Aus fürs ZDF-"Nachtstudio" : „Soll ich aufstehen und Alarm läuten?“

Das „Nachtstudio“ im ZDF ist eine Institution geworden. Am kommenden Sonntag läuft nun die letzte Folge dieser ungewöhnlichen Talkrunde. Ein Gespräch mit Moderator Volker Panzer über Paradiese, Dimensionen und Löcher.

Thomas Eckert
Gleich kommen die Gäste. Volker Panzer hat schon mal das Kaminfeuer in seinem TV-Salon angezündet. Foto: ZDF
Gleich kommen die Gäste. Volker Panzer hat schon mal das Kaminfeuer in seinem TV-Salon angezündet. Foto: ZDFFoto: Jürgen Detmers

Herr Panzer, 15 Jahre „Nachtstudio“, eine verdammt lange Zeit. Und immer diese schweren Themen. Ist es nicht schön, diese Last bald los zu sein?

Nein. Und wissen Sie warum? Weil es keine Last war. Ich bin Deutschlands ältester Schüler. Ich habe in all diesen Jahren unablässig gelernt. Dank meiner Mitarbeiter. Die haben mich vor jeder Sendung mit einem Dossier versorgt. Und ich durfte lernen. Herrlich.

Mit anderen Worten: Sie haben andere für sich arbeiten lassen. Deutschlands faulster Moderator!

Es gibt wahrscheinlich noch faulere. Ich war natürlich immer fleißig und immer gut vorbereitet. Aber nie der Meinung, dass meine Meinung die wichtigste sei. Ich habe versucht, mich nie zu bewusst in den Vordergrund zu stellen. Das hat sicher auch zur besonderen Atmosphäre des „Nachtstudios“ beigetragen.

Was haben Sie in den 15 Jahren als „Nachtstudio“-Moderator gelernt?

Zum Beispiel, dass Gäste sich eher öffnen, wenn sie in einem geschlossenen Raum agieren können. Also ohne Publikum, ohne die große Öffentlichkeit. Wir haben anders geredet als andere. Von meinen insgesamt 2500 Gästen waren nur drei oder vier nach dem Gespräch der Meinung, wir hätten Blödsinn geredet. Wir haben versucht, Gespräche zu führen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

So viel Harmonie. Vielleicht haben Sie einfach nicht die richtigen Fragen gestellt.

Wie mit einem Korkenzieher in ein Thema einzudringen und mit einem Plopp herauszuholen, was herauszuholen ist, das war nie meine Methode. Es ging immer um eine andere Dimension.

Sie wollen befrieden, wo andere Streit haben wollen. Der gute Mensch des ZDF.

Befrieden nicht unbedingt. Friedensmissionen bedeuten ja in der Regel Krieg. Aber ich bin nicht der Rabauke des ZDF, so weit könnte ich Ihnen entgegenkommen.

Klingt ein bisschen langweilig.

Mein Publikum hat das nicht so gesehen. Wir hatten zum Beispiel nie Ärger mit dem ZOF des ZDF, dem zielorientierten Führungssystem. Das bedeutet, dass wir die Quote, die wir zu erreichen hatten, immer geschafft haben.

Was wäre passiert, wenn Sie sie nicht geschafft hätten?

Nix.

ZDF: Das Paradies auf Erden.

Wenn wir die Quoten über ein oder zwei Jahre nicht geschafft hätten, wären auch wir aus dem Programm geflogen. Aber glücklicherweise sind wir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und außerdem hatten wir ja einen Bildungsauftrag zu erfüllen.

Vielleicht durften Sie auch nur deshalb so lange senden, weil Ihre Sendung so günstig zu produzieren ist. Mit anderen Worten: Wenn überall gespart werden muss, hat eine Sendung wie Ihre beste Karten.

Da ist was dran. Die Honorare, die unsere Gäste bekommen, sind tatsächlich nicht üppig. Und unsere kleine Redaktion hat auch keine Unsummen verschlungen. Aber Geld ist nicht alles, nicht einmal im Fernsehen.

Dann können wir das Gerücht vergessen, das „Nachtstudio“ muss aufhören, weil das ZDF sparen muss?

Vollkommen. Wir sind neben „Volle Kanne“ die preisgünstigste Sendung im Programm des ZDF.

Dann kann es nur einen anderen Grund geben: Sie sind mit 65 inzwischen einfach zu alt für das ZDF, das ja mit aller Macht jünger werden will.

Das mag schon sein, aber ich glaube auch nicht, dass das der Grund ist. Aber wenn einer sowieso geht, dann liegt doch die Überlegung nahe, seine Sendung gleich mit wegzusparen. Wäre ich zwei oder drei Jahre jünger, würde das „Nachtstudio“ weiter senden, da bin ich mir ziemlich sicher.

Hat niemand Ihr Nachfolger werden wollen?

