur, der sich sowohl mit realen Personen („Die Queen“) als auch mit fiktiven Stoffen („Gefährliche Liebschaften“) beschäftigte, hatte mit Ausnahme eines TV-Films über Muhammad Ali zuvor wenig mit Sport zu tun. Die Basis für seinen Film stellt das Sachbuch des irischen Sportjournalisten David Walsh dar, der als einer der Ersten erkannte, dass mit mit dem System Armstrong etwas nicht stimmte. Im Film wird Walsh von Chris O’Dowd dargestellt. „Dass ich Lance Armstrong als Figur so interessant finde, hat gar nicht unbedingt mit der Tatsache zu tun, dass er betrogen hat. Sondern vor allem damit, dass er so ein unglaublicher Manipulator war. Er hat die Leben und Karrieren von anderen ruiniert, nur um vorwärtszukommen. Das ist viel unverzeihlicher als alles, was er sich in den Körper injiziert hat“, sagte er über den Sportler, der versucht hatte, Walsh juristisch zum Schweigen zu bringen. Als ebenbürtiger Antipode taugt Walsh allerdings nicht. Am Ende wurde Armstrong durch die Aussagen von ehemaligen Team-Kollegen zu Fall gebracht. Der Armstrong-Darsteller Ben Foster hat bei der Vorbereitung auf seine Rolle übrigens nicht nur alles gelesen, was er zu dem Thema in die Finger bekam. Er habe auch selbst unter Aufsicht gedopt, sagte er in Interviews.

Wie sauber der Radsport inzwischen tatsächlich ist, das zu beurteilen fällt selbst Experten schwer. Immerhin zeigen die Fans inzwischen eindeutig, was sie von Doping halten. Chris Froome, der trotz erhöhter Werte durch ein Asthmamittel doch zur diesjährigen Frankreich- Tour zugelassen wurde, wurde von den Zuschauern nahezu ohne Unterbrechung ausgebuht. Auf Helden mit zweifelhaftem Hintergrund wird gerne verzichtet.

Mehr zum Thema

„The Program – um jeden Preis“, ZDF, Dienstag, 23 Uhr

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!