Bremer Kommissare hören auf : Absprung nach 22 Jahren

Die „Tatort“-Kommissare Lürsen und Stedefreund haben in Bremen ihren letzten gemeinsamen Einsatz

Stedefreund (Oliver Mommsen) und Inga Lürsen (Sabine Postel) suchen im Finale den großen Absprung.
Stedefreund (Oliver Mommsen) und Inga Lürsen (Sabine Postel) suchen im Finale den großen Absprung.Foto: dpa

Am Anfang des "Tatorts" steht ein tiefer Fall. Die Seitentür eines kleinen Sportflugzeugs wird aufgerissen, und die beiden Bremer Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) sitzen dahinter in der Hocke, mit Helm und Fallschirm ausgerüstet. Unter ihnen gähnende Tiefe. Lürsen zögert, will eigentlich nicht springen. „Ich bin doch nicht bescheuert!“, ruft sie. Doch Stedefreund ermutigt sie: „Wenn du jetzt nicht springst, springst du nie.“ Wenn nicht jetzt, wann dann? Dann springen sie, mit Stedefreundschem Schub. Gemeinsam. Im Team. Lürsen ist begeistert von diesem Moment der völligen Freiheit. Diesem Losgelöstsein über den Wolken. Als sie sicher unten ankommen, da sagt sie völlig euphorisch zu ihm: „Es war so schön!“ Später beschließen sie, noch mal zu springen. Noch mal diese Grenzenlosigkeit spüren. Doch dazu soll es nicht mehr kommen.

Die luftige Eingangs-Sequenz des neuen „Tatort“ aus Bremen thematisiert motivisch gleich mehrerlei: Denn zum einen wird dieser Fall mit dem schönen prosaischen Titel „Wo ist nur mein Schatz geblieben?“ die Kommissare an Grenzen führen, Grenzen auch des Vertrauens zueinander. Zum anderen ist dies der letzte Fall mit Sabine Postel und Oliver Mommsen. Es geht also auf allen Ebenen ums Loslassen. Lürsen und Stedefreund werden einander loslassen müssen, das Fernsehpublikum, das möglicherweise von Beginn an das Ermittlerpaar aus Bremen begleitet hat, ebenfalls.

Rückblick nach 1997

Der Retro-Blick zurück reicht bis in das Jahr 1997, 28. Dezember: Da beginnt alles mit Fall eins, „Inflagranti“. Die ersten fünf Fälle sind zunächst nur mit Sabine Postel als Inga Lürsen. 2001 stößt Oliver Mommsen als Stedefreund dazu. Nach insgesamt 39 Fällen und 22 Jahren ist nun Schluss: Eines der beliebtesten Kommissar-Teams tritt vom bundesdeutschen TV-Bildschirm ab. Einige ihrer Fälle, etwa „Die Wiederkehr“ (2015) oder „Im toten Winkel“ (2018) knackten die magische Zehn-Millionen-Marke. Dabei zählten die Fälle der beiden Bremer gewiss nie zu den unterhaltsamsten, wie etwa jene des Münsteraner Spaßduos. Nein, Bremen, das war immer auch der sozialkritische Ansatz, das Brennglas auf der Gesellschaft, das spannende Ausprobieren in unterschiedlichsten Genres, vom Familiendrama über den Mafia-Thriller bis hin zum Elektroauto-Killer-Fall. Bremen hatte immer auch etwas Innovatives, stand für das Experiment, für das Austesten von Neuem. Dies alles geschah stets mit einer erfreulich unprätentiösen Ernsthaftigkeit. Eigentlich ist Bremen das ungeschliffene Juwel unter den „Tatorten“. War es.

Auch dieser letzte, sehenswerte 39. Fall (Regie: Florian Baxmeyer; Drehbuch: Florian Baxmeyer, Michael Comtesse und Stefanie Veith), dessen Spannungsspirale sich in der zweiten Hälfte hochdreht, ist wahrlich nicht unterkomplex. Bauarbeiter finden eine Frauenleiche, verscharrt unter der Asphaltdecke einer Straße. Die Tote, Martina Koch (Lotta Doll), hat für eine Immobilienfirma gearbeitet, die in illegale Geldgeschäfte mit der tschetschenischen Mafia verstrickt ist. Die Firma wird geleitet von Vera Berlov (Violetta Schurawlow), die nicht nur die Schwester des brutalen tschetschenischen Clan-Anführers Adam Berlov ist, sondern gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, Roger Stahl (Kostja Ullmann), gerade ein Kind bekommen hat.

Blutiges Finale

Da kommt der Bruder mit seinem Clan schon mal vorbei, um nicht nur sieben illegale Millionen zu deponieren, sondern auch einen von Kopf, Armen und Beinen befreiten Torso, der lästigerweise noch im Kofferraum liegt, hübsch in Plastikfolie drapiert, und den sein Schwager in spe doch bitte kurz beseitigen soll. Was niemand weiß: Roger Stahl ist ein verdeckter Ermittler des BKA. Dessen Mitarbeiter Maller (Robert Hunger-Bühler) und Kempf (Philipp Hochmair) schalten sich nicht nur urplötzlich in die Bremer Ermittlungen ein, sondern behindern diese gezielt. Die beiden sind eiskalt, das sieht man ihnen sofort an. Sie gehen über Leichen. Mit Stedefreund haben sie zudem noch eine Rechnung offen.

Es kommt, wie es vielleicht kommen musste: Die Bremer Polizei, das BKA, und die Tschetschenen liefern sich einen blutigen finalen Showdown. Nicht alle werden ihn überleben. Thilo Wydra

„Tatort – Wo ist nur mein Schatz geblieben?“, ARD, Ostermontag, 20 Uhr 15

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