Es gab Anfragen. Ich hätte es gern gesehen, wenn es weitergegangen wäre. Nicht zuletzt wegen meiner Mitarbeiter. Harald Lesch zum Beispiel wäre ein guter Nachfolger gewesen, aber das ist meine ganz private Meinung.

Und Wolfgang Herles?

Hätte es sehr gerne gemacht, das hat er mir selbst gesagt. Aber hat es nicht bekommen. Punkt.

Sie wissen ja schon einige Zeit, dass Sie aufhören müssen ...

... halt, das stimmt so nicht. Dass ich 2012 in Rente gehe, das wusste ich natürlich. Aber dass ich nicht mehr das Jahr durchsenden würde, das weiß ich erst seit Februar 2012.

Und spätestens ab da hätten Sie laut „Skandal!“ rufen müssen.

Warum?

Weil das ZDF die Kultur aus dem Nachtprogramm nimmt: Tabula rasa. Und Sie schweigen! Als Kulturmensch!

Soll ich aufstehen und die Alarmglocken läuten? Das bringt doch nichts. Als bekannt wurde, dass das „Philosophische Quartett“ aufhören muss, gab es zwei Wochen lang Proteste. Dann war’s vergessen. Warum soll ich als optimistischer Mensch mich aufregen? Es ist, wie es ist. Und Ende.

Das alte Lied: Kulturmenschen tun sich mit dem Kämpfen schwer.

Könnte sein. Aber ich frage Sie: Wie hätte ich denn kämpfen können?

Zum Beispiel, indem Sie Ihre 2500 Gäste auf die Barrikaden treiben.

Das hätte nichts gebracht, glauben Sie’s mir. Natürlich bin ich traurig, dass es meine Sendung nicht mehr geben wird. Und ehrlich gesagt: Ich kann die Entscheidung des ZDF auch nicht wirklich nachvollziehen. Schließlich waren wir einzigartig. Sicher, das ZDF will und muss neue Wege gehen. Aber wenn wir mit einer Sendung über die documenta in Kassel 400 000 Zuschauer, und das mitten in der Nacht, erreichen, dann soll uns das erst mal einer nachmachen.

Ein Loch tut sich auf. Was wird statt des „Nachtstudios“ laufen?

Nichts. Also Wiederholungen. Krimis wahrscheinlich.

Trübe Aussichten. Aber lassen Sie uns den Tatsachen ins Auge sehen: Es wird im deutschen Fernsehen so viel getalkt wie nie zuvor. Eine Talkrunde mehr oder weniger, was macht das schon?

Wir sind keine x-beliebige Talkrunde. Wir haben uns bemüht, Erkenntnisse zu liefern. Wenn andere über das Betreuungsgeld streiten, kümmern wir uns um Themen wie „Die deutsche Mutter“ oder die Evolution. Das ist doch eine ganz andere Dimension.

Alle, alle kamen gerne zu Ihnen. Wer kam nie?

Der Soziologe Ulrich Beck. Wir haben ihn des Öfteren angefragt. Aber er hatte nie Zeit. Warum, weiß ich auch nicht.

Wen würden Sie nie wieder einladen?

Einen gewissen Pädagogen, Bestsellerautor, den Namen möchte ich verschweigen. Ein Mann, der sich nur für sich selbst interessiert. Der passte nicht zu uns.

Zum Abschied bereiten Sie sicher etwas ganz Heißes vor. Wie heißt das Thema Ihrer letzten Sendung?

„Wie viel Kultur braucht der Mensch heute?“

Oha.

Der Gag dabei ist, dass die erste aufgezeichnete Sendung des „Nachtstudios“ 1997 auch diesen Titel hatte, jedenfalls beinahe. Sie hieß „Wie viel Kultur braucht der Mensch?“. Damals waren Cora Stephan, Johannes Willms und Hanns-Josef Ortheil dabei. Die drei werden mich auch am 24. Juni begleiten. Ein „Nachtstudio“ unter Freunden. Ein bisschen Romantik zum Schluss, wenn Sie erlauben.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

Volker Panzer, Jahrgang 1947, stammt aus dem Saarland und hat ein geistes- und sozialwissenschaftliches Studium absolviert. Ab 1977 arbeitete er als freier Kulturjournalist für ARD und ZDF, 1989 wurde er Redakteur beim Kulturmagazin „Aspekte“. Später leitete er die Redaktion „Geschichte und Gesellschaft“. Das Gesprächsformat „Nachtstudio“, dessen Leiter und Moderator er bis heute ist, begründete er 1997. Mit Panzers Abschied vom ZDF wird die Sendung eingestellt. Am Sonntag, 24. Juni, ist Finale um 0 Uhr 20. Danach, um 1 Uhr 30, zeigt das ZDF 130 Minuten lang „Der Kult im Kasten – Das Beste aus 15 Jahren ZDF-Nachtstudio“.

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