Arte-Doku über globalen Alkohol-Rausch : Gefährliche Droge

Von Glücksmomenten, zynischem Marketing und staatlichem Versagen: Eine Arte-Dokumentation über globalen Alkohol-Rausch.

Bier ist ein Zukunftsmarkt für Afrika. Eine Aufnahme von einem Strand in Nigeria.
Bier ist ein Zukunftsmarkt für Afrika. Eine Aufnahme von einem Strand in Nigeria.Foto: arte

Der Hopfen im Gewächshaus ist umstellt von großen Bildschirmen, auf denen pausenlos Spielszenen des FC Liverpool aus den vergangenen 25 Jahren zu sehen sind. Auf diese Weise solle sich der „Spirit“ des Vereins auf die Pflanzen übertragen, sagt ein Herr im weißen Kittel, der recht seriös wirkt.

Was der Fußball-Geist von der Anfield Road mit dem Hopfen so alles treibt, bleibt letztlich unklar. Jedenfalls hat Carlsberg aus diesen Pflanzen ernsthaft ein spezielles Bier für Liverpool-Fans gebraut und auf den Markt gebracht. Der dänische Konzern sei der einzige Alkoholproduzent gewesen, der Dreharbeiten auf dem Firmengelände gestattet habe, sagt Dokumentarfilmer Andreas Pichler.

Die Enthaltsamkeit der anderen hängt möglicherweise mit dem unschönen Thema seines Films „Alkohol – Der globale Rausch“ zusammen (Dienstag, Arte, 20 Uhr 15): Weltweit sterben jährlich drei Millionen Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums. Das seien „mehr Tote als durch Verbrechen, Verkehrsunfälle und illegale Drogen zusammen“, informiert eine Schrifttafel am Ende.

Zu Beginn outet sich der Autor, der 2005 für seinen Callcenter-Film „Call me Babylon“ einen Grimme-Preis erhalten hatte, erst einmal als einer von uns Durchschnittstrinkern, die Leckerprozentigem nicht immer widerstehen können. An dem Versuch, seinen Alkoholkonsum radikal einzuschränken, sei er kläglich gescheitert. Tatsächlich vermeidet er auch sonst den Gestus des Besserwissers, der Steine aus dem Glashaus schmeißt.

Zudem verzichtet Pichler auf allzu abschreckende Bilder, nur ein paar Betrunkene torkeln übers Münchener Oktoberfestgelände. Dafür handelt sein Film von der menschlichen (Sehn-)Sucht nach Glücksmomenten, von Lobbyismus, zynischen Marketingstrategien und staatlichem Versagen, aber auch vom erfolgreichen Kampf gegen Alkoholismus.

Auch Prostituierte, die Alkohol und Sex verkaufen, wurden schon gezielt angeworben

Sarah Halpin, leidenschaftlicher Fan des FC Everton und einst ebenso leidenschaftliche Komasäuferin, erzählt offenherzig die Geschichte ihrer Sucht – und ihrer Genesung. Die muntere junge Frau ist seit drei Jahren wieder trocken, ähnlich wie der österreichische Journalist Lorenz Gallmetzer, der bekennt: „Solange ich nicht alkoholkrank war, war mein Leben mit Alkohol viel, viel schöner als mein Leben ohne Alkohol.“

Was die legale Droge mit dem menschlichen Körper anstellt (viel), welche Menge noch tolerabel ist (nicht allzu viel) und wann sich der Genuss in krankhafte Sucht wandelt (wenn man immer mehr braucht), erklären Ärzte und Psychologen. In Deutschland gelten 1,8 Millionen Menschen als alkoholabhängig, zunehmend auch Frauen, da Alkohol „Teil der Emanzipation“ geworden sei, wie Autor Pichler steil formuliert.

Aufschlussreich sind seine Recherchen in Nigeria, einem der größten Wachstumsmärkte in Afrika. Hier gibt es angeblich keine Verkaufs- und Altersbeschränkungen, und im Marketing setzen auch europäische Konzerne auf zweifelhafte Methoden: Junge, hübsche Frauen, gekleidet in engen Heineken-Kostümen, verkaufen dort auf der Straße die Produkte des niederländischen Brauereikonzerns. Eine von ihnen erzählt, wie sie sich immer wieder gegen Übergriffe wehren muss. Auch Prostituierte, die Alkohol und Sex verkaufen, wurden schon gezielt angeworben.

Raphael Gaßmann von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen beklagt, dass die große Koalition zwar das Gesundheitsziel „Alkohol reduzieren“ ausgegeben habe, aber die Bundesregierung ihre Arbeit daran eingestellt habe. In anderen europäischen Ländern geht es nicht besser zu.

David Nutt, Pharmakologe aus London, nennt Alkohol aufgrund seiner gewaltigen gesamtgesellschaftlichen Kosten die „gefährlichste Droge“. Weil der Staat durch Steuereinnahmen profitiere, opferten die Politiker für kurzfristige finanzielle Vorteile lieber langfristig die Gesundheit der Bevölkerung, kritisiert Nutt. Seinen Job als Berater der britischen Regierung ist er mittlerweile los.

Den bei seinem Publikum drohenden gewaltigen Kater dämpft Autor Pichler mit konstruktivem Schluss: In Island wurde massiv in den Ausbau von Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche investiert. So gelang es, den Anteil der 15-Jährigen, die regelmäßig Alkohol trinken, von 42 auf fünf Prozent zu senken.

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