Arte-Doku über Nordkorea : Austausch ist nicht gewollt

Vom Versuch unternehmen, in Pjöngjang Grenzen zu überschreiten: Die Arte-Doku „War of Art“ begleitet eine Künstlergruppe in Nordkorea.

Fast schon subversiv. Das Filmplakat „War of Art“ prangt auf einem U-Bahn-Wagen in Pjöngjang. Kenner werden erkennen, dass dieser U-Bahn-Typ mal auf den Schienen der BVG durch Westberlin fuhr.
Fast schon subversiv. Das Filmplakat „War of Art“ prangt auf einem U-Bahn-Wagen in Pjöngjang. Kenner werden erkennen, dass dieser...Foto: dpa

Von Beginn an liegt da etwas Bedrückendes unter den Bildern. Etwas, was von der Unfreiheit dieses Landes erzählt. So ergeht es auch der internationalen Künstlergruppe, die auf Initiative des in Oslo lebenden Künstlers Morten Traavik für eine gute Woche nach Nordkorea reist, nach Pjöngjang. Als sie unterwegs im Reisebus zum Hotel sind, ein Zwischenstopp eingelegt wird und sich einer der Künstler nur wenige Meter von Bus und Gruppe entfernt, da wird er von einem der nordkoreanischen sogenannten Koordinatoren, die die Gruppe begleiten und auf sie aufpassen, zur Ordnung gerufen. Er würde damit Grenzen verletzten und die Verkehrsordnung stören, er würde damit den nordkoreanischen Bürgern etwas vorführen, was sie selbst nicht dürften.

Ein anderes Mal, als einer der Koordinatoren nicht zum vereinbarten Zeitpunkt am Hotel ist, in dem sie alle untergebracht sind, da bewegt sich der aus Berlin stammende Klangkünstler Nik Nowak nur einige wenige Hundert Meter vom Hotel weg und nimmt mit Kamera und seinen Mikrofonen eine der allmorgendlichen farbenfrohen Fahnenzeremonien auf. Als der auch für ihn zuständige Mister Ham dies schließlich mitbekommt, wird Nik Nowak eindringlich mitgeteilt, er verhalte sich sehr auffällig – „it looks suspicious!“.

„War of Art“ heißt der Kino-Dokumentarfilm des norwegischen Regisseurs Tommy Gulliksen, den Arte unter dem deutschen Titel „Nordkorea – Kunst im Schatten der Bombe“ und um 30 Minuten gekürzt als TV-Erstausstrahlung zeigt.

Gulliksen begleitet seinen Landsmann Morten Traavik, der seit 2011 mit dem nordkoreanischen Regime in Kontakt steht, und die anderen Kunstschaffenden aus westlichen Ländern, wie sie den meist vergeblichen Versuch unternehmen, in Pjöngjang die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen zu überschreiten, um mit den ortsansässigen Behörden sowie den Künstlern der Metropole in einen wirklichen Dialog zu treten. Sie wollen den künstlerischen Austausch, das Gegenseitige zeigen und verschiedenste Kunstformen vermitteln.

Die USA hätten gegen ihr Land keine Chance

Dies alles gestaltet sich als äußerst schwierig. Es folgt Hürde auf Hürde, die Kommunikation ist von Unverständnis, Zurechtweisungen und Kontrolle geprägt. Es dauert letztlich nicht lang, da beginnen die Künstler aus der freien westlichen Welt zu resignieren.

Eines Morgens in diesem September 2017 erfahren die Künstler schließlich davon, dass Nordkorea offenbar einen Wasserstoffbombentest durchgeführt hat. Aus dem Film-Off ist die Stimme Donald Trumps zu hören. Auf dem Flachbildschirm in der deprimierend sterilen Hotel-Lobby verkündet eine Nachrichtensprecherin vor Freude glucksend und jubilierend, dass der Test gelungen sei – daraufhin klatschen die um die Künstler umherstehenden Koordinatoren und Aufpasser frenetisch Beifall.

Nun seien sie frei und unbesiegbar, erklärt Mister Ham der aus Irland stammenden, in London arbeitenden Opernregisseurin Cathie Boyd. Nun seien auch sie ein souveräner Staat, der sich verteidigen könne. Die USA hätten gegen ihr Land keine Chance.

Cathie Boyd ist einigermaßen konsterniert, ringt ebenso um Fassung wie um passende Worte. Dann erzählt sie von Irland, von der Teilung, und auf einmal, es ist einer der eigenartig wärmeren Momente dieses Dokumentarfilms, stimmt ihr Mister Ham zu. Eine Teilung, nein, das sei nicht gut.

Am Ende der ebenso sehenswerten wie beklemmenden Dokumentation – in der en passant auch immer wieder der Kult um den Führer Kim Jong-un thematisiert wird – ist aus dem Off zu hören, wie die Künstler ihre Rückkehr in die „Außenwelt“ antreten. In jene Welt also, in der wir leben und die uns als vollkommen normal erscheint.

War man einmal in Korea – oder hat man mittels Tommy Gulliksens Film „War of Art“ einmal einen Blick, wenngleich nur einen oberflächlichen, hinter die Systemmauer geworfen –, dann begreift man, dass nichts, was unter Freiheit zu verstehen ist, normal ist. Und schon gar nicht selbstverständlich. Auch heute nicht.

„Nordkorea – Kunst im Schatten der Bombe“, Arte, Mittwoch, 21 Uhr 45