Arte-Film "Hanne" : Wer wir sind

Dominik Graf zeigt Iris Berben als „Hanne“ in einem Frauenporträt zwischen Leben und Tod.

Was lassen, was tun? Hanne (Iris Berben) ist in ihrem Hotel angekommen. Sie hat kurz zuvor erfahren, dass sie Blutkrebs hat.
Was lassen, was tun? Hanne (Iris Berben) ist in ihrem Hotel angekommen. Sie hat kurz zuvor erfahren, dass sie Blutkrebs hat.Foto: NDR/Volker Roloff

Gestern erst wurde Hanne Dührsen (Iris Berben) als langjährige Chefsekretärin und rechte Hand der Geschäftsleitung einer großen Firma in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Nun also ist diese ebenso aktive wie attraktive Frau Rentnerin. Eine Zäsur, ein neuer Lebensabschnitt beginnt für den Single. Sie bestellt die Maler, die ihre großzügige Wohnung streichen sollen. Hier, so erklärt sie den Handwerkern beinahe rechtfertigend, hier lebe sie allein. Und da steht noch der Termin im Krankenhaus an, eigentlich nur ein Routineeingriff, will Hanne sich doch die Krampfadern entfernen lassen. Dann bittet sie der junge Arzt Dr. Hamed (Mohamed Achour) zunächst noch mal in einen Raum. Hanne ist irritiert. eigentlich war alles besprochen. Und: Sie hat ja Pläne, die renovierte Wohnung, vielleicht eine Reise. Dann sitzen sich der Arzt und die Frau gegenüber.

„Also, was ist los? Warum bin ich hier?“, fragt Hanne mit nervöser Ungeduld Dr. Hamed. Der junge Arzt zögert, auch ob der Konsequenz dessen, was er dieser Frau nun wird eröffnen müssen: „In ihrem Blutbild sind Auffälligkeiten. Die Anzahl der weißen Blutkörperchen ist zu hoch, das könnte eine Leukozytose sein.“ – „Wovon sprechen Sie?!“ – „Von Blutkrebs.“

Mit diesem Moment ändert sich das Leben von Hanne Dührsen vollständig. Der Satz des Arztes trifft sie ins Mark. Es werde nun alles untersucht, sagt er, am Montag wisse man Genaueres, dann liege der endgültige Befund vor. Sie solle sich über das nun vor ihr liegende Wochenende ablenken.

Ein Weekend in zwölf Kapiteln

Die Krankenhaus-Sequenz ist Kapitel drei des neuen Fernsehfilms von Regisseur Dominik Graf (Drehbuch: Beate Langmaack), der schlicht „Hanne“ betitelt ist. In zwölf Kapiteln wird dieses Wochenende erzählt. Aus dem Off spricht Graf selbst die Kapitelzahl ein, danach ist Iris Berbens Stimme zu hören, mit der jeweiligen Kapitelüberschrift. Kapitel drei lautet „Einem Arzt zuhören“. Hanne entschließt sich, in der fremden Stadt, in die sie für den geplanten Klinikaufenthalt gereist ist, zu bleiben. Kurz entschlossen checkt sie in einem Hotel ein, in dem sie bis Montag bleibt. Dem Tag, an dem ihr der Befund mitgeteilt wird.

Vollkommen unaufgeregt wird dieser Hanne nachgegangen, wie sie auf dem Hotelzimmer im Internet nach den erwähnten Symptomen sucht, wie sie abends zu einem Italiener geht, dort von der lebensfrohen, lauten Uli (Petra Kleinert) an deren Tisch gebeten wird, wo die Familie gerade den 70. Geburtstag des dröge Witze erzählenden Gatten feiert. Mit Uli, einer völlig Fremden, wird Hanne die halbe Nacht lang durchreden, durchtanzen, durchtrinken. Anderntags ruft sie bei Heiner Witt (Herbert Knaup) an, einer Liebe von einst, viele Jahre ist das her. Heiner leitet eine Baufirma, dort besucht Hanne ihn, sie rufen die Vergangenheit ab, fahren Lkw im Kreis und verbringen die Nacht miteinander. Hanne will das Leben noch mal spüren. Läuft durch den Regen, mäandernd, suchend, hilflos auch. Kapitel zehn, „Abseits verstehen“.

„Hanne“ tariert das Sein aus und zeigt auf, wie es ist, wenn der Mensch nicht mehr wie sonst tagein, tagaus sein Leben leben kann. „Hanne“ blendet den Tod nicht aus, sondern integriert ihn in das Denken, Fühlen und Handeln dieser Frau, die zweieinhalb Tage lang nicht weiß, wie lange sie noch zu leben hat. Der Film, der eigenwillig und eigensinnig ist, verhandelt die Frage: Wer oder was sind wir? Hanne ist an diesem Wochenende dabei, es für sich herauszufinden.

„Hanne“, Freitag, Arte, 20 Uhr 15

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